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Ausgabe Nr. 35/2021 vom 31.08.2021, Fotos: AdobeStock, privat, Florian Bachmann/todofoto.ch
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Björn Nölte ist Lehrer für Deutsch und Geschichte, derzeit Referent in der Schulaufsicht der Evangelischen Schulstiftung (D).
Philippe Wampfler arbeitet als Deutschlehrer in einem Züricher Gymnasium (Schweiz) und ist Dozent an verschiedenen Fachhochschulen.
„Ohne Notendruck lernen Schüler mehr“
Noten sind nicht gerecht und schon gar nicht genau. Das wissen Schüler und Lehrer schon seit Jahrzehnten. Trotzdem bestimmen sie nach wie vor den Schulalltag. Die beiden Lehrer Björn Nölte und Philippe Wampfler sprechen sich in ihrem Buch „Eine Schule ohne Noten“, das im Herbst erscheint, für die Abschaffung der Noten aus. Denn so lange es Noten gibt, lernen Schüler nur für die Ziffern unter einer Schularbeit und nicht, um etwas zu können.
Herr Wampfler, Herr Nölte, Sie sind beide Lehrer, warum vergeben Sie nicht gerne Noten?
Philippe Wampfler: Weil ich merke, dass das enorm viel Energie abzieht von dem, was wichtig ist, dem Lernen und der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Wenn ich darüber diskutieren muss, ob die Note nicht doch ein bisschen besser sein könnte oder ob es tatsächlich gerecht ist, wie sie ausgefallen ist, obwohl das ganze System ja gar nicht gerecht sein kann und auch so gestaltet ist, dass es gar nicht gerecht sein soll. Ich könnte ohne Noten einfach meine Arbeit viel besser machen und mit den Klassen die Ziele viel direkter erreichen.
Björn Nölte: Dort, wo Noten eine geringere Rolle spielen, sind die Schüler motivierter und leistungsbereiter.
In Ihrem Buch heißt es, „Noten beenden oder behindern Lernprozesse“. Warum?
Nölte: Noten fällen endgültige Urteile. Damit sind diese Dinge für Schüler erledigt. Wenn sie jedoch das Gefühl haben, die Lehrkraft ist nicht dazu da, um mich zu beurteilen, sondern um mich im Lernprozess zu unterstützen, dann machen sie weiter. Mit Noten orientieren wir uns zu sehr auf diese Ziffer, sie lenken von dem eigenen Können und Gegenstand ab.
Wir alle waren einmal Schüler und haben erlebt, dass Noten ungerecht und ungenau sind …
Nölte: Seit 40 Jahren ist wissenschaftlich belegt, dass Noten ungerecht, nicht verlässlich und ungeeignet sind für ihre Zwecke. Trotzdem bestimmen sie in ganz hohem Maße die Wirklichkeit an Schulen.
Wampfler: Noten sind scheingenau, sie wirken genau, sind es aber nicht. Genauso kann man sagen, sie sind scheingerecht. Sie führen zu einer Rangordnung in einer Klasse. Wir können sagen, wer ist der beste, wer der schlechteste Schüler. Aber das ist keine gerechte Rangordnung, es wirkt nur so.
An manchen amerikanischen Elite-Universitäten gibt es teils keine Noten mehr, in Schweden werden bis zur 8. Klasse keine Noten vergeben. Wodurch sollen Noten bei uns ersetzt werden?
Wampfler: Mein Ideal wäre, dass es gewisse Kompetenzen gibt, bei denen man feststellt, beherrschen die Schüler das oder nicht. Wir nehmen etwa die Beistrich-Setzung durch und schauen dann, können sie in einem Text richtig Komma setzen oder nicht. Wenn nicht, arbeiten wir so lange weiter, bis es alle können. Und die, die es können, machen etwas anderes. Dazu braucht es keine Note mehr.
