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Ausgabe Nr. 47/2021 vom 23.11.2021, Foto: mauritius images / dieKleinert
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„Sie“ verdient unseren Respekt.
„Sie“ verdient unseren Respekt
Duzen Sie schon oder siezen Sie noch? Trotz zunehmender „Du-Welle“ verdient es das „Sie“, von uns respektiert und geschützt zu werden. Das Siezen ist nicht überholt. Traditionen lassen sich nicht so einfach umwerfen. „Halten Sie es, wie du willst“, aber lassen Sie nicht außer Acht, dass es für die richtige Anrede Fingerspitzengefühl braucht.
Lässt du mich vorbei, ich habe es eilig?“, bittet der junge Bursche die betagte Dame, die ihren Einkaufswagen vor sich herschiebt. „Gerne, junger Herr, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich Ihnen das Du-Wort angeboten habe“, antwortet sie leicht schroff. „Wo sind wir denn, ist nun jeder schon mit jedem per du?“, fragt sie. Der Bursche lacht nur und meint, „Bleib locker, war ja nicht böse gemeint.“ Woraufhin die Dame kopfschüttelnd das Geschäft verlässt.
Die Du-Welle breitet sich seit Jahren in allen Bereichen unseres Lebens aus. Mittlerweile werden nicht nur Vorgesetzte geduzt, sondern auch Kunden. Vor allem in den Sozialen Medien wird, egal, welches Alter und welcher „Rang“, per locker-lässigem „Du“ kommuniziert. Ist nun jemand, der Wert darauf legt, gesiezt zu werden, spröde, steif und unmodern? „Keineswegs, das ‚Sie‘ verdient unseren Respekt und Schutz“, sagt Peter Walschburger. „Der Mensch sucht seit uralter Zeit die Nähe verwandter und vertrauter Artgenossen. Fremde Sozialpartner meidet er eher. Die Distanz zu regulieren, ist in sozialen Beziehungen wichtig. Dabei müssen auch der Gesichtsausdruck und das Duzen oder Siezen berücksichtigt werden“, erklärt der Professor für Bio-Psychologie.

In der deutschen Sprache gibt es die Höflichkeitsform „Sie“ seit Jahrhunderten. Seit dem Ende der Aristokratie hat sich die Verwendung stark reduziert. Dennoch wird „Sie“ häufig in der Konversation mit fremden Personen verwendet. „Sie“ ist nicht nur höflich, sondern schafft eine gewünschte, angenehme Distanz. Außerdem hilft das „Sie“, eine Hierarchie zu schaffen und zu festigen. Ein Chef, der seine Mitarbeiter siezt, ist distanzierter, autoritärer als ein Vorgesetzter, der die Angestellten duzt.
So richtig aufgedrängt hat sich uns das „Du-Wort“ gegen Ende der 1960er Jahre. In Schweden entschied damals die nationale Gesundheitsbehörde, sämtliche Kommunikation nur noch per Du-Wort zu führen. Was dazu führte, dass sich dort heute, mit Ausnahme der Königsfamilie, alle duzen. Deshalb werden auch die Kunden eines auch hierzulande etablierten schwedischen Möbelhauses per „Du“ angesprochen. „Während wir in unserer schwedischen Heimat mit den Kunden per ‚Du‘ sind, bleiben wir im deutschsprachigen Raum beim ,Sie‘, weil das ,Du‘ von manchen Kunden als unangebracht empfunden wird“, heißt es seitens des Unternehmens.

Das „Du“ wird inzwischen zu schnell und ungefragt verwendet. Doch Traditionen lassen sich nicht so einfach umwerfen. Bekommt jemand das „Du“ angeboten, muss er sich nicht gezwungen fühlen, es anzunehmen. „Das ‚Du‘ darf durchaus abgelehnt werden“, bestätigt jemand, der es wissen muss. Der Benimm-Experte Thomas Schäfer-Elmayer empfiehlt, darauf zu achten, höflich abzulehnen. Zum Beispiel mit dem Satz „Danke, das ist freundlich von Ihnen, ich bleibe aber lieber beim ‚Sie‘.“
Schäfer-Elmayer widmet dem Thema „Richtige Anrede“ ein Kapitel im Ratgeber-Buch für gutes Benehmen. Er selbst sei höchst vorsichtig, wenn es um das Du-Wort geht. „Ich biete nur wenigen Menschen das ‚Du‘ an. Wenn mich aber jemand beim Spazierengehen im Bregenzer Wald duzt, würde ich ihn beleidigen, wenn ich ihn sieze“, sagt der 75jährige.

