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Ausgabe Nr. 36/2021 vom 07.09.2021, Foto: Marcel van Hoorn
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André Rieu wurde am 1. Oktober 1949 in Maastricht (Niederlande) geboren. Schon sein Vater André Rieu sen. war Musiker und leitete das „Limburger Sinfonieorchester“. Seit 1998 reist nun der Sohn mit seinem „Johann Strauss Orchester“ um die Welt und begeistert die Massen.
Rieu ist seit dem Jahr 1975 mit Marjorie verheiratet, die beiden haben zwei Söhne. Mittlerweile ist Rieu Opa von fünf Enkerln im Alter zwischen fünf und elf Jahren.
Am 19. und 20. November gibt er zwei Konzerte in der Wiener Stadthalle. Kartentel.: 01/79 999 79.
„Ich mag es, wenn Tränen fließen“
Seit März des Vorjahres schweigen die Instrumente. Damals musste der Niederländer André Rieu mit seinem „Johann Strauss Orchester“ die Welttournee abbrechen. Jetzt neigt sich die Corona-Zwangspause dem Ende zu. Der 71jährige war dieser Tage in Wien. Er wird am Freitag, in der Sendung „Vera“, ein Gast sein. Am 19. und 20.11. sind in Wien seine nächsten Konzerte geplant. Hier erzählt Rieu, was er in der unfreiwilligen Auszeit erlebt und getan hat.
Herr Rieu, Sie haben während der Corona-Zwangspause mit der Comic-Buchreihe „Tim und Struppi“ Spanisch erlernt, haben ebenfalls gelernt, Kuchen zu backen, und haben mit Ihrer Stradivari geübt. War Ihnen jemals langweilig?
Nein, nicht einen Tag. Ich habe mir immer überlegt, was mache ich jetzt? Zum Beispiel am Sonntag, da mache ich eine Rindsuppe, die muss acht Stunden köcheln. Dafür habe ich normalerweise keine Zeit, weil ich nicht daheim bin. Und so habe ich jeden Tag etwas gefunden, womit ich mich beschäftigen kann.
Sie haben auch erwähnt, jeden Tag einen anderen Kuchen gebacken zu haben. Wie viele verschiedene Rezepte haben Sie denn nun schon in Ihrem kulinarischen Repertoire?
(Lacht) Ganz viele. Eine genaue Zahl kann ich gar nicht nennen. Manchmal mache ich auch Variationen. Wenn ich zunächst den Kuchen nach Rezept gebacken habe, denke ich mir, ach, da ändere ich ein bisschen was – wie in der Musik.
Was zeichnet einen perfekten Kuchen aus?
Wenn er knusprig sein muss, muss er knusprig sein, wenn er weich und flaumig sein muss, muss er diese Eigenschaften aufweisen. Und natürlich muss er schmecken. Schließlich ist der Geschmack am wichtigsten.
Gelingen Ihre Kuchen?
Natürlich, die gelingen immer. Vor allem, wenn dann beim Servieren alles passt. Das Auge isst schließlich mit. Da kann ich nicht hergehen und einfach alles auf den Teller klatschen. Es hat schon Menschen gegeben, die gesagt haben: „André, wenn es mit der Musik nicht mehr klappt, kannst du eine Konditorei aufmachen …“
Noch klappt es mit der Musik – jetzt wieder. Stimmt es, dass Sie seit Juni mit Ihrem Orchester proben?
Ja. Anfang Juni hat die niederländische Regierung erlaubt, dass 50 Personen im Studio zusammen musizieren dürfen. Also habe ich eine Kurznachricht am Mobiltelefon verschickt und gesagt: „Hey, ab nächster Woche können wir wieder spielen.“ Wir haben dann gleich eine CD aufgenommen, die im November auf den Markt kommt. Sie trägt den Titel „Happy Together“, wie könnte es in dieser Zeit auch anders sein. Sie ist voll fröhlicher Musik. Und weil wir gerade beim Musizieren waren und selbst viel Spaß hatten, haben wir gleich noch ein Album in Angriff genommen. Es wird eine Weihnachts-CD für das nächste Jahr. Weil wir im Oktober noch nicht auf Tour gehen können, werden wir wohl noch eine CD machen (lacht).
