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Ausgabe Nr. 35/2021 vom 31.08.2021, Foto: stock.adobe.com
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„Vergiss Kränkungen, doch vergiss Freundlichkeiten nie.“ - Konfuzius
Wenn Worte verletzen
Hartgesottene Gemüter erwecken den Eindruck, Kränkungen könnten ihnen nichts anhaben. Die sprichwörtlichen „Mimosen“ hingegen wittern hinter allem und jedem einen persönlichen Angriff. Wenn wunde Punkte getroffen werden, zeigt sich, wie kränkbar jemand ist.
Kränk di‘ net, wann‘s amoi owe geht …“, besang Jazz-Gitti Anfang der 1990er Jahre ein hinlänglich bekanntes Gefühl. „Kränkung, besser gesagt, Kränkbarkeit ist ein Volksleiden“, sagt Dr. Wolfgang Schmidbauer. Der Psychoanalytiker weiß, wovon er spricht. Der 80jährige schöpft aus dem Füllhorn seiner jahrzehntelangen Erfahrungen als Therapeut.

„Vergiss Kränkungen, doch vergiss Freundlichkeiten nie.“
Konfuzius

„Die Kränkung ist etwas, was die Wirklichkeit einem Menschen antut. Ironisch gesagt, hat jeder von uns eine einfache Erwartung an das Leben, und zwar, dass alles so glattgehen muss, wie wir uns das vorstellen. Ist das nicht der Fall, sind wir gekränkt“, bringt es Schmidbauer pragmatisch auf den Punkt.

In seinen mehr als 50 Büchern lotet er immer wieder die Grenzen aus zwischen gesundem und übersteigertem Egoismus und dessen Einfluss darauf, wie kränkbar jemand ist. „Früher oder später wird jedem von uns klar, dass es ein Leben ganz ohne Kränkungen einfach nicht gibt“, sagt Schmidbauer. Kritisch werde es seiner Ansicht nur, wenn jemand nicht lernt, mit Kränkungen umzugehen.

„Schon in der Erziehung sollten die Eltern darauf achten, die Kränkungs-Verarbeitung ihrer Kinder zu stabilisieren“, empfiehlt Schmidbauer die Möglichkeit der „optimalen Frustration“. „Wenn das Kind schreit und weint, weil die Mama weggeht, obwohl die Oma als Babysitterin da ist, ist die optimale Frustration, dass die Mama einfach geht. Weil sie dem Kind zumuten kann, diese kleine Kränkung zu bewältigen“, führt der Experte als Beispiel an.

Der Neurowissenschaftler Dr. Joachim Bauer betrachtet das ähnlich. „Wir können nur überleben, wenn wir uns von klein auf eine gewisse Widerstandskraft gegenüber Kränkungen aneignen. Die erwerben wir nur durch ein starkes inneres ,Ich‘. Dieses wiederum entwickelt sich schon im Kindesalter. Spürt ein Kind, dass es geliebt wird, wie es ist, wird es später auf Kränkungen nicht so sensibel reagieren“, sagt er.

Wer also in der frühen Kindheit ein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln konnte, ist als Erwachsener weniger kränkbar.

Jemand, der sich häufig gekränkt fühlt, hat ein eher brüchiges Selbstwertgefühl. Seine Fähigkeit, Kränkungen zu verarbeiten, ist dementsprechend wenig ausgereift.

„Den edlen Menschen kränkt sein Unvermögen. Ihn kränkt nicht, dass man ihn nicht anerkennt.“
Konfuzius

Kränkungen verarbeiten könne jedoch genauso trainiert werden wie ein Muskel, weiß der Psychotherapeut Schmidbauer aus der Arbeit mit seinen Klienten. „Wenn ein Muskel zu intensiv beansprucht wird, reißt er und es gibt nichts mehr zu trainieren. Ähnlich ist es, wenn jemand dauerhaft grübelt, warum er gekränkt wurde. Damit verletzt er sich nur selbst immer mehr. Daher ist es für das eigene Seelenheil besser, die kränkende Erfahrung abzuschließen, sie loszulassen und zu verzeihen“, rät der Psychoanalytiker.

