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Ausgabe Nr. 46/2021 vom 16.11.2021, Foto: www.foto-duerr.at
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Rudolf Baumgartner, 62.
„Wir sind Kunden zweiter Klasse“
Volkswagen schönte bei bestimmten Modellen die Abgaswerte. Bekannt wurde das vor rund sechs Jahren. Während VW-Fahrer in Amerika und Deutschland entschädigt wurden, warten heimische Betroffene noch immer auf ihr Recht.
Ich bin enttäuscht vom Volkswagen-Konzern“, sagt Rudolf Baumgartner, 62, aus Traisen (NÖ). Sein Audi A5 ist eines von rund 400.000 heimischen Diesel-Autos, die vom VW-Abgas-Skandal betroffen sind. Bei diesen Fahrzeugen setzte Volkswagen ein manipuliertes Programm ein. So wurde vorgegaukelt, dass die Autos weniger Abgase ausstoßen. Das senkte auch den Wiederverkaufswert.
Herr Baumgartner fühlt sich geprellt. „Der Wagen hat vor sieben Jahren 51.000 Euro gekostet, jetzt bekomme ich vielleicht noch 20.000, also deutlich unter dem Zeitwert.“ Er hat sich daher einer Sammelklage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) angeschlossen. Gemeinsam mit 10.000 anderen Betroffenen. Der VKI klagt für sie 20 Prozent vom Kaufpreis ihrer Autos ein. Im Fall von Herrn Baumgartner wären das rund 10.000 Euro. Eine Entschädigung ist für ihn längst überfällig. Denn VW-Fahrer in Amerika und Deutschland haben bereits Geld erhalten. „Wir sind jedoch Kunden zweiter Klasse.“

Eine Klarstellung des Generalanwaltes des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) gibt heimischen Klägern nun Rückenwind. Denn die Abgas-Trickserei wurde als illegal eingestuft. Letztendlich entscheidet aber der EuGH. Ein Urteil wird für die kommenden Monate erwartet.
Davor zittert VW in Europa so wie auch andere Hersteller, darunter Daimler, BMW und Opel. Vorrangig geht es aber um VW. Der Skandal und seine Aufarbeitung haben dem Konzern bereits weltweit mehr als 30 Milliarden Euro gekostet. Nun droht ein neuerlicher Super-Gau.
Betroffene VW-Kunden können sich auch an den Verbraucherschutzverein (VSV) wenden. Für dessen Obmann, Peter Kolba, ist es ein Skandal, wie VW in Europa mit Kunden umgeht.

„Sammelklage ist in den USA ein schärferes Schwert“
„Die Betroffenen in den USA haben allein für die Tatsache, dass sie betrogen wurden, bis zu 8.600 Euro bekommen. Das waren Vergleichszahlungen.“ Zudem können sie wählen, ob sie die manipulierten Autos zurückgeben oder repariert haben wollen.
Kolba erklärt, dass die Sammelklage in den USA „ein viel schärferes Schwert“ ist als bei uns. Denn bei uns müssen sich Verbraucher bei einer Sammelklage anmelden, um am Verfahren teilzunehmen und entschädigt zu werden. In den USA hingegen sind alle Verbraucher bei einer Klage vertreten. Das heißt, jeder betroffene VW-Fahrer ist eingeschlossen, es sei denn, er spricht sich dagegen aus. Zudem können Schadenssummen in exorbitante Höhen gehen, weil es in den USA auch einen sogenannten Strafschadenersatz gibt. Er soll den Schädiger bestrafen. So etwas gibt es bei uns nicht. Außerdem dürfen Anwälte in Amerika ein Erfolgshonorar vereinbaren, was ein großer Anreiz ist. Bei uns ist das verpönt. „Unternehmen sind daher in den USA gut beraten, schnell Vergleiche zu erzielen, damit Sammelklagen für sie nicht zu teuer werden.“

Anders ist das bei uns, wo Klagen jahrelang hinausgezögert werden. „Hier ist die Haltung von VW, die Kunden haben keinen Schaden erlitten, sie haben ein Auto, das fährt“, sagt Kolba. „Das Einzige, was VW nicht bestreitet, ist, dass sie Autos produzieren.“ Hierzulande vertröstete VW die Betroffenen nur mit Rückrufaktionen in die Werkstatt. Dabei wurde das Abgaswerte-Programm aktualisiert. Oft mit fatalen Folgen. „Mein Auto war vorher spritziger, jetzt beschleunigt es schlechter, das merke ich beim Überholen“, beklagt Rudolf Baumgartner einen Leistungsverlust seines Audi A5.
Betroffen war auch der Seat Exeo von Maria Jindra, 69, aus Gars am Kamp in Niederösterreich.

