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Ausgabe Nr. 36/2021 vom 07.09.2021, Foto: BRANDEN EASTWOOD / AFP / picturedesk.com
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Straßen und U-Bahnen wurden überflutet. Es herrschte Chaos.
Eine Stadt ertrinkt
Niederschläge wie seit fast 100 Jahren nicht mehr ließen die Millionenmetropole New York (USA) in der Vorwoche schier untergehen. Vor allem arme Bürger in ihren Kellerwohnungen, sowie Autofahrer ertranken in den über sie plötzlich hereinbrechenden Fluten.
Der Pizza-Bote Ang Lama war gerade von der Arbeit heimgekommen. Der Kalender zeigte Mittwoch, 1. September 2021. Es hatte den ganzen Tag über leicht geregnet, nun war es Abend geworden und es schüttete wie aus Kübeln. Der 50 Jahre alte Mann war froh, zuhause zu sein bei seiner Frau Mingma, 48, und dem zweijährigen Sohn Lobsang. Die Familie war erst vor wenigen Monaten aus Nepal nach New York (USA) eingewandert und hat in einem Kellergeschoß eine leistbare Bleibe gefunden.

Kurz nach 21 Uhr krächzten die Mobiltelefone in dem Mietshaus in New Yorks Stadtteil Queens das Alarmsignal der behördlichen Katastrophen-Warnung. Es ist anzunehmen, dass Ang Lama und seine Familie es auch vernahmen. Doch wussten sie wohl nicht, das Alarmsignal richtig zu deuten und sich entsprechend zu verhalten.
Eine weitere halbe Stunde verging, dann hörte die Frau in der Wohnung über ihnen, Deborah Torres, 38, Schreie aus dem Keller. „Ich rief den Hausbesitzer an“, berichtete sie.
„Er sagte, er habe den Menschen geraten, die Kellerwohnung und das Haus zu verlassen. Doch die Schreie dauerten an.“

Frau Torres telefonierte erneut mit dem Besitzer. Er sagte mit leiser Stimme: „Sie antworten nicht mehr.“
Deborah Torres wollte hinabsteigen ins Untergeschoss, doch ihre Wohnungstür ließ sich nur schwer öffnen: „Draußen stand ein halber Meter Wasser, das nun hereinbrach. Gott sei es gedankt, dass es nicht weiter anstieg. Ich konnte fliehen.“
Die Familie aus Nepal hatte nicht so viel Glück. In der Früh, um 3.30 Uhr, wurden ihre drei Leichen von der Feuerwehr geborgen. Sie waren in ihrem bis zur Decke mit Wasser gefüllten Zuhause ertrunken.
Die kleine Familie gehört zu den mehr als vier Dutzend Menschen, die in der Vorwoche im Nordosten der USA dem Tropensturm „Ida“ zum Opfer fielen.

Warnungen wurden ignoriert
In New York verwandelten sintflutartige Regenfälle Keller und Autos in tödliche Fallen. Im angrenzenden Staat New Jersey traten Flüsse über die Ufer. Die überfluteten Straßen wurden zu Strömen des Todes.
Auch, weil Warnungen nicht ernstgenommen wurden. Mitte August war New York bei dem Sturm „Henry“ glimpflich davongekommen, die Wetterfrösche hatten ihn als „Jahrhundert-Katastrophe“ angekündigt hatten. Die Vorsichtsmaßnahmen schienen übertrieben. Vermutlich deshalb waren die Sicherheitsvorkehrungen von Behörden und Bürgern nun lasch, als der Hurrikan „Ida“ vom 2.000 Kilometer entfernten New Orleans heraufzog. Obwohl er dort an der Golfküste zahlreiche Menschenleben gefordert sowie Schäden in Millionenhöhe hinterlassen hatte.
Fünf Stunden, bevor das Ungeheuer über den „Big Apple“, Amerikas größte Stadt, und die Umgebung hereinbrach, hatten die Computer des Nationalen Wetterdienstes Alarm geschlagen. Auf den Bildschirmen erschien ein dicker roter Punkt, der „lebensbedrohende Fluten“ bedeutet. Und er lag direkt auf New York.

Viele Menschen fragen jetzt, warum Bürgermeister Bill de Blasio die Bewohner der Acht-Millionen-Stadt nicht sofort warnen ließ. Stattdessen gab er dem Fernsehen noch um 19.30 Uhr ein Interview über weit weniger wichtige Dinge.
Als die Sendung endete, war die Katastrophe bereits über die südlich von New York liegenden Gebiete des Nachbarstaates New Jersey hereingebrochen. Überschwemmte Straßen wurden zu Todesfallen. Wogen, so hoch wie am Meer, rasten durch die Dörfer und Städte, rissen Häuser und Bäume um und schwemmten Menschen in ihren Autos davon.
In der Stadt Passaic blieb der Wagen des 31jährigen Dhanush Reddy unweit seiner Wohnung stehen. Seiner Frau sagte der Kaufmann am Telefon, er gehe zu Fuß weiter. Am nächsten Morgen wurde seine Leiche gefunden: Mehrere Kilometer entfernt, am Ausgang eines Abwasserkanals. „Das Wasser muss ihn, als er sein Auto verlassen hatte, erfasst und in einen offenen Gully geschwemmt haben“, meint ein Polizist.

