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Ausgabe Nr. 37/2021 vom 14.09.2021, Fotos: Fritz Grashäftl, Judith M.Troelss
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Auf der Wetterstation am Feuerkogel eröffnet sich ein fantastischer Panoramablick über die Alpen.
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Stündliche Meldungen über das Wetter per Telefon.
„Manchmal pumpert mir schon das Herz“
Donner, Blitz und Windgeschwindigkeiten jenseits der 200 km/h erlebt Fritz Grashäftl an seinem Arbeitsplatz hautnah. Der 64jährige ist der einzige hauptberufliche Wetterbeobachter in Oberösterreich. In seiner Hütte am Feuerkogel in 1.618 Metern Seehöhe sammelt er jene Daten, mit denen Meteorologen ihre Vorhersagen erstellen.
Der Himmel ist zu 7/8 bedeckt“, sagt Fritz Grashäftl mit einem Blick nach oben. Schon seine Einleitung, die auf sein „Grias di“ folgt, als er der Streifzüglerin mit einem sympathischen Lächeln die Hand reicht, lässt darauf schließen, dass es der 64jährige mit dem Wetter hat. „Schau, dort ist noch eine kleines Himmelfenster zu sehen“, lächelt Fritz, zeigt auf ein azurblaues Loch am wolkenverhangenen Horizont und legt eine Sichtweite von fünf Kilometer fest, mit Nebel in Sicht.

Aktuelle 7,2 Grad Celsius, Windstärken von 30 km/h mit Spitzen von 56 km/h und eine Luftfeuchte von 88 Prozent bestätigen, dass die Entscheidung, den Besuch mit wärmender Windjacke und Kapuze abzustatten, genau richtig war. Denn Grashäftls Abeitsplatz befindet sich am Feuerkogel (OÖ) in 1.618 Metern Seehöhe, wo er Tag für Tag die verschiedensten Wetterdaten protokolliert.

„Ich bin Wetterbeobachter, kein Meteorologe“, stellt er klar. Aber ohne seine Tätigkeit, könnten die Wissenschaftler nicht arbeiten, denn der Wetterbeobachter sammelt die Messdaten, auf deren Basis Meteorologen ihre Vorhersagen erstellen. Messinstrumente, die um seine Hütte platziert sind, liefern präzise Werte, die etwa die „Austro Control“ für das Flugwetter nützt. Gemessen werden die Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie der Taupunkt, Luftdruck, Niederschlag, die Erdbodentemperatur, die tägliche Sonnenscheindauer, die Globalstrahlung und die Radioaktivität der Luft, auch die Sichtweite, der Bedeckungsgrad, die Wolkengattungen und -höhen, die Schneehöhe und die gesamte Neuschneehöhe inklusive Lawinenbeobachtung.

„Stündlich lese und eruiere ich die Daten und gebe sie weiter“, erklärt Grashäftl, während er am Computer sitzt und in diesem Moment läutet auch schon das Telefon. Zuhörer werden mit Erstaunen feststellen, dass sie nichts von dem verstehen, was von ihm übermittelt wird, denn der 64jährige spricht in scheinbar sinnfreien Zahlen- und Buchstabenkombinationen.

„Die Daten sind kodiert“, klärt der Fachmann auf. „Jedes Wetterphänomen hat eine Schlüsselziffer. Alleine für die Beschreibung des aktuellen Wetters gibt es mehr als 100
Kodierungsmöglichkeiten. Es sind weltweit genormte Kurzformen zur Beschreibung des Wetters“, schmunzelt der Beobachter nicht nur von Wetter-, sondern auch von Lebenslagen.

Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, die Liebe zu den Bergen und das Auskommen ohne die Gesellschaft anderer Menschen, das sind die Eigenschaften, die Grashäftl nennt, um diese Tätigkeit ausüben zu können. „Einsamkeit ist zweifellos ein Thema. Ich bin ein gläubiger Mensch, mitunter bete ich. Ich ziehe daraus Ruhe, Gelassenheit und Ausgeglichenheit.“

Seinen Arbeitsplatz erreicht er meist zu Fuß, bei einer Gehzeit von ungefähr zwei Stunden. Und das seit 38 Jahren.

Orkan „Kyrill“ war zu stark für die Messanlage

Grashäftl ist bereits seit 1981 im Wetterdienst tätig. Begonnen hat er seine Tätigkeit in der Salzburger Zentralwetterstation am Flughafen. Doch den leidenschaftlichen Bergsteiger und gelernten Elektriker zog es in die Höhe.

„Auf dem ‚Sattel‘, so nennen die Einheimischen den Ebenseer Hausberg, bin ich etwa drei Monate im Jahr alleine. Ich kann selbstständig arbeiten, bin viel in der Natur und genieße relativ viel Freiheit“, erzählt Grashäftl.

Eine Arbeitswoche dauert bei ihm acht Tage. Hat er dann eine Woche frei, teilen sich fünf ehrenamtliche Mitarbeiter die Aufgaben. Der Arbeitstag beginnt um 6.00 Uhr in der Früh und ist getaktet durch die stündlichen Meldetermine, die er um 20.00 Uhr beendet. Neben dieser Tätigkeit kocht er sich in der kleinen Kochnische sein Essen. „Und ich halte mit Putzen das Haus in Schuss“, lacht der selbsternannte Wetterstation-Hausmann, der auch extreme Wetterbedingungen an seinem Arbeitsplatz kennt. „Windstärken von bis zu 180 km/h gibt es fast in jedem Winter. Beim Orkan ‚Kyrill‘ im Jahr 2007 hatten wir Windstärken von 209 km/h, dann ist die Messanlage ausgefallen. Auch lange Winter prägen den Feuerkogel mit Minusgraden von -18°C. Bei diesen Bedingungen bleib‘ ich gerne in der Hütte“, lacht der Wetterwart. Angst hat der Bewohner der Wetterstation nicht. „Außer bei Berggewittern, da pumpert mir manchmal schon das Herz, wenn der Blitz für Sekundenbruchteile alles taghell erleuchtet und der Donner niederfährt.“

Im kommenden Frühjahr zieht sich Grashäftl in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Die freie Zeit wird er mit der Imkerei und seinen 15 Bienenvölkern verbringen, einem Hobby, das ihn schon jetzt begleitet. Bei der Wetterstation wird er aber weiter anzutreffen sein, um mit seinem umfangreichen Wissen das Wetter zu dokumentieren – dann aber als ehrenamtlicher Mitarbeiter.
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