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Ausgabe Nr. 44/2021 vom 02.11.2021, Fotos: Lars Hallström / Adobestock, zVg
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Inseratenkampagne des Bundesheeres in den Medien.
Vor einem großen Stromausfall
Licht, Kommunikation, Verkehr – wenn der Strom längere Zeit ausfällt, steht das Land still. Die Verteidigungsministerin sieht einen derartigen Ernstfall auf uns zukommen.
Für den Krisenvorsorgeexperten Herbert Saurugg steht fest, dass „unsere Gesellschaft so gut wie nicht auf ein ,Blackout-Szenario‘ (dt. großer Stromausfall) vorbereitet ist“. In der Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2021 kritisiert der ehemalige Berufsoffizier des Bundesheeres die unzureichenden „Blackout“-Maßnahmen und warnt gleichzeitig vor einer trügerischen Scheinsicherheit, weil „niemand Millionen Menschen notversorgen kann“.

Ein Chaos scheint vorprogrammiert, denn die Gefahr eines europaweiten Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalles besteht mehr als jemals zuvor. Anfang des Jahres schrammte Europa knapp an einem flächendeckenden Stromausfall vorbei. Nur ein rasches Anfahren der mit Öl, Gas und Kohle betriebenen Kraftwerke verhinderte, dass es zu längeren Ausfällen kam.

Ein Versorgungschaos scheint vorbestimmt
Die Not-Einsätze nehmen auch in unserem Land an Häufigkeit zu. Mittlerweile muss bis zu 240 Mal pro Jahr für Netzstabilisierung gesorgt werden. Kein Strom bedeutet aber nicht nur kein Licht, sondern auch keine Kommunikation, keine Heizung, kein Bargeld, kein Benzin, keine öffentlichen Verkehrsmittel und kein Wasser. Denn auch um Pumpen zu betreiben, wird Strom benötigt.

Die Ursachen für einen möglichen Systemkollaps sind vielfältig. Sie reichen von einer unzureichenden Netzstabilität und -kapazität über die Gefahr von Cyberattacken, Terroranschlägen und Naturkatastrophen bis zu menschlichem Versagen. Von den Kosten ganz zu schweigen.

Berechnungen mit einem Stromausfalls-Simulator der Johannes Kepler Universität in Linz (OÖ) zeigen, dass 24 Stunden Stromausfall im gesamten Bundesgebiet 1,1 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Schaden verursachen würden.

Das heißt, ein Tag „Stromausfall“ in unserem Land würde so viel kosten wie zwei Wochen „Ausgangssperre“ in der Corona-Krise.

Experten rechnen in den nächsten fünf Jahren mit einem großen Stromausfall in unserem Land
Experten rechnen in den nächsten fünf Jahren mit dem Ernstfall. Viele ältere Bürger unseres Landes reagieren darauf mit Besorgnis. „Die Auswirkungen eines ,Blackouts‘ sind erforscht. Hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeit gehen unsere Fachleute davon aus, dass sie innerhalb der nächsten Jahre äußerst hoch ist. Deshalb ist es wichtig, zweckmäßig und notwendig, die Bevölkerung darüber zu informieren. Zurecht würden Sie uns kritisieren, wenn wir die Bevölkerung vor einem ,Blackout‘ nicht ausreichend informiert hätten“, erklärt Oberst Michael Bauer, Sprecher des Ministeriums für Landes-
verteidigung.

Konkreter wird Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP). „Österreich ist keine Insel der Seligen, sondern liegt mitten im Herzen Europas. Das heißt, auch wir müssen in nächster Zeit mit einem ,Blackout‘ rechnen. Ein einsatzrealistisches Szenario, wie ein europaweiter Stromausfall kann immer möglich sein.“

Mitte Oktober gab Tanner deshalb den Auftrag zu einer großflächigen Informationskampagne. Fast 6.300 Plakate wurden an mehr als 2.000 Gemeinden geliefert, um vor einem möglichen Strom- und Infrastrukturausfall zu warnen und gleichzeitig die Bevölkerung mit Tipps für den Ernstfall zu versorgen. Die Kommunikationsoffensive des Bundesheeres beschränkt sich dabei nicht nur auf trockene Faktenvermittlung, sondern setzte auch auf künstlerische Mittel, etwa bei der Freiluftveranstaltung „Blackout – Der Herzschlag-Event unserer Republik“ Ende September in Tulln. Die „hybride Darbietung aus Konzert, Film und Vorführung“, quasi eine „Verbindung militärischer Mittel mit Darstellungsformen zeitgenössischer Musik- und Filmdramaturgie“ kostete laut Ministeriumssprecher Bauer 269.000 Euro, „bei einem Werbegegenwert von 1,2 Millionen Euro“.

Über die Gesamtkosten für die Info-Offensive hält sich das Ministerium noch bedeckt. „Diese werden erst nach Abschluss der Kampagne im Medientransparenzgesetz an die Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) gemeldet“, sagt Bauer.

Selbstvorsorge ist die verlässlichste Vorbereitung
Ein flächendeckender Versorgungsausfall scheint der für Klima- und Umweltschutz zuständigen Ministerin Eleonore Gewessler (Die Grünen)keine Sorgen zu bereiten.

„Österreich hat eines der sichersten Stromnetze in ganz Europa“, beteuert ihr Pressesprecher Florian Berger. Das Stromsystem werde im Hinblick auf die Herausforderungen der Klimakrise grüner und lokaler werden. Dies stelle eine Veränderung, aber keine Gefahr dar. „Die regelmäßigen Risikobewertungen sehen unvorhergesehene Ereignisse wie Hackerangriffe oder Naturkatastrophen als
riskanter an.“

Bei einem längerfristigen Stromausfall wird auch die Lebensmittelversorgung schwierig werden
Aus dem Ministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus heißt es, dass verschiedene Szenarien eines „Blackouts“ unterschiedliche Auswirkungen hätten. „Zentrale Frage ist die Dauer des Stromausfalles“, erklärt Daniel Kosak, stellvertretender Kabinettchef von Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP). „Bei längerfristigen Ausfällen kann es sein, dass der reguläre Betrieb im Lebensmitteleinzelhandel nicht möglich ist.“ Die Produktion landwirtschaftlicher Güter könne aber im Wesentlichen aufrechterhalten werden, da „viele landwirtschaftliche Betriebe Hoftankstellen und Notstrom-
aggregate haben“, weiß Kosak. „Die Verarbeitungswirtschaft muss sich aber auf entsprechende Krisenszenarien vorbereiten.“

Auch das Innenministerium setzt sich mit dem realistischen Eintritt eines „Blackouts“ auseinander, vor allem mit der „möglichst langen Aufrechterhaltung der sicherheitspolizeilichen Grundversorgung der Bevölkerung“, sagt Ressortsprecher Harald Sörös. Zumindest 72 Stunden soll die Polizei durchhaltefähig sein und „vier weitere Tage einen Notbetrieb gewährleisten können“.

Die Regierung plant derweil die Errichtung eines ressortübergreifenden „Bundeslagezentrums“ im vierten Untergeschoß des Innenministeriums in der Wiener Herrengasse. Bis zu drei Krisen gleichzeitig sollen in dem 2.000 Quadratmeter großen Bunker-Büro bewältigt werden können.

Die Fertigstellung ist für Anfang 2024 geplant, die Kosten belaufen sich auf 27 Millionen Euro. Über die laufenden Kosten der 24-Stunden-Krisenzentrale gibt es derzeit noch keine Einschätzungen. rz
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