In Bridgewater (New Jersey) wurde der Geländewagen der Software-Entwicklerin Malathi Kanche von Wassermassen umgeworfen. Die Mutter und ihre 15 Jahre alte Tochter kletterten aus dem Fahrzeug und klammerten sich an einen dünnen Baum, wie ein Autofahrer später berichtete. Doch unter ihrem Gewicht brach der Baum zusammen und die beiden wurden fortgespühlt.
Bei Redaktionschluss dieser Ausgabe der WOCHE wurden aus New Jersey 27 Tote gemeldet. Ein Drittel von ihnen ertrank in ihren Wagen.
In New York starben mindestens 25 Menschen, nachdem der Himmel seine Schleusen geöffnet hatte. Innerhalb einer Stunde, von 20.50 Uhr bis 21.50 Uhr, fielen 80 Millimeter Regen – so viel wie seit 1927 nicht mehr. Erst Stunden später, mitten in der Nacht, rief der Bürgermeister den Notstand aus. Wegen eines „historischen Wetter-Ereignisses“. „Falls Sie daran denken, hinauszugehen, lassen Sie es sein,“ twitterte er.

Eine Warnung, die freilich zu spät kam. Im Nu standen in Manhattan die U-Bahnen still, tausende Passagieren saßen darin fest oder standen in überflutenen Stationen bis zur Hüfte in stinkendem Wasser. Wände aus dunkler Brühe stürzten auf sie herab. Die wenigen Busse, die noch verkehrten, glichen Amphibien-Fahrzeugen. Rettungskommandos in Booten leuchteten die Umgebung auf der Suche nach Menschen in Not ab. Verlassene Lastwagen und Personenautos versperrten den Weg.
Erstaunlich hoch ist die Zahl der Menschen, die in der Nacht des Schreckens in ihrer eigenen Wohnung umkamen – insofern ihre Behausungen als „Wohnung“ bezeichnet werden kann.

Wohnen im Keller
Meistens handelte es sich um illegal und primitiv ausgebaute Keller. An die 100.000 Männer und Frauen hausen in New York in diesen Höhlen, weil die Mieten für eine normale Wohnung in einer der teuersten Städte der Welt zu hoch für sie sind. Viele von ihnen sind Einwanderer ohne ordentliche Papiere – so wie Roberto Bravo, 66, aus Ecuador. Nachdem er den Dienst in der Armee seines Heimatlandes quittiert hatte, schaffte er es über Umwege in die USA. In der Früh des 2. September, am Donnerstag, lag er tot im Wasser, das seine Keller-Wohnung in Brooklyn zerstört hatte.

Am schlimmsten wütete das Unwetter im New Yorker Stadtteil Queens, wo gesetzwidrige Kellerbehausungen die Regel sind. Dort wurde Darlene Lee, 48, vom Wasser in ihrem Raum eingeschlossen. „Ihre Tür klemmte“, sagte die Hausmeisterin Patricia Fuentes. Als sie die Mieterin schreien hörte, eilte sie mit zwei Helfern in den Keller. „Wir standen bis zum Hals im Wasser. Es gelang uns, die Tür aufzubrechen. Darlene war eine kleine Person. Das Wasser reichte ihr schon bis zum Kinn. Ich hielt ihren Kopf hoch, doch sie verlor das Bewusstsein und starb schließlich in meinen Armen.“

Am Morgen nach der schrecklichen Nacht schien die Sonne vom blauen Himmel auf die Verwüstung. Es begann das große Grübeln. Der Tropenstrum ,Ida‘ hat deutlich gemacht: Es liegt am Klimawandel. Und daran, dass die Infrastrukturen der Städte Amerikas nicht bereit sind für solche gewaltigen Unwetter“, meint ein Experte. Die Städte wurden in einer anderen Zeit geplant und gebaut. New York leidet darunter, dass ein Großteil seiner Oberfläche mit Asphalt bedeckt ist und Wasser nicht ins Erdreich einsickern und verschwinden kann. Die U-Bahn ist mehr als hundert Jahre alt und nicht wasserdicht. Selbst an trockenen Tagen saugen Pumpen Unmengen von Wasser aus den Schächten. Gibt es dann eine Sturzflut wie jetzt, bricht das System zusammen. „Wir sind schließlich kein U-Boot“, sagt Janno Lieber, der Chef der Öffentlichen Verkehrsbetriebe. Er beklagt fehlende Geldmittel für notwendige Modernisierungen.

„Stürme und Regenfälle werden in Zukunft häufiger und wesentlich stärker sein, als wir bisher geglaubt haben“, warnt Aiguo Dai, Professor für Atmosphärische Wissenschaft.
„Bereits jetzt fällt über dem Nordosten der USA 50 Prozent mehr Regen als früher.“
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