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Ausgabe Nr. 38/2021 vom 21.09.2021, Foto: dpa picture alliance
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Quinn sang in „Weit ist der Weg“, 1960.
Umjubelt und doch einsam
Die Massen liebten ihn, wenn er von Sehnsucht, der Ferne und dem Heimweh gesungen hat. Freddy Quinn war ein großer Künstler. Ein Mann, der auf dem Drahtseil im Zirkus balancierte und in Filmen das Publikum begeisterte. Doch er blieb über all die Jahrzehnte unnahbar. Nur seine Managerin, mit der er viele Jahre zusammenlebte, kannte den wahren Freddy Quinn. Nach deren Tod blieb ihm nichts mehr. Er lebt heute in Hamburg (D) zurückgezogen und abgeschirmt von der Welt. „Der Junge“ kommt nie wieder …
Er führte ein rast- und ruheloses Leben. Was blieb, ist die Einsamkeit. Versteckt hinter einem drei Meter hohen Zaun aus Buchenhecken. In einem schönen, schneeweißen, reetgedeckten Haus im noblen Hamburger (D) Stadtteil Poppenbüttel, auf einem etwa 5.000 Quadratmeter großen Grundstück, sieht der Sänger und Schauspieler Freddy Quinn seinem 90. Geburtstag am Montag, dem 27. September entgegen.

Er hat sich von der Welt verabschiedet. Nur manchmal steigt er in ein Taxi und fährt in die Stadt zum Einkaufen. „Immer an seiner Seite ist dann eine 62jährige Frau namens Rosi, die Quinn Gesellschaft leistet. Nachbarn berichten, dass sie immer wieder bei ihm zu Besuch sei. Doch sie habe noch eine eigene Wohnung. Wenn die beiden aber einmal im Garten sind, hören die Nachbarn hin und wieder auch Lachen. Der einsame Freddy Quinn und Rosi scheinen glücklich miteinander zu sein“, erzählt die Hamburger Journalistin Marion Schröder, die den Künstler über viele Jahrzehnte begleitet hat.

Das Leben, das Freddy Quinn heute führt, ist mit jenem, für das in Millionen von Menschen geliebt haben, nicht mehr vergleichbar. Der Mann, der den großen Anthony Quinn verehrte und deshalb seinen Familiennamen nach ihm benannte, war immer unterwegs. Schon von klein an, wobei das Leben von Freddy Quinn immer wieder Rätsel aufgab.

Unglückliche Kindheit
Davon ist Elmar Kraushaar überzeugt. Er verfasste eine Biografie „Freddy Quinn: Ein unwahrscheinliches Leben“ über den Künstler und führte dazu zahlreiche Gespräche mit ihm sowie mit einem Jugendfreund. „Freddy Quinn erzählte immer, er sei in Wien geboren, weil sich dies besser anhört als Niederfladnitz in Niederösterreich“, sagt Kraushaar. Dass sein Vater angeblich Ire war, stimme nach Angaben des Biografen nicht. „Sein tatsächlicher Erzeuger ist unbekannt. Der Bub wuchs zunächst bei seiner Oma auf, dann in einem Heim. Seine Kindheit war nicht glücklich, zumal niemand erfahren durfte, dass die Mutter während des Zweiten Weltkrieges für einen hohen Nazi als Sekretärin geabeitet hat. Nach dem Krieg saß sie deshalb kurze Zeit im Gefängnis. Freddy selbst machte damals mit seinem Freund Hardy Musik für die amerikanischen Besatzungssoldaten.“

Er hatte eine gute Stimme und wusste seinen Körper in Form zu halten. „Freddy Quinn war der Einzige, der sich in den sechziger Jahren mit nacktem Oberkörper ablichten ließ“, meint der Biograf. „Er machte das, um zu zeigen, welch wunderbaren Körperbau er hatte, wie muskulös er sei und wie diszipliniert. Sein großes Problem war für ihn immer, dass er klein ist – er ist ja nicht einmal 170 Zentimeter groß. Das hat ihn immer ungeheuer gefuchst. Frauen, die mit ihm vor der Kamera standen, mussten stets flache Schuhe tragen, damit sie nicht größer waren als er. Er kompensierte das, indem er extrem viel Sport trieb. Selbst im fortgeschrittenen Alter ging Freddy Quinn immer noch regelmäßig ins Fitnessstudio und stemmte Gewichte.“
Doch wer dem Künstler nahekam, weiß, dass er eine unsichtbare Mauer um sich aufgebaut hatte. Nähe ließ er nicht zu, ein goldenes Herz hatte Quinn dennoch, erinnert sich Marion Schröder, die den Schauspieler und Sänger im Jahr 1963 zum ersten Mal traf. „Mein Vater, der als Kapellmeister damals das NDR Studio-Orchester leitete, kannte Quinn aus beruflichen Zusammenarbeiten. Freddy erklärte ihm sein Problem. In Hamburg wurde gerade der Film ,Heimweh nach St. Pauli‘ gedreht. Die Produktion und Freddy suchten Jugendliche, die in diesem Film mit wildem ,Jimmy Jones-Geschrei‘ Freddy in seiner Rolle als Sänger am Hamburger Hafen begrüßen sollten. Ich erfuhr davon und mobilisierte meine Klassenkameradinnen. Nach dem Dreh bekam jede Schülerin von dem ,Jungen aus St. Pauli‘ ein Autogramm. Meines habe ich heute noch.“

Das Fernweh, das Heimweh, die Sehnsucht wurden für Quinn zum Leitmotiv seines Schaffens. Filme wie „Freddy, die Gitarre und das Meer“ (1959), „Freddy unter fremden Sternen“ (1959) oder „Freddy und das Lied der Südsee“ (1962) belegen dies ebenso wie seine Lieder, die zu Hits wurden. „Heimweh“ (Dort, wo die Blumen blühn), „Die Gitarre und das Meer“, „La Paloma“ und nicht zuletzt „Junge, komm bald wieder“ sind nur einige davon.