Herr Rieu, Sie haben sich gefreut, dass es wieder losging. Aber wie war das bei Ihren Musikern – haben die sich ebenso gefreut, nach Monaten wieder ihren Chef zu sehen?
Absolut. Wenn das viele vielleicht nicht verstehen, aber die Musikerinnen und Musiker waren so unglaublich froh, dass sie wieder arbeiten durften. Denn wir sind eine Familie. Wenn wir zum Saisonabschluss unser großes Konzert in meiner Heimatstadt Maastricht geben, weinen danach alle, weil sie in die Ferien gehen müssen. Auch wenn das keiner glaubt, aber es ist so.
Sie mussten im März des Vorjahres aufgrund der Corona-Pandemie Ihre Welttournee in Amerika abbrechen. Seither konnten Sie kein Konzert mehr spielen und waren auf staatliche Unterstützung angewiesen, weil Sie kein Einkommen hatten. Sie sagten, wenn es diese Hilfe nicht gegeben hätte, hätten Sie Ihre Stradivari belehnt. Aber was wäre ein André Rieu ohne seine Stradivari?
Nun ja, ich hätte auch auf einer anderen Geige spielen können. Meine Musiker entlassen kommt für mich nicht in Frage. Denn ein Orchester wie meines, das größte Privatorchester der Welt, kann ich nicht innerhalb einer Woche zusammenstellen. Das wächst über Jahre.
Wie lange haben Sie Ihre Stradivari schon?
Das ist meine dritte. Nicht, dass ich drei hätte, ich spiele immer wieder eine andere. Die jetzige Stradivari habe ich seit einem Jahr. Ich habe sie in Wien gekauft. Da gibt es einen Händler, der ruft mich immer wieder an und schwärmt: „André, jetzt habe ich eine Geige, die ist so wunderbar. Noch eine schönere, noch eine teurere.“
Sie haben vorhin gemeint, Ihr Orchester wuchs über die Jahre. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Sängerinnen sind sogar schwanger auf der Bühne gestanden, Ihr Schlagzeuger trat bereits mit seinen drei Söhnen auf. Wird es weitere Auftritte des Nachwuchses geben?
Diese drei Söhne sind seit zwei Jahren mit dabei, aber noch nicht fix engagiert. Noch nicht. Was aber unglaublich ist: Es gibt in meinem Orchester unter den 60 Mitgliedern 13 Paare. Also 13 Frauen und Männer haben sich hier gefunden. Und die haben alle Kinder, die zum Teil schon groß sind und Instrumente spielen. Wenn ich also gesund bleibe, dirigiere ich in 20 Jahren ein neues Orchester. Das eigene Nachwuchs-Orchester.
Werden dann Ihre fünf Enkerln auch dabei sein?
Wer weiß, sie sind jedenfalls musikalisch und spielen Klavier und Klarinette. Mein Sohn Pierre, 40, spielt Trompete. Mein anderer Sohn Marc, 43, spielt auch Klavier. Er hat viele Ideen und sagt mir immer wieder: „Papa, schau, das hier musst du spielen.“
Wer konzipiert Ihre Shows?
Das mache alles ich. Meine Frau Marjorie, 70, bringt ebenfalls Ideen ein, die Verwirklichung übernehme dann ich.
Sind Sie ein Perfektionist?
Es ist schade, aber es ist so.
Auch wenn Ihr Hang zum Perfektionismus Sie vor einigen Jahren beinahe in den Ruin getrieben hat, weil Sie das Schloss Schönbrunn in Wien als Kulisse nachbauen ließen. Der Transport war dann aber viel zu teuer, sodass Sie davon abgekommen sind – warum bedauern Sie es, ein Perfektionist zu sein?
Na ja, es kann auch durchaus etwas Schönes an sich haben, nie zufrieden zu sein. Ich versuche, jeden Abend noch ein bisschen besser zu sein als am vorherigen. Wenn ich ans perfekte Konzert herankomme, beginnt der Spaß. Deshalb sage ich auch, wenn ich gefragt werde, ob es nicht langweilig ist, immer den Donauwalzer zu spielen, nein, denn ich muss immer wieder von vorne beginnen. Und wenn er perfekt ist, macht das einfach Spaß.
