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Ausgabe Nr. 39/2021 vom 28.09.2021, Foto: mauritius images / Christian Vorhofer / imageBROKER
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Zum Erntedank besinnen wir uns auf alle guten Gaben.
Wir danken für die Ernte
Von Ende September bis Ende Oktober wird in den Pfarren unseres Landes Erntedank gefeiert. Erntekronen sowie Erntegaben, Brot, Eier, Feld- und Gartenfrüchte werden gesegnet. Dabei soll nicht nur Dank gezeigt werden. Vielmehr wird daran erinnert, dass es alles andere als selbstverständlich ist, genug zu essen, zu trinken und ein Dach über dem Kopf zu haben.
Hans Moser, 42, Landwirt, mit seinen Töchtern Sophie, 9, und Marie, 5, St. Michael im Lungau (S)
„Unser Erntekorb für die kirchliche Segnung bringt fünfzehn Kilo auf die Waage“
Jedes Jahr feiert der Salzburger Landwirt Hans Moser mit seiner Familie das Erntedankfest. Dazu gehört ein reichlich bestückter Gabenkorb, den er im Erntedank-Gottesdienst in der Ortskirche seiner Heimatgemeinde St. Michael im Lungau weihen lässt. Einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten ist die Prozession, bei der die Erntekrone per Kutsche in die Kirche gebracht wird.
„Von Joghurt, Butter, Käse bis hin zum Roggenbrot finden sich all unsere regionalen Köstlichkeiten im Korb. Unser Erntekorb für die kirchliche Segnung bringt daher bis zu fünfzehn Kilo auf die Waage, was vor allem unseren Erdäpfeln geschuldet ist“, erklärt Moser.

„Wir bauen auf einem Hektar Grund an die vierzig Erdäpfel-Sorten an. Dazu gehören heimische Raritäten wie der ,Lungauer Eachtling‘ und der mehlige ,Lungauer Blauen‘ ebenso wie exotische Knollenfrüchten aus Schottland und Südamerika. Sie lagern im dreihundert Jahre alten Getreidespeicher, der bei uns ,Troadkasten‘ heißt“, erzählt der leidenschaftliche Landwirt.

Erntedank ist für die Salzburger Familie ein bedeutendes Fest. „Zum einen zeigen wir uns dankbar dafür, dass die Tiere wieder gesund von der Alm zurück sind, zum anderen sind wir froh, dass es keine Unwetter gegeben hat.
Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir bislang noch keinen totalen Ernteausfall hatten.“
Nach der von der Bürgermusikkapelle St. Michael begleiteten Prozession und dem Danksagungs-Gottesdienst findet im Ortszentrum das traditionelle Marktfest statt.
Mit regionalen Köstlichkeiten wie mit Sauerkraut gefüllten „Hasenöhrln“, das sind dreieckige Teigtascherl, mit Kaspressknödeln und Würsteln klingt das traditionelle Erntedankfest gemütlich aus.

Mag. Arnulf Johannes Pichler, 64, Pfarrer in Mallnitz (K)
„Höhepunkt war die Festmesse“
„Ich habe das Erntedankfest zum Anlass genommen, die Mallnitzer persönlich zu begrüßen. Natürlich auch die jüngsten Gemeindebürger, die mir stolz ihre mit Erntegaben aufgeputzten Traktoren zeigten. Höhepunkt war die vom Christkönigschor gestaltete Festmesse“, sagt Arnulf Johannes Pichler, der neue Pfarrer von Mallnitz.
Die von der katholisch-evangelischen Frauenbewegung gestaltete Erntekrone wurde von der Volkstanzgruppe „Ankogler“ getragen. Vor der Prozession versammelten sich die Mallnitzer mit ihren Gabenkörben um die Krone. Abschließend gab es eine Agape mit Wasser, Obstsäften, Wein, Broten und Mehlspeisen.

Mag. Dr. Franz Lackner, 65, Erzbischof von Salzburg, über das Erntedankfest:
„Wer nicht denkt, kann schwerlich Dankbarkeit entwickeln“
Herr Erzbischof, ist das Erntedankfest in seinem ursprünglichen Gedanken noch zeitgemäß? Haben die Menschen in Zeiten übervoller Supermärkte noch einen Bezug zum Erntedankfest?
Gerade weil wir uns verstärkt mit Fragen der Nachhaltigkeit auseinandersetzen, ist das Erntedankfest höchst zeitgemäß. Es erinnert uns an Ursprüngliches. In meiner Kindheit habe ich eine Synthese zwischen bäuerlichem Arbeiten und Glauben erlebt. Die Ernte wurde nicht nur auf dem Acker, sondern auch im Gebet von der Natur abgerungen. Diese Form der Rückbindung an den Ursprung unserer Lebensmittel haben Bäuerinnen und Bauern wohl noch stärker präsent als so mancher Mensch, der im Supermarkt gedankenlos ein Fertiggericht aus dem Regal nimmt. Die Kirche möchte an diesem Tag daran erinnern, dass es jemanden gibt, aus dessen Hand alles kommt. Kleine Zeichen können dieses Bewusstsein im Alltag bewahren. In meinem Elternhaus wurde kein Brot angeschnitten, bevor es nicht mit einem Kreuzzeichen versehen war.
Zum einen werden Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, zum anderen verhungern Menschen in Teilen dieser Welt. Wie ist das aus kirchlicher Sicht zu bewerten?
Aus unserer christlichen Herkunft heraus ist es selbstverständlich, mit dem, was Gott uns übertragen hat, verantwortungsvoll umzugehen. Der katholische Philosoph Robert Spaemann bringt es so auf den Punkt: „Es ist unsittlich, etwas wegzuwerfen, was ein anderer brauchen kann.“ Ein gewisses Maß an Überfluss macht blind für den Wert der Dinge. Die Wertschätzung für Lebensmittel aus einer eigenen Noterfahrung heraus scheint in den Wohlstandsstaaten mehr und mehr verlorenzugehen.
Geht der Begriff „Erntedank“ für Sie über den reinen Ernte-Aspekt hinaus?
Unbedingt. Einerseits geht es darum, was die Bauern durch Mühe von der Erde gewinnen und was folglich zu Lebensmitteln verarbeitet wird. Andererseits können wir uns fragen: Wo ernte ich die Früchte meiner Bemühungen? Wo ist der Same meiner Anstrengungen aufgegangen? Wir dürfen uns anlässlich von Erntedank darauf besinnen, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir uns selbst nicht geschaffen haben, sondern die von Gott und den Generationen vor uns gelegt wurden. Wer bedenkt, was Gott, aber auch Menschen oft mühevoll tun, der wächst im Respekt in der Dankbarkeit und der Liebe. Danken und Denken gehören zusammen. Wer nicht denkt, kann schwerlich Dankbarkeit entwickeln.
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