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Ausgabe Nr. 35/2021 vom 31.08.2021, Foto: jimcumming88 - stock.adobe.com
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Sie stehen unter Schutz, weil Wölfe aber zu viele Schafe gerissen haben.
Zum Abschuss freigegeben
Obwohl er europaweit streng unter Schutz steht, darf der Wolf in Kärnten, Salzburg und Tirol nun durch Jäger abgeschossen werden. Dabei leben in unserem Land gerade einmal 40 Wölfe. Hier prallen die Welten von Naturschützern und Bauern aufeinander.
Die Kärntner Jäger munitionieren schon einmal auf. Denn das südlichste Bundesland erlaubt per Bescheid nun das Abschießen von „Problem-Wölfen.“ Und das, obwohl der Wolf streng geschützt ist. Den Abschuss hatten die Gailtaler Almbauern nach Wolfsrissen von insgesamt 56 Schafen gefordert. Er gilt für die Poludnigalm, die Eggeralm und die Wipfelalm und ist vorerst bis 30. September befristet.
Erteilt wurde die Abschuss-Erlaubnis von Martin Gruber (ÖVP), dem Kärntner Jagdreferenten. „Ich habe immer klar gesagt, dass ich sofort bereit bin, einen Bescheid zum Abschuss eines Wolfes zu unterzeichnen, um die Bauern zu schützen, wenn die Behörde grünes Licht dafür gibt. Das habe ich nun auch umgehend getan.“ Es ist das erste Mal, dass eine derartige Erlaubnis in Kärnten erteilt wurde.

Die Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) Österreich kritisiert die Wolfs-Abschusspläne von Gruber heftig: „Rechtswidrige Abschüsse können ungeschützte Schafe nicht dauerhaft schützen. Der nächste Wolf kommt nach und an der Situation für die Almwirtschaft hat sich nichts geändert. Außerdem gibt es keine ,Problem-Wölfe‘. Ein Wolf frisst das, was ihm vor die Schnauze kommt. Und das sind 99 Prozent Wildtiere und nur ein Prozent Nutztiere“, erklärt der WWF-Wolfsexperte Christian Pichler und fordert: „Statt den strengen europaweiten Schutz der Wölfe auszuhebeln, muss das Land Kärnten rasch Herdenschutzmaßnahmen fördern, um Schafbäuerinnen und -bauern langfristig zu helfen. Der Griff zur Büchse ist kurzsichtig und kann Konflikte nicht lösen.“

In Slowenien gibt es mehr Wölfe als bei uns
In unserem Land leben derzeit etwa 40 Wölfe, in umliegenden Ländern weit mehr – alleine in Italien bis zu 2.700, in Slowenien mehr als 100. Es werden daher immer wieder Wölfe durch Kärnten streifen, für die ungeschützte Schafherden eine leichte Beute bleiben. „Herdenschutz ist unumgänglich. Denn Wölfe können nicht zwischen erlaubter Beute wie Wildtieren und verbotener Beute wie Schafen unterscheiden, solange sie nicht von Hirten, Schutzhunden oder Zäunen von Nutztieren abgeschreckt werden“, sagt Pichler.
Herdenschutz durch Behirtung bringe zahlreiche Vorteile, erklärt auch Stefan Knöpfer, niederösterreichischer Landwirt und Gründer des Vereines „Hirtenkultur“. „Behirtung schützt Nutztiere vor Krankheiten, Unwetter oder Steinschlag. Das sind viel häufigere Todesursachen als Wölfe. Eine von Hirten gelenkte Bewirtschaftung von Weiden oder Almen stärkt den Schutz vor Bodenerosion und belebt die biologische Vielfalt, etwa von Pflanzen und Vögeln.“

Wölfe halten den Wildbestand und damit den Wald gesund, indem sie vor allem kranke und schwache Tiere erbeuten. Der WWF-Experte Pichler sieht in den Wölfen deshalb nützliche Tiere. „Gibt es fachgerechten Herdenschutz, meiden Wölfe Weidetiere von Beginn an und konzentrieren sich auf ihre Rolle als Gesundheitspolizei des Waldes.“
Der Jagdreferent Gruber aus Kärnten sieht das anders. „Der Wolf hat in unserer Kulturlandschaft keinen Platz.“ Gruber kündigt für Kärnten bereits eine Wolfsverordnung an, wie sie vor Kurzem in Salzburg beschlossen wurde. Da gibt es eine Abschusserlaubnis für Wölfe, die mehr als 25 Nutztiere gerissen haben. Die Verordnung ist am 20. August in Kraft getreten. Als Maßnahmengebiet wurden die Jagdreviere Rauris, Kaprun-Fusch und Gastein festgelegt. In diesen Regionen darf ein „Problem-Wolf“ abgeschossen werden.

Auch hier sieht der WWF überzogene Handlungen und Gesetzesbrüche. „Die Abschusspläne sind in mehrfacher Hinsicht rechtswidrig. So stellt die Verordnung nicht sicher, dass nur das zum Abschuss freigegebene Tier bejagt werde. Zudem widerspricht die Festlegung einer willkürlich gewählten Anzahl von Nutztierverlusten dem EU-Naturschutzrecht“, erklärt Pichler.

Geheimniskrämerei in Tirol
Im benachbarten Tirol traten ebenfalls neue Bestimmungen im Almschutz- und Jagdgesetz in Kraft, die eine raschere „Entnahme“ von Wölfen und Bären ermöglichen sollen. Ein Fachgremium aus insgesamt vier Experten aus den Bereichen Tierwohl oder Agrarwirtschaft soll über die Abschüsse bestimmen. Die Namen der dort handelnden Personen werden zu deren eigenem Schutz nicht veröffentlicht, heißt es seitens des Landes Tirol.

Für Pichler ein inakzeptables Vorgehen. „Die Politik will hier Entscheidungen über Abschüsse in ein ,Geheimgremium‘ auslagern und sich so vor der Verantwortung zur Lösung von Konflikten drücken. Auf dieser Basis ist kein rechtskonformes und fachgerechtes Wolfsmanagement möglich.“
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