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Ausgabe Nr. 02/2022 vom 11.01.2022, Foto: Roland Holitzky (2)
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Gerhard Scharfetter ist noch immer Greißler.
Als beim Greißler noch
geplaudert wurde
Wie die Menschen vor 160 Jahren eingekauft haben, ist im Kaufhaus-Museum in St. Michael im Lungau (S) zu sehen. Hunderte Exponate der ehemaligen Greißlerei versetzen die Besucher in eine andere Zeit zurück, und Gerhard Scharfetter, 80, Urenkel des Kaufhaus-Gründers, erklärt bei Führungen das Leben von einst. Zudem steht er selbst noch in seinem Laden nebenan.
Halb geöffnete Schubladen, gefüllt mit getrocknetem Salbei aus dem Jahr 1906, Ringelblumen von 1899 oder Holunderblüten-Tee aus dem Jahr 1902 lassen die Besucher staunen. Beim Krämer „Scharfetter“ gab es in vergangenen Zeiten so gut wie alles, was die perfekte Hausfrau für den Alltag benötigte. So reihten sich zu den Lebensmitteln auch Stoffe, Schuhcreme und Schuhbänder und sogar Kleidung. Wie etwa ein hellblaues Nachthemd, das innen leicht angeraut ist, denn die Nächte waren kühl.

Ein paar Stufen führen dann nach oben. Ein aufwändig restauriertes Gewölbe und eine Wandmalerei aus dem Jahr 1850 sind hier zu sehen. Eine alte Kredenz, ein Zeitungsständer mit Tageszeitungen ab 1879 sowie ein Tresor, gefüllt mit alten Banknoten, geben Einblick in die vergangene Zeit. Ein weiterer Raum zeigt alte Sofortbildkameras, einen Playmobilzirkus, einen „Pez-Automaten“ sowie alte Holzschi. Erklärungen zu den Unikaten geben angebrachte Texte und Bilder, eine andere Möglichkeit ist, Gerhard Scharfetter zu fragen.

Das modernste Kaufhaus im Lungau
Der 80jährige ist Hausherr und Kaufmann und hat den liebevoll erhaltenen Krämerladen in St. Michael im Lungau (Salzburg) im vorigen Jahr als Kaufhaus-Museum eröffnet. „Mein Urgroßvater Simon hat bereits im Jahr 1861 den Krämerladen eröffnet und ihn als Gemischtwarengeschäft geführt. Laut einem Zeitungsbericht von damals war es das modernste Kaufhaus im Lungau“, erzählt Scharfetter stolz, der nur einen Raum weiter noch immer ein Geschäft mit einer Buchhandlung, einer Trafik, mit Papierwaren und Spielzeug betreibt. „Schon als Kind habe ich im elterlichen Krämerladen mitgeholfen und Mitte 1950 dort auch meine Lehre begonnen. Früher hatten wir überwiegend Stammkundschaft aus dem Ort. Später kam mit der Sommerfrische der Tourismus dazu. Auf diese Weise habe ich meine Frau Gertrude, 78, kennengelernt. Sie kommt aus Oberösterreich und hat bei uns ihre Ferien verbracht.“
Nach einigen Praktika in Kärnten, der Steiermark und in Oberösterreich hat Gerhard Scharfetter dann im Jahr 1970 den Betrieb von seinen Eltern Margarethe und Karl übernommen. Bis dahin gab es auch ein Gasthaus im Gewölbe im Keller sowie eine angeschlossene Landwirtschaft.