Beim Duzen und Siezen ortet der Experte für Fragen der Etikette große Veränderungen: „Mir wurde bereits als Dreijähriger beigebracht, Erwachsene mit ‚Sie‘ anzureden. Während meiner Uni-Zeit war es üblich, dass die Studenten untereinander per ‚Sie‘ waren.“ Dass Buben und Mädchen im Kindergarten und in der Volksschule zur Kindergärtnerin und zum Lehrer „Du“ sagen, sei zwar in Ordnung. Doch spätestens ab der fünften Schulstufe sollte gegenüber Lehrern die Höflichkeitsform verwendet werden. Wer das nicht tue, wirke respektlos und könne daher unbewusst schlechter beurteilt werden.
Jedenfalls bedarf es für die richtige Anrede Fingerspitzengefühl. Wenn auch das Duzen auf dem Vormarsch ist, bleibt das Siezen die elegantere Konversation. Allein deshalb, weil es mehr Möglichkeiten bietet, Höflichkeit auszudrücken.

Franz Lang, 72, Pensionist
„Ich bin sogar mit den Freundinnen meiner Frau per Sie“
„Ich bin sogar mit den Freudinnen meiner Frau per Sie, obwohl mir die Damen schon oft das Du-Wort angeboten haben. Mir ist das Siezen schon immer lieber gewesen, da bin ich vom alten Schlag. Wenn mich ein Verkäufer duzt, werfe ich ihm nur einen abwertenden Blick zu und verlasse das Geschäft.
Die ,Sie‘-Form bedeutet für mich, höflich Abstand zu halten. Ich bin schlicht und einfach nicht daran interessiert, mich schnell auf ein freundschaftliches ‚Du‘ einzulassen. Genauso wenig, wie ich es möchte, von jemandem umarmt zu werden. Das darf nur meine Frau und mit der bin ich per Du.“

Astrid Guetz, 35, Angestellte
„Ich möchte nicht gänzlich auf das Siezen verzichten“
„Wenn jemand, den ich noch nicht kenne, etwa gleich alt ist wie ich oder mir jünger scheint, dann duze ich ihn. Das sagt mir einfach mein Gefühl, bislang habe ich noch niemanden dadurch brüskiert. Wenn ich mit älteren Menschen, die ich nicht kenne, zu tun habe, ist für mich das ‚Sie‘-Wort selbstverständlich. Auch am Arbeitsplatz bin ich mit meinen älteren Kollegen per Sie.
Ich finde, es braucht beides. Wobei das Duzen vertrauter und nicht so distanziert ist. Dennoch hat das Siezen seine Berechtigung, ich will darauf nicht verzichten. Im beruflichen Umfeld bleibt dadurch der grundlegende Respekt erhalten.“

Carola Hinteregger, 55, Angestellte
„Ich möchte nicht von Fremden geduzt werden“
„In einem Wiener Kosmetik-Geschäft hat mich erstmals eine mir fremde Person geduzt. ,Welche Produkte darf ich dir zeigen?‘, hat sie mich lächelnd gefragt. Sie bemerkte, dass ich irritiert war, entschuldigte sich und meinte, sie sei das Duzen gewohnt, weil sie mit vielen jungen Kunden zu tun habe.
Die junge Dame war nicht unfreundlich, dennoch möchte ich von Fremden nicht geduzt werden. Ich bin so altmodisch, dass es mich stört, wenn mich ein Unbekannter mit ‚Hallo‘ oder ‚Tschüss‘ grüßt. Da ist mir ein distanziertes ,Guten Tag‘, ,Grüß‘ Sie‘ und ein höfliches ,Auf Wiedersehen‘ wirklich lieber.“

Markus Felber-Gross, 43, selbstständig
„Ein höfliches ‚Du‘ hat den gleichen Stellenwert wie ein höfliches ‚Sie‘“
„Ein Geschäftspartner, mit dem ich schon jahrelang zusammenarbeite, lud mich zu seiner Firmenfeier ein. Während wir bei einem Bier locker plauderten, bot er mir das Du-Wort an. Obwohl ich lieber beim ‚Sie‘ geblieben wäre, habe ich aus Höflichkeit angenommen. Bislang hat das Du-Wort unserer beruflichen Zusammenarbeit zum Glück nicht geschadet.
Ich habe ein kleines Unternehmen mit zehn Mitarbeitern. Wir sind alle per Du. Was uns nicht daran hindert, respektvoll miteinander umzugehen. Im Gegenteil, in einer vertrauensvollen Umgebung hat für mich ein höfliches ‚Du‘ den gleich hohen Stellenwert wie ein ‚Sie‘.“
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