Ein todkrankes Mädchen im Publikum
Die sensible Seite von Freddy Quinn konnte auch der Sänger Günter Schulzke, 82, kennenlernen. Ebenfalls im Zuge der Aufführung von „Heimweh nach St. Pauli“. „Es muss die 60. Vorstellung gewesen sein“, erinnert sich Schulzke. „Da saß in der ersten Reihe ein junges Mädchen, das immer den Kopf merkwürdig nach vorne gebeugt hatte. Ich machte Freddy darauf aufmerksam. Und irgendwie muss er das Mädchen dann angesprochen haben. Es stellte sich heraus, dass diese junge Frau schwer hirngeschädigt war und nicht mehr lange zu leben hatte. Ihr größter Wunsch war, Freddy live zu erleben. Daraufhin kaufte Freddy für jede Vorstellung, die wir in Hamburg noch hatten, eine Eintrittskarte für diese Frau. In jeder Vorstellung saß sie dann in der ersten Reihe. Kollegen zogen ihn schon damit auf – nach dem Motto: ,Freddy, du hast da eine komische Verehrerin im Publikum – die schaut nicht einmal auf die Bühne.‘ Seit dieser Geschichte ist er in meinen Augen derjenige Künstler, vor dem ich am meisten den Hut ziehe. Bis zum heutigen Tag.“

Dass Quinn gegenüber anderen Menschen verschlossen ist, ja zuweilen sogar ruppig, führt Schulzke auf den Selbstschutz zurück. „Ein Mann, der als Künstler immer so im Mittelpunkt stand, ist eben eher zurückhaltend. Was ich bei ihm aber immer beobachtet habe, ist, er war – und ist es vermutlich immer noch –, äußerst unsicher in seiner Art. Der Erfolg und der Ruhm haben ihn damals schlichtweg überrannt. Und dann immer diese Legenden vom ewigen Seemann, die um ihn herumgestrickt wurden. Aber er ist Österreicher.“

Alles musste passen bei den Auftritten
Wenn es um die Arbeit ging, gab es für Freddy Quinn keine halben Sachen. „Als er in Hamburg für das Theaterstück ,Man ist so jung, wie man sich fühlt‘ im St. Pauli Theater auf der Bühne stand, kam er jedes Mal mehrere Stunden vor Beginn der Vorstellung ins Haus und überprüfte, ob alles passt. Manchmal nahm er sogar selbst einen Putzlappen in die Hand und säuberte die Requisiten“, weiß die Journalistin Marion Schröder. „Wenn er seine Zirkuseinlagen am Drahtseil in fünf Metern Höhe zeigte, probte er zuvor alleine in der Manege. Oft sogar um Mitternacht.“
Sogar ins Guinness Buch der Rekorde hat es Freddy Quinn geschafft. Weil er im Jahr 2004 im Hamburger Hafen von einem Schiff aus mit einem Chor aus 88.600 Zuschauern sein Lied „La Paloma“ gesungen hat.

Der Applaus ist verklungen, die Einsamkeit ist eingekehrt. Vor allem nach dem Tod seiner langjährigen Begleiterin und Managerin Lilly Blessmann. Sie starb am 16. Jänner 2008. Sie hat für ihn die Verträge ausgehandelt und das Geld verwaltet. Nicht immer mit Erfolg, wie der Biograf Elmar Kraushaar schreibt.
„Sie riet ihm zur Steuerhinterziehung, für die Quinn später verurteilt wurde. Blessmann hatte ihm geraten, sein Haus im Schweizer Kanton Tessin als Hauptwohnsitz anzugeben. Doch die Steuerbehörde wies nach, dass der Künstler die meiste Zeit in Hamburg verbrachte. Er musste 1,8 Millionen D-Mark zahlen. Zudem erhielt er eine zweijährige Bewährungsstrafe.“

Die Villa, ein Erbe seiner Managerin
Die Villa im noblen Hamburger Stadtteil, in der Freddy Quinn heute noch lebt, ist ein Erbe von Blessmann. Dort haben beide viele Jahre zusammen verbracht.
Nun kommt Rosi zu Besuch und stellt warmes Essen für den zurückgezogenen Künstler auf den Tisch. Der will mit der Welt nichts mehr zu tun haben, mit Weggefährten nicht und auch nicht mit seinen Anhängern.
Auf die Frage, ob er sich Gedanken über seinen Lebensabend macht, antwortete er einmal: „Ich lebe heute und plane nichts. Der dort oben wird mich abrufen, wenn er es für nötig hält.“
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