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Ausgabe Nr. 40/2021 vom 05.10.2021, Foto: picture alliance / dieKLEINERT.de / Kostas Koufog
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Russlands Präsident Wladimir Putin kann und will nicht mehr Gas liefern.
Ringen ums Gas
Der Gas-Preis hat sich zu einem Problem entwickelt. Wird der Winter streng, wird es eng, denn die Speicher sind nicht voll. Ein Wechsel des Anbieters kann noch helfen.
Ein Schuldiger war rasch gefunden. Russland, namentlich Präsident Wladimir Putin. Er soll gezielt die Erdgas-Lieferung nach Europa verknappen, als Racheakt für die wirtschaftlichen Sanktionen, die von der Europäichen Union vor Jahren gegenüber Russland wegen der Annexion der Ukraine verhängt wurden.

Erdgas ist in der EU knapp geworden, wird der Winter frostig, kann es zu Engpässen kommen und – so die Befürchtung mancher –, das Licht ausgehen. Vor allem auch, weil der Preis enorm in die Höhe geschnellt ist und die Haushalte vor finanzielle Probleme stellt. Anfang September 2019 lag der Tagespreis für eine Megawattstunde noch bei 7,64 Euro, Ende September dieses Jahres mussten mehr als 74 Euro, also das Zehnfache berappt werden.
Nur Russland die Schuld zu geben, ist jedoch zu einfach, wie ein Experte von der Londoner (England) Gasbörse berichtet. Dort wird der Rohstoff weltweit gehandelt, die Mengen und Preise sowie die Bestimmungsorte fixiert. Es ist ein kleiner, elitärer Kreis, der täglich darüber bestimmt, was wir Wochen oder gar Monate später zu zahlen und zur Verfügung haben. Deshalb möchte er namentlich nicht genannt werden.

Er sieht mehrere Faktoren für das derzeitige Dilemma. „Mitverantwortlich dafür ist nicht zuletzt die Corona-Krise des Vorjahres. Im Jahr 2019 hatten die Länder hohe Speicherstände für das Jahr 2020 angelegt. Doch dann gab es einen relativ milden Winter und aufgrund der Krise eine geringe Nachfrage nach Gas. Dazu kamen neue Anbieter aus Australien und Amerika. Der Preis für eine Megawattstunde fiel zuweilen auf vier Euro. Jetzt saßen Energieversorger wie die OMV auf Gas, das sie nicht benötigten, also wurde es zurückverkauft. Allerdings mit Verlusten. Und die Produktion wurde im Vorjahr aufgrund der wirtschaftlichen Situation weltweit gedrosselt. Dann kam es im vierten Quartal 2020 zu Produktionsausfällen durch Hurrikans in Amerika und Ausfällen in Afrika. In Asien gab es dann einen kalten Winter und die Wirtschaft brauchte wieder mehr Gas, weil sie nach der Krise wieder Fahrt aufnahm. Das heißt, die Nachfrage stieg, doch die Produktion blieb auf niedrigem Niveau, weil vielerorts Wartungsarbeiten nachgeholt werden mussten, die wegen der Corona-Pandemie verschoben wurden.“

Über die „Nord Stream 2“-Pipeline kommt kein Gas
Der Gaspreis zog an, weil es Lieferengpässe gab. Daran änderte auch die Fertigstellung der umstrittenen Gasleitung „Nord Stream 2“ von Russland durch die Ostsee bis an die Küste Deutschlands nichts. Sie muss noch von den deutschen Behörden zertifiziert werden. Auch die EU-Kommission will noch prüfen, ob „Nord Stream 2“ mit den europäischen Gesetzen übereinstimmt.Dies war bei vorangegangenen Projekten stets nur eine Formalität, doch in diesem Fall scheint nichts sicher. Ob es in diesem Jahr noch eine Genehmigung geben wird, steht in den Sternen.
Dabei würde Gas dringend benötigt. Denn auch über die bisherige Land-Pipeline durch die Ukraine fließt weniger Gas. Aber nicht, weil Wladimir Putin böse auf die EU ist, sondern weil schlechte Verträge mit Russland abgeschlossen wurden, weiß der Experte aus London. „Ende 2019 lief das Transitabkommen zwischen Russland und der Ukraine aus. Es gibt zwar einen neuen Vertrag über fünf Jahre, doch der beinhaltet eine geringere Menge an Gas, das bis in die EU gelangt. Dazu kommt, dass Asien bessere Preise bezahlt und Russland-Gas eher dorthin geliefert wurde. Die EU mit ihren Sanktionen trieb Russland in die Arme Chinas. Seit zwei Jahren gibt es die Pipeline ,Power of Siberia‘, die beide Großmächte wirtschaftlich enger aneinanderbindet. Auch eine Pipeline in die Türkei wurde gebaut und ist mittlerweile in Betrieb.“

Weil die Energieversorger nicht rechtzeitig neue Vorräte angelegt haben, schlittern wir nun ins Desaster. „Wir haben ein äußerst niedriges Speicherniveau“, sagt der Experte. „Weil jetzt auch die Heizperiode beginnt, ist es unmöglich, diesen Rückstand auszugleichen. Jeder versucht nun, Gas zu kaufen, der Welthandel ist überfordert, das Angebot kann mit der Nachfrage nicht Schritt halten, deshalb schnellen die Preise in die Höhe. Ein Ende des Anstieges ist nicht abzusehen.“

Die Folgen sind allerdings schon spürbar. In England gingen bereits kleinere Energieversorger pleite und Premier Boris Johnson hat Mühe, seine Landsleute zu beruhigen. Es würden nirgends die Lichter ausgehen, sagt er.
Die Sorge geht allerdings um. In Italien hat Premier Mario Draghi bereits angekündigt, mehrere Milliarden Euro locker zu machen, um private Haushalte zu unterstützen. Zu hoch sind die Gaspreise für den Endkunden geworden. In Frankreich verkündete der Premierminister Jean Castex, dass die Tarife für Gas und Strom über die Wintermonate hinweg gedeckelt werden. „Wir verhängen eine Tarifbremse, um die Kaufkraft der Franzosen zu schützen.“ Deren Heizungsrechnung wäre sonst um 30 Prozent gestiegen.
Hierzulande wurden bereits 200 Tarife teurer. Statt am Verbrauch den Hebel anzusetzen und zu sparen, versuchen immer mehr Haushalte, den Anbieter zu wechseln. Laut der Regulierungsbehörde für Elektrizitäts- und Erdgaswirtschaft, E-Control, haben dies in den ersten beiden Quartalen bereits 98.000 bei Strom und knapp 35.000 bei Gas gemacht. Die Einsparungsmöglichkeiten liegen bei Strom in der Größenordnung von 140 Euro/Jahr, bei Gas sind bis zu 650 Euro möglich.

Am 21. und 22. Oktober wollen die Staats- und Regierungschefs auf Einladung des EU-Ratspräsidenten Charles Michel bei einem Sondertreffen über Maßnahmen zur Bekämpfung der Gas-Krise beraten.

So ist es um die Gasvorräte bestellt/Auswahl
Land Gas in TWS* S. g. %*
Belgien 7.7409 86.00
Kroatien 4.6861 89.83
Frankreich 118.0618 91.90
Deutschland 154.8237 67.21
Österreich 50.4420 52.83
Ungarn 56.3812 83.28
Polen 34.4947 96.39
Portugal 1.7696 49.57
Schweden 0.0069 66.42
England 9.6334 100.0
*Terrawattstunde
*Speicher gefüllt in Prozent
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