„Keiner kränkt den anderen um der Kränkung Willen, sondern um sich dadurch Vorteil, Vergnügen, Ruhm oder ähnliches zu verschaffen.“
Francis Bacon

Seine Kollegin, die Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki erklärt, dass jede Kränkung an einem wunden Punkt ansetzt. „Oft wissen wir natürlich gar nicht, welche wunden Punkte jemand hat. Deswegen passieren die meisten Kränkungen unabsichtlich. Wir kränken Menschen und merken das gar nicht“, gibt sie zu bedenken.

„Dann wieder bricht jemand scheinbar grundlos den Kontakt ab, weil er sich gekränkt fühlte und der andere kennt nicht einmal den Grund“, sagt Wardetzki.

„Gekränkte Menschen reden meist nicht darüber. Zielführender wäre, dem anderen zu sagen, ,Was du gemacht hast, hat mich verletzt.‘ Dann kann der andere erwidern, ,Das tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken.‘ Auf diese Weise ist es möglich, dass sich beide verständigen und die private oder berufliche Beziehung nicht darunter leidet“, empfiehlt die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki.

Was war Ihre schlimmste Kränkung?

Mag. Anna-Maria Wolfsberger, 70, Pensionistin
„Heute würden wir Mobbing dazu sagen“
„Ich habe in meiner Studienzeit eine Form der Kränkung erlebt, zu der wir heute Mobbing sagen würden. Es war in einer Arbeitsgruppe. Zwei Studienkolleginnen ignorierten mich, wo sie nur konnten. Sie nutzten jede Gelegenheit, um mich zu beleidigen, was mich oft zutiefst gekränkt hat.
Bis mir eines Tages klar geworden ist, dass die beiden das nur deshalb machten, weil sie neidisch auf meine guten Prüfungsnoten waren. Das zu erkennen, war wichtig für mich, weil es mir geholfen hat, den Schmerz der Kränkung loszuwerden.“

Georg Eckardt, 64, Angestellter
„Das Gefühl kenne ich bislang nicht“
„Bis auf ein paar unbedeutende Beleidigungen kenne ich das Gefühl einer schlimmen Kränkung nicht. Wahrscheinlich ist mir das deshalb noch nie widerfahren, weil ich ein gutes Selbstwertgefühl habe. Das verdanke ich meinen Eltern und dem stabilen Umfeld, in dem ich aufwachsen durfte.
Vor Jahren hatte ich einen Arbeitskollegen, bei dem ich jedes Wort auf die Waagschale legen musste, weil er sich wegen jeder Kleinigkeit gekränkt und verletzt fühlte. Er tat mir ja leid, aber mit ,Mimosen‘ zu arbeiten, kann ganz schön zermürbend sein.“

Viktoria Lafonti, 23, Studentin
„Du bist sicherlich nicht sonderlich hell“
„Meine bislang schlimmste Kränkung habe ich erlebt, als ich mit Freunden in einem Restaurant zum Essen verabredet war. In der Runde befand sich ein mir unbekannter Mann. Der setzte sich nach dem Dessert neben mich und sagte mit einem unverschämten Lächeln: ,Du bist zwar eine wunderschöne Frau, aber sicherlich nicht sonderlich hell im Kopf.‘
Obwohl ich für gewöhnlich nicht so zartbesaitet bin, hat mich das wirklich hart getroffen, zumal ich angehende Juristin bin. Für mich war der Abend gelaufen.“

Manfred Aichholzer, 52, selbstständig
„Meine Ex bezeichnete mich als Versager“
„Obwohl es keinen Grund dafür gab, bekam ich von meiner Exfrau unentwegt zu hören, dass ich nichts auf die Reihe kriege. Sie hoffe, dass unser Sohn ja nicht so wie ich werde, sagte sie zu mir. Die verbalen Verletzungen meiner Ex gipfelten darin, mich als Versager zu bezeichnen.
Ich war zutiefst gekränkt und begann an mir selbst zu zweifeln. Nach der Scheidung habe ich mich bewusst mit Menschen umgeben, die mich aufgebaut haben. Dadurch habe ich die Kränkung überwunden und meiner Exfrau verziehen.“
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