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Ausgabe Nr. 01/2022 vom 03.01.2022, Foto: Cynthia Vice Acosta/Kauck
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Jeanne Pennell erhielt durch Zufall die Liebesbriefe ihrer Eltern
„Jetzt weiß ich, wie sehr sich meine Eltern liebten”
Beim Renovieren eines alten Hauses fielen dem Kanadier Dario Trampus alte Liebesbriefe in die Hände. Er forschte 13 Jahre, bis er die Tochter des verstorbenen Liebespaares fand. Im vergangenen Jahr konnte er Jeanne Pennell die vergilbten Zeugnisse der Liebe ihrer Eltern überreichen.
Ich habe 13 Jahre lang nach Ihnen gesucht. Ich habe etwas für Sie“, hörte Jeanne Pennell eine männliche Stimme am Telefon sagen, die sich als Dario Trampus vorstellte. „Zuerst dachte ich, es sei ein Spinner, und wollte auflegen“, erinnert sich die pensionierte Lehrerin aus Vancouver (Kanada). „Wie sind Sie an meine Telefonnummer gekommen?“, fragte Pennell schließlich. „Durch einen Enkel“, antwortete Trampus. „Und was haben Sie für mich?“, wollte die 71jährige wissen. „Liebesbriefe Ihrer Eltern. Ich sende Ihnen gern ein paar Fotos auf Ihr Mobiltelefon.“ Aufnahmen von der Unterschrift ihrer Mutter, die sie kurz danach erhielt, überzeugten Pennell von der Echtheit der Briefe.

In Coquitlam, einer Stadt in der kanadischen Provinz British Columbia, half Trampus im Jahr 2007 beim Restaurieren eines alten Hauses. Plötzlich hörte der Mittfünfziger den überraschten Ruf eines Arbeiters. Über ihm war die morsche Decke gebrochen und teilweise eingestürzt.

Als die Decke einstürzte, kamen Briefe zum Vorschein

Im Schutt lag ein Bündel verstaubter Briefe, die wohl im oberen Stock im Flur gesteckt sind. „Der Arbeiter wollte die Briefe mit dem Schutt entsorgen. Instinktiv nahm ich sie und warf sie in mein Auto“, berichtet Trampus. „Abends öffnete ich zwei oder drei und erkannte, dass es romantische Liebesbriefe waren. Ich beschloss, die Besitzer zu finden und ihnen oder ihren Kindern die Schreiben auszuhändigen.“

Doch leichter gesagt als getan. Er fand nur die Namen „Mim“ und „Len“, mit denen einige unterzeichnet waren. „Die Briefe lagen in meinem Wohnzimmer, während ich im Internet nach ‚Mim‘ und ‚Len‘ suchte“, erzählt der Grafiker. Manchmal blätterte er in den Schreiben und erfuhr dabei mehr über das Paar. Sie hatten sich am Strand kennengelernt, als Mim unter Liebeskummer litt. Ihr Verlobter hatte sie verlassen. „Es war wie ein Wunder, dass du in meinem Leben erschienen bist, in dem Augenblick, als ich dich am meisten benötigte. Mein Leben hätte damals nicht dunkler sein können. Ich dachte, es gäbe nichts mehr für mich – dann traf ich dich und der Himmel war wieder blau. Ein Wunder, das nur Gott vollbracht haben kann“, schwärmte Mim.

„Die Briefe waren so gefühlvoll, dass ich aufhörte, sie zu lesen“, sagt Trampus. „Ich fühlte mich als Eindringling ins Leben dieser Menschen.“ Aber er suchte weiter nach ihnen. Eines Tages entdeckte er im Internet eine Kopie der Todesanzeige eines Mannes namens Leonard (Len) Martin. „Im Telefonbuch fand ich einen Bruder, aber er war auch tot.“ Im Juni des vergangenen Jahres stieß Trampus schließlich auf eine Webseite, auf der Hinterbliebene sentimentale Erinnerungen und Fotos posten. Dort berichtete er von seinem Fund. Bald meldete sich ein Enkel der Eheleute und gab ihm die Telefonnummer ihrer Tochter Jeanne.

Acht Tage nach ihrem Telefonat trafen sich Jeanne Pennell und Dario Trampus in seinem Grafik-Studio. Er breitete die Briefe vor ihr aus. Pennell ergriff einen und las laut vor. „Mein süßer Len! Du bist wundervoll, so schön. Du machst mich zu einem glücklichen Mädchen.“ Doch wie kamen die Briefe in die Wand? „Mein Vater war Elektriker und bohrte ständig in Wänden und Zimmerböden herum. Er muss die Briefe unter Brettern wohl aufbewahrt und vergessen haben, bevor er das Haus verkaufte. Wir lebten dort, bis ich sechs Jahre alt war.“ Sie erzählte dem Retter der Liebesbriefe mehr über ihre Eltern. Etwa, dass sie im Jahr 1940 heirateten. Ihren Vater beschrieb sie als ruhigen, belesenen Mann. Miriam, die er Mim rief, war Pianistin und Musiklehrerin, eine lebensfrohe Frau.

Jeanne Pennell kämpft mit Tränen der Rührung, wenn sie die zärtlichen Liebesbeweise ihrer Eltern in Händen hält. „Bitte erinnere dich immer daran“, steht auf dem vergilbten Blatt. „Ich liebe dich aus ganzem Herzen. Und heute Abend widme ich dir ein Lied: ‚Treu für immer‘. Ich meine jedes Wort so, wie ich es schreibe. Deine Mim“, liest die 71jährige mit leiser Stimme. „Sie waren gute Eltern, aber jetzt weiß ich endlich, wie sehr sie sich liebten“, lächelt Pennell. „Ich fand immer, dass sie nett zueinander waren. Aber ihre tiefe Liebe zeigten sie nicht in der Öffentlichkeit. Das tat man damals nicht.“

Umso mehr berührt es die Tochter heute, von der tiefen Verbundenheit ihrer Eltern zu lesen. „Ich würde alles hergeben, um dich hier zu haben“, schrieb ihr Vater an seine Frau, als er an der Front war. „Ich fühle mich heute leer und würde gern deine Arme um mich herum spüren. Ohne dich bin ich verloren.“ Dario Trampus war es ein wenig peinlich, Pennell in Tränen aufgelöst zu sehen. Aber er fand dennoch: „Es war einer der schönsten Augenblicke in meinem Leben. Ich hatte eine Tochter und ihre Eltern in Liebe wieder vereint.“
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