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Ausgabe Nr. 44/2021 vom 02.11.2021, Fotos: Judith M.Troelss
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Der Hammerherr bei der Arbeit.
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Könnte auch ein Museum sein, in dieser Schmiede wird aber gearbeitet.
Das Hammerwerk des Schwarzen Grafen
Im Land der Schwarzen Grafen, an der Eisenstraße Niederösterreich, ist die Magie des Schmiedens noch heute hautnah erlebbar. Sepp Eybl, 67, hat ein unter Denkmalschutz stehendes Hammerwerk revitalisiert und zu neuem Leben erweckt. Sämtliche Schmiedemaschinen und Werkzeuge wurden von ihm wieder instandgesetzt und sind funktionstüchtig.
Mit einem zielsicheren, festen Schlag direkt in das Herz vom Amboss erhältst du die meiste Energie wieder zurück. Das spart Kraft“, erklärt Sepp Eybl eine wichtige Technik seines Berufes, während er sich die Lederschürze umbindet. Dann nimmt er ein rotglühendes Stück Eisen aus der Esse und beginnt es mit wuchtigen Schlägen eines beidhändig geführten Hammers am Amboss zu bearbeiten. „Den Hammer immer an der Seite der Führhand am Körper vorbeiziehen. Nicht an der anderen Seite und schon gar nicht mittig, weil dann …“, lässt er den Satz unvollendet und zeigt, dass der Stiel dann dort ausschwingen würde, wo es Männer besonders schmerzt.

Wie Eisen zu schmieden ist, das weiß Eybl ganz genau. Für ihn ist das Verformen des heißen Metalls nicht bloß Arbeit, es ist seine Leidenschaft. Der geht er in einem Hammerwerk nach, dessen betriebliche Funktion auf das 15. Jahrhundert zurückzuführen ist.

Bei „Hammer gegen Daumen gewinnt der Hammer
„Mit 45 Jahren habe ich den Entschluss gefasst, mich als Schmied selbstständig zu machen. Meine geschmiedeten Skulpturen sind von Anfang an auf äußerst positives Echo gestoßen und somit war schnell für mich klar, dass ich diesen Weg weiter beschreiten möchte“, erzählt der 67jährige HTL-Absolvent und Schmiedemeister von den Anfängen, die in einer Schmiedewerkstatt in seiner Kellergarage begonnen haben. „Zum Leidwesen der Nachbarn“, wie er sagt. Mit der Nachfrage nach seinen Werken stieg auch der Wunsch nach einer eigenen Hammerschmiede. Im Jahr 1999 erwarb Eybl schließlich das 242 Quadratmeter große, denkmalgeschützte Hammerwerk in Ybbsitz an der Eisenstraße Niederösterreich, direkt neben dem Prollingbach, und restaurierte die Schmiede in mühevoller, dreijähriger Arbeit. Über die Kosten spricht Eybl nicht, aber es stecken zahlreiche Arbeitsstunden des Schmiedes in diesem Werk.

An seinem nunmehrigen Arbeitsplatz fertigt der Metallkünstler Auftragsarbeiten von Skulpturen, Beleuchtungskörpern, Möbelkreationen bis zu Brunnenanlagen, geschmiedeten Plastiken in Freiform, plastischen Wandbildern mit Emaillehintergrund sowie Restaurationen und er hat sich auf die Erstellung von Repliken historischer Gegenstände für Museen spezialisiert.

Werkzeuge, wie der 500 Jahre alte Schwanzhammer, bei dem der Hammerkopf 300 Kilo wiegt, ein 120 Jahre alter Federhammer, mehr als 300 unterschiedliche Hämmer sowie etliche verschiedene Zangen sind bei ihm regelmäßig in Verwendung. „Viele der Hämmer habe ich selbst hergestellt. Jeder hat ein anderes Gewicht. Sie wiegen von 100 Gramm bis zwölf Kilo. Auch die Schlagseite, auch Bahn genannt, oder die Finne, der keilförmig zulaufende Teil des Hammerkopfes, gestaltet sich unterschiedlich. Je abwechslungsreicher die Werkstücke sind, desto mehr Hämmer benütze ich. Die Treffsicherheit muss sicherlich geübt werden. Das lernt man aber schnell im Laufe der unterschiedlichsten Arbeiten.“

Manchmal auch schmerzlich, wie er sich an einen fehlgeleiteten Schlag erinnert, der statt das Werkstück Daumennagel und -gelenk traf. „Im Spital hätten sie mir sicher eine Schiene verpasst und ich wäre wochenlang außer Gefecht gewesen“, sagt Eybl. Also drückte er den im rechten Winkel abstehenden Nagel wieder an seine vorgesehene Stelle, legte sich einen festen Verband an und verrichtete seine Arbeit weiter. „Nicht einmal den Daumennagel habe ich verloren“, sagt der Schwarze Graf mit einem Schmunzeln.

In der Dunkelheit der Schmiede erkennt der Hammermeister die Temperatur des Eisens
Dass der Titel „Schwarzer Graf“ daher rührt, weil es in dieser Schmiede so düster ist, wäre naheliegend, ist aber falsch. „In einer taghellen Schmiede findet sich kein Hammermeister zurecht. Die Dunkelheit dient zum Eruieren der Temperatur im Eisen. Liegt sie bei rund 800 Grad, so färbt sich das Eisen kirschrot. Unter 700 Grad ist die Temperatur des Werkstückes zu kalt. Bei diesen Untertemperaturen wird das Eisen brüchig. Optimal sind zwischen 800 und 1.300 Grad“, schweift Eybl ein wenig ab, bevor er weitererzählt, was es mit dem Schwarzen Grafen auf sich hat.

„Der Begriff kommt daher, dass es früher wohlhabende Hammerherren gab, die nicht mehr im Betrieb mitarbeiten mussten. Sie haben sich hauptsächlich um die geschäftlichen Belange ihres Betriebes gekümmert“, erklärt Eybl.

In der heutigen Zeit wird der „Schwarze Graf“ als Ehrentitel geführt, der auch Sepp Eybl verliehen wurde, dem das Schmieden alles bedeutet.

„Mit dem Eisen muss man reden können. Ich muss verstehen, was möglich ist und was mit Eisen eben nicht geht. Nur dann funktioniert das Schmieden und das Werkstück wird so, wie ich es mir vorgestellt habe“, philosophiert er über seine Berufung. Auf die Frage, was aus Eisen nicht gefertigt werden kann, antwortet der Hammerherr in spitzbübischer Manier: „Holzspäne!“
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