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Ausgabe Nr. 35/2021 vom 31.08.2021, Foto: stock.adobe.com (2)
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Was der Ausstieg aus dem Koffein-Konsum mit dem Körper macht.
Kopfweh und mehr durch „kalten“ Entzug
Mehr als eintausend Tassen Kaffee werden in unserem Land pro Kopf und Jahr getrunken. Kaffee ist vom Frühstück bis zum Feierabend ein Begleiter durch den Tag. Wer sich entscheidet, Koffein von der persönlichen Getränkekarte zu streichen, sollte keinen „kalten“ Entzug vornehmen, also den Genuss plötzlich absetzen, sondern langsam vorgehen.
Brühwarm, herrlich duftend und eine Freude für den Gaumen. Für Kaffeetrinker ist frischer Kaffee, nicht nur zur Morgenstund‘, eine Wohltat für Körper, Geist und Seele. Sie genießen seine anregende Wirkung, fühlen, wie sich die Müdigkeit zurückzieht und die Konzentration steigt.

Zirka 30 Minuten dauert es, bis eine Tasse Kaffee dank des enthaltenen Koffeins wie ein Motor oder ein Verstärker auf den Körper wirkt, und das bis zu vier Stunden lang. „Koffein lässt das Herz schneller schlagen, erhöht den Puls und den Blutdruck, verengt die Blutgefäße, was Kopfschmerzen lindert, und verbessert die Sauerstoffversorgung der Muskeln“, bestätigt Dr. Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel (D). Medizinisch spreche nichts gegen bis zu vier Tassen Kaffee pro Tag. Eine Tasse enthält je nach Stärke zwischen 30 und 100 Milligramm Koffein, das bis zu einer Dosis von 200 Milligramm als unbedenklich gilt. Der in Kaffee, aber auch in Schwarztee und Grünem Tee, Cola- und Energy-Getränken sowie in Kakao enthaltene Wirkstoff Koffein zielt auf jene Rezeptoren, die den Körperzellen eigentlich „Pause“ signalisieren. Daher verhindert Koffein Müdigkeit und gilt als Wachmacher.

„Das Problem ist, das Gehirn bemerkt eine ständige Koffein-Dosis und gewöhnt sich daran. Deshalb wirkt eine gleichbleibende Koffeinmenge umso weniger, je länger sie konsumiert wird. Die Folge ist, der Konsum von koffeinhaltigen Getränken muss gesteigert werden, um dieselbe Wirkung zu entfalten.“

Diesen Kreislauf will oder muss so mancher aufgrund von Sodbrennen, Schlafstörungen, Bluthochdruck oder anderen Gründen durchbrechen.

Wer jahrelang Kaffee und/oder andere koffeinhaltige Getränke zu sich nimmt, sollte sich aber bewusst sein, Koffein von einem Tag auf den anderen zu streichen, kann sich unangenehm bemerkbar machen.

Bleibt die gewohnte Tagesportion plötzlich aus, können Entzugserscheinungen auftreten, wie sie sogar von Suchtmitteln bekannt sind. Psychiater der Universität von Vermont (USA) untersuchten, welche körperlichen Prozesse ein plötzlicher Einnahmestopp von Koffein auslöste. Die Studienteilnehmer zeigten deutliche Reaktionen nach einem Zufuhrstopp, vor allem Kopfschmerzen. „Im Ultraschall konnten wir sehen, dass sich die Blutgefäße im Gehirn weiten. Das betrachten wir als wichtigste Ursache für Entzugskopfweh, das wirklich stark sein kann. Es erhöhten sich auch die Theta-Rhythmen im EEG-Bild, die vermehrt bei Schläfrigkeit auftreten. Sie gelten als Ursache für die unangenehme Müdigkeit bei Koffeinentzug. Die Probanden gaben außerdem an, dass sie sich beim Entzug besonders erschöpft, lustlos oder matt fühlten“, bestätigt der Studienautor Prof. Stacey Sigmon.

Eine weitere Studie aus der Schweiz, der Universität Basel und den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, zeigte, dass Koffein das Volumen an grauer Substanz im Gehirn zu verringern scheint. Die graue Substanz, umgangssprachlich die „grauen Zellen“ genannt, ist eine wesentliche Komponente unseres Zentralnervensystems.

Medizinisch und pharmakologisch gilt Koffein als eine psychoaktive Substanz. Manche Experten sehen darin eine Art Droge, die bei regelmäßigem Genuss Abhängigkeit hervorruft. Sie sei in der Gesellschaft jedoch so gut organisiert, dass die Abhängigkeit kaum bemerkt werde. „Kaffee gehört zum Alltag und wird permanent getrunken. Er ist stets verfügbar“, macht Dr. Göbel aufmerksam.

Um heftig eintretende Entzugserscheinungen zu umgehen, raten Experten vom plötzlichen Koffein-Ausstieg, also dem „kalten“ Entzug, ab und empfehlen den schrittweisen Abschied. Das ist auf der einen Seite möglich, wenn die Zahl der getrunkenen Tassen Kaffee Woche für Woche verringert wird. Andererseits kann die konsumierte Koffeinmenge verkleinert werden. Einhundert Milliliter schwarzer Filterkaffee enthalten 80 Milligramm Koffein. Die gleiche Menge Cappuccino enthält hingegen nur 27 Milligramm, ein Latte macchiato liefert elf Milligramm Koffein. Ein Espresso schlägt bei dieser Menge zwar mit 110 Milligramm Koffein zu Buche, doch wird Espresso nur in kleinen Mengen getrunken, etwa 30 Milliliter, womit der „kleine Schwarze“ rund 36 Milligramm Koffein enthält. Schließlich gibt es noch entkoffeinierten Kaffee, der nur noch zwei Milligramm Koffein enthält.

Unterstützend ist, den Beginn des „Ausschleichens“ an ein Wochenende zu legen. Müdigkeit oder Kopfweh, die beim Verringern der Dosis auftreten können, lassen sich an freien Tagen besser aushalten. Das schwächere Energieniveau in der ersten Zeit kann bei manchen Menschen Heißhunger auslösen. Ein ausreichender Vorrat an Obst ist die bessere Alternative zu Süßigkeiten.

Wie lange bei der Abgewöhnung des Koffeins Entzugserscheinungen auftreten können, lässt sich nicht pauschal voraussagen. Bei einigen „Aussteigern“ klingen sie nach wenigen Tagen ab, und bei anderen dauert es mehrere Wochen. Im Durchschnitt klingen die Entzugssymptome nach dem zehnten Tag merklich ab und der Körper findet wieder zu seinem normalen Rhythmus zurück. Und unsere „grauen Zellen“ im Gehirn finden nach zehn Tagen wieder zu ihrer ursprünglichen Größe zurück.
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