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Ausgabe Nr. 36/2021 vom 07.09.2021, Foto: imago images/Westend61
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Immer mehr Kinder werden daheim unterrichtet.
Mama, die Lehrerin
Die Corona-Maßnahmen führen im neuen Schuljahr zu einem enormen Anstieg von Schulabmeldungen. Immer mehr Eltern wollen ihren Kindern die ständigen Corona-Tests und das Tragen von Masken nicht mehr antun. Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) sieht die Abmeldungen kritisch, er akzeptiert sogar Hänseleien geimpfter Schüler gegen ungeimpfte.
Die vergangenen eineinhalb Jahre waren für Schulkinder nicht leicht. Die meiste Zeit mussten sie von zu Hause aus, vor dem Computer sitzend, mit den Lehrern sprechen und lernen. Von fehlenden Sozialkontakten war die Rede, ebenso von psychisch überlasteten Kindern. Dabei waren die Schulschließungen überzogen, wie sich zeigte, weil Kinder nicht zu den überwiegenden Verbreitern des Corona-Virus gehören. Darüber ist sich die Wissenschaft einig.
Dennoch werden jetzt, zu Beginn des neuen Schuljahres, strenge Maßnahmen ergriffen. In den ersten drei Wochen, zunächst für 500.000 Kinder in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland, ab nächster Woche dann für die Schüler der übrigen Bundesländer, gilt eine sogenannte Sicherheitsphase. In dieser Zeit müssen für die Teilnahme am Unterricht drei Corona-Tests pro Woche durchgeführt werden, einer davon muss ein PCR-Test sein. Außerhalb der Klasse müssen die Kinder eine Maske tragen.

Diese Regelung wiederum sorgt bei immer mehr Eltern für Unmut, sodass sie ihre Sprösslinge freiwillig der sozialen Isolation aussetzen und daheim unterrichten. Noch nie gab es derart viele Schulabmeldungen wie in diesem Jahr, bislang betreffen sie 6.067 Kinder. „Die Zahl wird vermutlich noch größer werden. Ich denke, dass es insgesamt bis zum Schulbeginn durchaus bis zu 9.000 Abmeldungen geben könnte. Und das von der ersten Klasse Volksschule bis hin zu den Klassen der Neuen Mittelschule oder des Gymnasiums“, erklärt Evelyn Kometter, Vorsitzende des Österreichischen Verbandes der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen.

An erster Stelle liegt Niederösterreich mit 1.400 Abmeldungen (im Vorjahr waren es 820), gefolgt von der Steiermark mit 1.100 (423 im Vorjahr) und Oberösterreich mit 1.072 (299 im Vorjahr).

Hänseleien und fast schon Mobbing
„Für mich ist unser Bildungssystem gestorben. Wenn sich ein Bildungsminister für das Mobbing in der Schule ausspricht, möchte ich meine Kinder nie wieder in so eine Einrichtung schicken“, erklärt Annemarie Leiner. Die 43jährige Kärntnerin aus Villach bezieht sich damit auf die Aussage von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), der vor Kurzem sagte, dass das „vielleicht zu akzeptieren sei, wenn ungeimpfte von geimpften Kindern gehänselt“ würden. Die Ausgrenzung ist die Folge. Zudem verkündete das Gesundheitsministerium, dass derzeit fünf Prozent der Zwölf- bis 14jährigen mindestens eine Impfung erhalten hätten. Bei den 15- bis 24jährigen seien es 55 Prozent.

Der Impfstatus sowie die wöchentlichen Testergebnisse werden in den sogenannten Ninja-Pass eingetragen, der auch als Eintrittskarte für außerschulische Aktivitäten gilt.
Darüber hinaus betont Minister Faßmann die hohe Bedeutung der Schulen, auch als sozialen Ort. „Die Schule ist ein Laboratorium für eine pluralistische Gesellschaft.“
Bei mehr als einer Million Schülerinnen und Schüler in unserem Land ist der Heimunterricht zwar noch kein Massenphänomen, doch die Zunahme ist außergewöhnlich.
Denn seit dem Jahr 2010 blieb die Zahl der daheim von Mama und Papa unterrichteten Kinder bei etwa 2.000 stabil.