Wer aber zu perfekt sein möchte, läuft Gefahr, sich irgendwann zu verlieren …
Das mache ich aber nicht. Ich gehe locker an meine Aufgaben heran.
Wer Ihre Konzerte verfolgt, erkennt – es fließen Tränen. Machen Sie das bewusst?
Ich mag es, wenn Tränen fließen. Tränen des Glücks oder der Ergriffenheit. Ich möchte mit meinen Konzerten Emotionen wecken. Nach den vielen Jahren meiner Erfahrung weiß ich natürlich schon, wie ich das machen muss. Lachen und Weinen liegen nah beieinander, daher gibt es einmal eine flotte Musik, dann wieder eine langsame.
Die Inszenierung spielt ebenfalls eine große Rolle. Wenn bei einem Konzert plötzlich dutzende Dudelsackspieler auftreten und „Amazing Grace“ anstimmen, ist das Gänsehaut pur …
… und meine Inszenierung. Musik ist die Art der Kunst, die am meisten ins Herz geht. Viel mehr als ein Bild. Ich habe früher mit meinem „Maastrichter Salonorchester“ (Anm.: ab Ende der 1970er Jahre; seit 1998 reist André Rieu mit dem „Johann Strauss Orchester“ um die Welt) oft in Altersheimen gespielt. Ich kam da mit meiner Geige und plötzlich haben die Menschen getanzt. Der Arzt, der die Alten betreut hat, konnte es gar nicht fassen. Er meinte: „André, wie machst du das, ich versuche seit 25 Jahren die Senioren zu motivieren und du kommst ein Mal hierher, spielst und die tanzen wieder.“ Diese Kraft hat nur die Musik.
Wenn Sie ein Solo spielen, wirken Sie entspannt, beinahe schon fröhlich. Steht hingegen ein anderer Künstler neben Ihnen auf der Bühne, ob Sänger oder eine 13jährige Trompeterin, wirken Sie angespannt. Weil Sie weniger Vertrauen anderen gegenüber haben oder Sie nicht sicher sind, ob der Perfektionismus, den Sie erwarten, erfüllt wird?
Ich denke, wenn jemand auf die Bühne geht und ein Stück spielt, muss er wissen – das klappt, ich kann das. Sonst brauche ich mich gar nicht hinzustellen. Ich mache das mit meinem Gesicht deutlich. Ich könnte auch mit meinem Gesichtsausdruck mein Orchester dirigieren. (André Rieu rollt mit den Augen, verzieht die Miene, bewegt den Kopf hin und her …) Aber ja, Solisten müssen geführt werden. Tenöre etwa, muss ich festhalten, die muss man – puuch …
Warum?
Ja, weil es Tenöre sind (lacht).
… und die Sängerinnen?
Die muss man … nun ja – es gibt auch Tenöre unter den Frauen (wieder ein herzhaftes Auflachen). Aber natürlich sind wir alle geübt, das Publikum muss den Auftritt genießen, die Leichtigket der Darbietung spüren.
Sie planen Ihre Auftritte und Konzerte lange voraus. Haben Sie auch schon Pläne für das Jahr 2025?
So weit habe ich noch nicht geplant. Warum, was ist da?
Es gibt Jubiläen, den 50. Hochzeitstag mit Ihrer Frau Marjorie und den 200. Geburtstag von Johann Strauss.
Ach, das ist eine gute Idee für ein Jubiläumskonzert. Und der 50. Hochzeitstag, was ist das …
… die Goldene Hochzeit, nach 60 Jahren ist es die Diamantene Hochzeit und mit 65 die Eiserne.
… das wird immer weniger wert? Erst die Goldene und dann die Eiserne Hochzeit?
Ja, weil Sie dann „eisern durchgehalten“ haben …
Schau an.
Herr Rieu, Sie geben mit Ihrem „Johann Strauss Orchester“ am 19. und 20.11. zwei Konzerte in der Wiener Stadthalle (Karten und Informationen gibt es unter www.andrerieu.com). Was werden Sie dem Publikum bieten?
Eine gute Unterhaltung.
Haben Sie ein Motto für Ihre Show?
Wir spielen fröhliche Musik.
Wie wäre es mit: Ich bin wieder da?
Das ist schön, ja. Ich bin wieder da. Mein Orchester ebenfalls. Die Familie ist wieder da …
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