Den Museumsbesuchern erzählt Scharfetter gerne Anekdoten von früher. „Damals wurden, wie es typisch war, Mehl, Obst oder Gemüse beim Einkauf in der gewünschten Menge abgewogen und in ein Papiersackerl gegeben. Eine Besonderheit im Museum sind die mehr als 150 Jahre alte Kassa und die Waage am Verkaufstresen. Zur damaligen Zeit gab es natürlich nichts Elektronisches, alles musste per Hand abgewogen und verrechnet werden. Die persönliche Bedienung und das Gespräch gehörten bei einem Besuch beim Greißler einfach dazu. Etwas, das heute viele vermissen, oder oft im schnellen Einkauf untergeht. So wurde damals noch geplaudert, gelacht und die Neuigkeiten wurden erzählt“, weiß Scharfetter, der sich an ein besonderes Erlebnis erinnert. „Einmal hat ein Kunde einen Meter Rosinen bestellt. Also holte ich einen Maßstab, legte die Rosinen nacheinander auf, bis die Länge von einem Meter erreicht wurde. Anschließend wurden sie in ein Papiersackerl gefüllt und abgewogen.“

Ein kleines Stück Erdnussbutter
In drei Räumen auf gut 150 Quadratmeter und unter dem Motto „Eine Zeitreise in die Einkaufswelt im 19. Jahrhundert“ können die Besucher in das Einkaufen von damals eintauchen. Zu sehen sind mehrere hundert Exponate der Greißlerei, darunter alte Kaffee- und Teeverpackungen, Geschirr, Kleidungsstücke sowie die Kaufhaus-Einrichtung, die schon 160 Jahre alt ist. Zur Ausstellung gehört auch die Kaufmannsstube, in der die Abrechnungen gemacht wurden. Eine Galerie im dritten Raum dokumentiert die Geschichte des Handels in St. Michael.

Einkaufen können die Besucher in der Greißlerei zwar nicht mehr, aber ein kleines Stück Erdnussbutter um 1,90 Euro erwerben. „Sie war ein Markenzeichen von uns. Vor allem die Schulkinder haben sie gerne gekauft. Es war eine Art Marzipan, die wir als kleine Stücke um einen Schilling verkauft haben. Genau diese, nach dem alten Rezept erstellte Erdnussbutter gibt es im ersten Lungauer Kaufhaus-Museum“, sagt der tüchtige Geschäftsmann, der „im Geschäft sein möchte, bis ich 100 Jahre alt bin“.

Öffnungszeiten:
Kaufhaus-Museum St. Michael
Marktstraße 64, 5582
St. Michael im Lungau
Tel.: 06477/8238
Montag: 10 bis 12 Uhr
Donnerstag 16 bis 18 Uhr,
Samstag 14 bis 16 Uhr
Eintritt: Erwachsene: 3 Euro, Kinder: 1 Euro,
Gruppe ab 8 Personen: jeweils 2 Euro.
Für Gruppen sind gerne auch Sondertermine möglich.
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ursus
Greißlersterben
In der letzten Ausgabe findet sich ein interessanter Artikel zum Thema Greißler, der bewusst macht, dass diese traditionelle Geschäftsform tot ist. Mit dem Wegfall der Greißler und ähnlicher Kleinbetriebe schwindet nicht nur Kultur sondern sondern es bedeutet auch den Wegfall einer guten Nahversorgung. Ähnlich wie den Greißlern erging es auch vielen anderen und Geschäften und kleinen Industrie- bzw. Handwerkdbetrieben. In Wien stehen bis zu 1000 Beriebslokale leer. Handel und Gewerbe verlagert sich immer mehr zu den Randgebieten.
Die Steuergesetze behindern nebenbei die Wiederbelebung der leerstehenden Objekte.
Deswegen wiederhole ich wiederum den Vorschlag: "Greißlerprivileg" Wie wäre es, wenn Kleingeschäfte die nur von einer Person plus maximal einer Verwanden Person betrieben wird, das Recht bekämen, völlig frei, nach eigenem Entschluss das Geschäft offen zu halten. Das wäre ein Mittel gegen die mangelnde Nahversorgung und eine Förderung der Fremdenverkehrs, da die Hauptkritik der Touristen den Öffnungszeiten gilt.
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