Die Pandemie hat alles verändert. „Die Beweggründe sind unterschiedlich. Viele Eltern wollen ihren Kindern, die entweder als Diabetiker oder mit einer chronischen Erkrankung selbst zur Risikogruppe gehören, dem Risiko einer Ansteckung oder einer Impfung nicht aussetzen. Schließlich ist bekannt, dass auch Geimpfte das Corona-Virus übertragen können. Außerdem ist das ständige Hin und Her zwischen Heim- und Schulunterricht gerade für Kleinschulkinder nicht optimal. Eltern, die es sich leisten können, engagieren nun einen Privatlehrer. Es wird sicher vermehrt zu Schulschließungen kommen“, glaubt Kometter.
Die Kärntnerin Annemarie Leiner wird ihren zehnjährigen Sohn heuer selbst unterrichten. „Er kommt in die erste Klasse Gymnasium und ich traue mir das zu, dass ich ihm eine gute Lehrerin bin. Ich habe mir auch schon Unterrichtsmaterial und Bücher von seiner Schule besorgt und werde auch mit den Lehrern unter dem Schuljahr in Kontakt sein. Außerdem bin ich im Internet in einer Austauschgruppe von Eltern, wo wir uns gegenseitig unterstützen und Tipps geben.“

Erfahrungen als „Lehrerin“ hat die 43jährige bereits. „Meine achtjährige Tochter Marie ist seit Dezember vorigen Jahres im Heimunterricht. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Ich habe erkannt, dass sie sich den Unterrichtsstoff am besten merkt, wenn sie selbst entscheiden kann, ob sie zuerst Mathematik durchnehmen möchte oder Deutsch. In die Schule zu gehen, hat für sie nur Stress bedeutet, weil neben dem normalen Schultag noch die Hausaufgaben zu erledigen waren. Ich habe sie jeden Tag von 8 bis 12 Uhr unterrichtet. Bei der abschließenden Jahresprüfung, die sie vor einer Prüfungskommission ablegen musste, hat sie nur Einser bekommen. Obendrein möchte ich meinen Kindern die Corona-Tests und das Tragen der Maske in der Schule ersparen. Für die Kinder ist das alles schon schlimm genug.

Meine Tochter sagt oft zu mir: ,Mama, vor Corona war eine schöne Zeit.‘ Das finde ich wirklich erschreckend. Zuhause haben meine Kinder eine Normalität und müssen sich weder Testungen antun noch eine Maske tragen“, erklärt Leiner, die sich als Marketingexpertin ihre Arbeitszeit im „Homeoffice“ frei einteilen kann.

Auch im Heimunterricht gibt's soziale Kontakte
Dass durch den Heimunterricht der soziale Kontakt ihrer Kinder zu den Mitschülern verloren gehen könnte, sieht die Mutter nicht tragisch. „Natürlich, Kinder brauchen sozialen Kontakt. Aber wer sagt, dass sie den sozialen Kontakt in der Schule brauchen. Sie haben Nachbarskinder, mit denen sie befreundet sind und wir sind bei einem Hundeverein, dort gibt es auch viele Familien mit Kindern.“
Doch genau da sieht Evelyn Kometter das Problem. „Die sozialen Aspekte kommen im Heimunterricht auf jeden Fall abhanden. Kinder haben untereinander einen anderen Sprachgebrauch, der für die Entwicklung wichtig ist. Eltern können keinen Lehrer ersetzen. Wir merken das jetzt etwa extrem bei Lehrlingen, die die neunte Schulstufe im Heimunterricht abgeschlossen haben. Die sind auf vielen Gebieten nicht sattelfest, wissen etwa nicht, was ein Quadratmeter ist. Der Schulunterricht gehört mit Sicherheit in professionelle Hände.“

