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Ausgabe Nr. 39/2021 vom 28.09.2021, Foto: Cynthia Vice Acousta/Kauck
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Die vier Himmelsstürmer: Mark Bezos, sein Bruder Jeff, der Student Oliver Dämen und Wally Funk.
Sie wartete 60 Jahre auf den Flug ins All
Erst war Wally Funk Pilotin, dann bildete sie den Fliegernachwuchs beim Militär aus und absolvierte selbst bei der NASA die Astronauten-Schulung. Doch weil sie eine Frau ist, wurde sie nie für den Flug ins All berücksichtigt. Das konnte sie jetzt nachholen.
Ein Leben lang musste Wally Funk, 82, warten, um die Erde von oben sehen zu können. Dabei war die Amerikanerin von der Nationalen Aeronautik- und Raumfahrtbehörde (NASA) zur Astronautin ausgebildet worden. Doch erst der private Unternehmer und Amazon-Gründer Jeff Bezos, 57, ermöglichte ihr einen Flug, der Funk zur ältesten Frau im Weltraum machte. Am 20. Juli hob sie im US-Staat Texas in einer Rakete der Gesellschaft „Blue Origin“, die ebenfalls dem Milliardär Bezos gehört, ab. Neben ihr saß der Chef persönlich, dessen Bruder Mark, 53, sowie der niederländische Student Oliver Dämen, 18.

Fliegen war schon immer der größte Wunsch von Wally Funk. Ihre Mutter, so berichtet die Astronautin, habe ihr einmal vom gemeinsamen Besuch auf einem Flugplatz erzählt. „Ich war ein Jahr alt. Da stand eine Douglas DC-3-Propellermaschine. Ich ging schnurstracks zu den Rädern und versuchte, sie zu drehen. Worauf Mutti ausgerufen hat: ‚Eines Tages wirst du abheben.‘“
Das unternehmungslustige Mädchen aus dem Provinznest Tao im US-Staat New Mexico, das eigentlich Mary heißt, war fünf Jahre alt, als es seinen Superman-Umhang überstreifte und von der Scheune der Eltern sprang: „Ich war überzeugt, ich würde fliegen. Glücklicherweise landete ich auf einem Heuballen.“ Schon damals bastelte sie Flugzeuge aus Karton und weichem Balsaholz. Ein gerahmtes Spaß-Foto, das die erwachsene Funk im Superman-Outfit zeigt, hängt bei ihr zuhause in New Mexico an der Wand.

„Angst hatte ich nie im Leben“, erläutert sie. „Und es schien keine Grenzen zu geben. Meine Freunde in Tao waren Indianer. Sie brachten mir Fischen und Jagen bei und wie ich in der Wildnis überleben kann. Ich hatte all die Freiheit, die Kinder heute vermissen.“
Auch Nein zu sagen oder gar Aufgeben kennt sie nicht. Als sie sich im Jahr 1956 bei einem Schiunfall zwei Rückenwirbel brach, und die Ärzte meinten, sie werde nie mehr gehen können, hat sie diese Aussage als „Schwarzmalerei“ abgetan und überwand ihr Leiden. Während sie sich erholte, empfahl ihr ein Psychiater, sich ihren größten Wunsch zu erfüllen. „Ich habe nur einen Wunsch“, erwiderte Funk: „Fliegen zu lernen.“

Das schaffte sie mit 17 Jahren. Als Studentin stahl sie sich später aus einer offiziellen Tanz-Veranstaltung ihrer Universität und unternahm lieber einen Nachtflug. Im Laufe der Jahre steuerte sie viele verschiedene Flugzeugtypen – von Gleitern über Wasserflugzeuge bis zu alten Doppeldeckern. Sie trat der Armee bei und wurde zur jüngsten Pilotenausbilderin.
Damit war ihr Verlangen abzuheben aber noch lange nicht gestillt. Es bekam sogar noch eine neue Dimension, nachdem Präsident John F. Kennedy die Landung von Amerikanern auf dem Mond innerhalb von zehn Jahren angekündigt hatte. Als Wally Funk dies las, entstand in ihr ein überwältigender neuer Wunsch. Sie wollte Astronautin werden. Tatsächlich nahm die NASA die junge Frau nach vielen Tests als Kandidatin für das „Mercury 13“-Projekt auf. „Ich war 22 Jahre alt und stellte mir vor, wie es wäre, auf dem Mond zu stehen“, erinnert sich die Seniorin. Es hat auch gut für sie ausgesehen. „Die Instrukteure fanden, ich sei besser als die Männer.“ Trotzdem wurde nichts aus Funks Plänen. „Weil die NASA-Bosse damals gedacht haben, dass Frauen in die Küche gehörten. Dabei habe ich vom Kochen keine Ahnung.“

Sie schied aus dem Projekt aus, verließ die Armee und hat bei der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde angeheuert. Dort untersuchte sie Flugzeugunglücke. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1985 insgesamt 450 Unfälle.
Den Weltraum hat Wally Funk aber nie aus den Augen verloren. „Ich wusste, dass ich eines Tages dort hinkomme. Ich habe es in den Knochen gespürt.“ Schließlich kam der Anruf von Jeff Bezos. „Er fragte mich, ob ich sein Ehrengast auf dem ersten Flug sein wolle“, sagt die 82jährige lachend. „Ich war sofort Feuer und Flamme.“

Am 20. Juli saß sie dann zeitig in der Früh mit ihren drei Begleitern in der Kapsel des Fluggerätes namens „New Shepard“. „Der Start war gar nicht so laut, wie ich gedacht habe“, sagt sie noch voller Begeisterung. „Dann, in der Schwerelosigkeit, durften wir die Gurte lösen und ich bin geschwebt. Wir machten Saltos, warfen uns Tischtennisbälle und Süßigkeiten zu. Es war das größte Gefühl der Welt. In 106 Kilometern Höhe, mit Blick auf die Erde, war mir klar: Dieser Augenblick ist das lange Warten wert.“ Immerhin 60 Jahre, für elf Minuten Spannung und Glückseligkeit. „Zurück auf der Erde schrie ich beim Verlassen der Kapsel meine Freude hinaus.“
Bezos plant bereits den nächsten Flug. Und hat wieder einen besonderen Gast. „Captain Kirk“ vom „Raumschiff Enterprise“, William Shatner, soll mit dabei sein. Er ist mit 90 Jahren sogar noch deutlich älter.
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