Der Verbraucherschutzverein sammelt weiter Geschädigte. Sie haben gute Karten
„Nach dem Werkstättenbesuch hatte der Motor weniger Kraft und hat oft gestottert. Zwei Mal wurde ich sogar abgeschleppt.“ Mittlerweile hat Jindra ein neues Auto. Für das alte erhofft sie sich eine Entschädigung, ebenfalls über den VKI.
In Deutschland hat der Bundesgerichtshof (BGH) kürzlich ein Machtwort gesprochen. VW-Kunden steht demnach Schadenersatz zu. Etliche Kunden haben bereits Geld erhalten.Darunter auch heimische VW-Fahrer, die in Deutschland geklagt haben. Organisiert werden diese Einzelklagen vom Verbraucherschutzverein.

Ein Risiko besteht für die Betroffenen nicht. „Ein Prozesskostenfinanzierer übernimmt das gesamte Kostenrisiko. Dafür ist er mit 35 Prozent an der Entschädigung beteiligt.“ Bislang wurden über den VSV rund 600 Klagen eingebracht. VW zahlt in Deutschland aber keine Vergleiche mehr. Stattdessen wird auf Erstattung des Kaufpreises gegen Fahrzeug-Rückgabe geklagt. Vor Kurzem hat ein Burgenländer für einen zehn Jahre alten Passat rund 9.600 Euro erhalten, etwa 1.500 Euro über dem Marktwert. Das gibt anderen Klägern Rückenwind. Allerdings hat VW in Deutschland derzeit Ausländer von Schadenersatzzahlungen ausgeschlossen. Für Kolba ist das ein „Skandal“.

Trotzdem sammelt der VSV weiter Geschädigte. Sie haben gute Karten. Denn hierzulande gibt es, im Gegensatz zu Deutschland, ein Unternehmensstrafrecht. „Und gegen VW wird wegen Betruges ermittelt. Deswegen beträgt die Verjährungsfrist bei Schadenersatz nicht drei Jahre, sondern dreißig Jahre.“
Die Zeit drängt dennoch. Denn bereits gefahrene Kilometer mindern die Schadenssumme. „Das Ganze macht nur Sinn, wenn man nicht mehr als 150.000 Kilometer auf dem Tacho hat. Betroffene sollten sich daher bald bei uns melden“, rät Peter Kolba.

So sehen Sie, ob Ihr Fahrzeug betroffen ist:
Auf der Internetseite des VSV, https://www.verbraucherschutzverein.eu/vw/#mehrInfo,
werden Sie zur jeweiligen Automarke (VW, Audi, Seat oder Skoda) weitergeleitet. Dort können Sie die 17-stellige Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN) eingeben. Diese finden Sie in der Zulassungsbescheinigung (Teil eins), also Ihrem Fahrzeugschein, und im unteren Bereich der Windschutzscheibe.
Nach der Eingabe wissen Sie, ob Sie unter den Geschädigten sind oder nicht.

32 Milliarden Euro hat der VW-Skandal bisher gekostet
  • Elf Millionen Diesel-Autos sind weltweit vom VW-Abgas-Skandal betroffen.
  • Hierzulande sind es 390.000 Fahrzeuge.
  • Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) vertritt rund 10.000 Geschädigte in 16 Sammelklagen.
  • Ziel ist, für die VW-Fahrer rund 20 Prozent des Kaufpreises zu erstreiten.
  • Rund 32 Milliarden Euro hat der Abgas-Skandal Volkswagen bislang weltweit gekostet.
  • In den USA musste VW mehr als 27 Milliarden Euro hinblättern, und das für „nur“ 600.000 Autos. In Europa sind hingegen 8,5 Millionen Autos betroffen.
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