Das findet Jennifer Schmidt, 32, aus Mistelbach (NÖ) ganz und gar nicht. Die zweifache Mutter unterrichtet ihren älteren Sohn Lukas, 10, seit einem Jahr im Heimunterricht und kann nur Positives berichten.
„Lukas lernt jetzt gerne, ohne Druck. Er sagt immer zu mir: ,Mama, du bist eine wunderbare Lehrerin, weil du auf meine Bedürfnisse eingehst.‘ Ich habe mir von seiner Schule alle Unterlagen besorgt, lerne mit ihm intensiv von 8.30 bis 11 Uhr vormittags, mit Pausen dazwischen. Es bleibt bei ihm viel mehr hängen als im Schulunterricht. Natürlich musste ich auch reinwachsen und schauen, welche Lernmethode optimal ist. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass es für ihn am Besten ist, wenn ich eine Woche nur Mathematik mit ihm lerne, dann eine Woche Deutsch. Die Hauptgegenstände wechsle ich also wöchentlich, dazwischen machen wir Sachunterricht. Für Biologie gehen wir etwa hinaus in die Natur und schauen uns an, wie sich eine Kaulquappe zum Frosch entwickelt. Mein Sohn blüht beim Heimunterricht so richtig auf, vor allem auch deshalb, weil er feinfühlig ist und sich in der Schule nie richtig wohlgefühlt hat. Da mein jüngerer Sohn Kevin, 6, schon im Kindergarten den Corona-Abschlecktest verweigert hat, gebe ich ihn erst gar nicht in die Schule, sondern unterrichte ich nun auch zu Hause. Er kommt in die Vorschule und freut sich schon auf den Heimunterricht.“

Hohes Wissen der Kinder im Heimunterricht
Der schulische Erfolg, der eben nach jedem Jahr mit einer Prüfung bestätigt werden muss, spricht für die Eltern, weiß die Vorsitzende der Elternvereine der Pflichtschulen, Evelyn Kometter. So sei bislang noch kein Kind bei der Prüfung durchgefallen. „Die Eltern werden in der zweiten Hälfte des Schuljahres über das Datum der Prüfung verständigt beziehungsweise welcher Schulstandort die Prüfung abnehmen wird. Eine Woche lang dauert die Prüfung, in der alle Unterrichtsgegenstände sowohl mündlich als auch schriftlich von den dort ansässigen Lehrern abgefragt werden“, erklärt Kometter. Wird die Prüfung nicht bestanden, darf das Kind im darauffolgenden Schuljahr nicht mehr abgemeldet werden, sondern muss die Klasse in einer öffentlichen Schule wiederholen.

Umstritten ist der Heimunterricht immer wieder. „Im Schulgesetz ist nicht genau beschrieben, wer unterrichten darf und wer nicht. Mir ist bislang kein Fall bekannt, dass sich Eltern zusammengetan und einen Privatlehrer bezahlt hätten, der eine Gruppe von Kindern unterrichtet. Fakt ist, dass dies jetzt aber aufgrund der Pandemie passieren wird. Vor allem durch Lehrer, die bereits in Pension sind“, glaubt Kometter.
Das wiederum ist verboten, weil es einer Privatschule gleichkäme.

Unterrichtsminister Faßmann ist der Heimunterricht naturgemäß ein Dorn im Auge. Deshalb möchte er die Regeln verschärfen. Bereits mit Anfang des Jahres 2022 soll zusätzlich zur Jahresprüfung auch schon nach dem Wintersemester getestet werden, welche Lernfortschritte die abgemeldeten Schüler erzielt haben. So soll bei Problemen frühzeitig eingegriffen werden können. Doch die scheint es bislang nicht zu geben.

So viele Schulabmeldungen gibt es in den Bundesländern:
Aktuell Vorjahr
Niederösterreich 1.400 820
Steiermark 1.100 423
Oberösterreich 1.072 299
Wien 840 359
Tirol 440 220
Salzburg 383 116
Kärnten 370 159
Burgenland 250 125
Vorarlberg 212 115
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