Viele Faktoren beeinflussen die Noten abgesehen von der Leistung …
Nölte: Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Forschungen darüber, wie immens diese Einflüsse sind. Es gibt zum Beispiel den „Halo-Effekt“, den „Heiligenschein-Effekt“. Wenn die Lehrkraft aufgrund von Höflichkeit oder Kleidung den Eindruck hat, das ist ein guter Schüler, dann wird die Leistung auch anders wahrgenommen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass der Zeitpunkt, wann die schriftliche Arbeit im Vergleich zu anderen korrigiert wird, oder die Reihenfolge bei mündlichen Prüfungen einen hohen Einfluss auf die Notengebung hat. Oder dass sich Lehrer Gedanken machen, was passiert mit dem Schüler später. Ich gebe ihm noch eine gute Note auf die Abschlussprüfung, weil ich weiß, er möchte sich für die Lehrstelle bewerben. Das ist menschlich, aber es hintertreibt die Funktion, die die Note eigentlich haben sollte.
Manchen Lehrern, so scheint es, macht es richtiggehend Freude, wenn sie ein „Nicht genügend“ androhen oder vergeben können. Ist das noch verbreitet?
Nölte: Bestimmt, aber ich würde mir wünschen, dass das immer mehr abnimmt. Es ist doch ein Armutszeugnis, wenn Unterricht auf der Grundlage von Androhung und von Macht passiert. Unterricht, egal ob am Bildschirm oder im Klassenraum, sollte so gestaltet sein, dass die Schüler sagen, ich darf ihn nicht verpassen, das ist wichtig für mich. Das darf nichts mit Angst zu tun haben.
Lernen Schüler ohne Noten?
Nölte: Im Buch kommen auch Schüler zu Wort, die selbst äußerst skeptisch waren beim Wechsel auf eine Schule, die keine Noten mehr verteilen muss. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie ohne Notendruck viel mehr gelernt haben. Wenn die Schüler die Sinnhaftigkeit ihres Tuns erkennen, sind sie viel leistungsbereiter als mit Noten.
Ein Argument für Noten lautet, Schüler müssten mit dem Druck umgehen lernen, dem sie auch im späteren Leben ausgesetzt sind …
Wampfler: Ohne Noten verschwindet der Druck nicht aus dem Leben und aus dem Lernen. Natürlich muss man mit Druck umgehen lernen. Aber der Noten-Druck ist sinnlos und wird auf eine künstliche Art und Weise erzeugt, obwohl er gar nicht nötig wäre. Ich denke nicht, dass es jungen Menschen hilft, mehr Druck zu erzeugen, als ohnehin schon da ist. Es gibt genügend Herausforderungen, die aus dem Leben selber kommen.
Ist ohne Noten die Vergleichbarkeit noch gegeben?
Wampfler: Es ist eine Illusion, dass Noten vergleichbar sind. Ich kann Ihnen meine Matura-Noten zeigen, aber was wollen Sie damit machen, das sagt einfach nichts aus. Das ist eine künstliche Rangordnung, bei der man sagen kann, an einem bestimmten Tag, in dieser Situation, bei der Prüfung hat jemand mehr Punkte bekommen als jemand anderer. Aber sich derart mit anderen zu vergleichen, ist nichts, was im Leben wichtig ist. Wenn wir uns die Welt von Schachspielern anschauen, dann sehen wir dort, dass es lustig ist, sich mit Spielern zu vergleichen, die ungefähr auf demselben Niveau sind. Aber in der Schule nimmt man 30 Menschen, wirft sie in einen Raum und sagt, jetzt vergleichen wir euch miteinander, obwohl sie das gar nicht wollen.
Nölte: In Deutschland werden Studienplätze sogar nach der Zehntelstelle nach dem Komma beim Matura-Durchschnitt vergeben. Obwohl diese Noten in verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedlich zustande kommen. Und dann bestimmen sie Lebensbiographien.

In der Schweiz waren alle Schulen offen
ÖVP-Unterrichtsminister Heinz Faßmann will in diesem Schuljahr keine „großflächigen Schulschließungen“ mehr. Dazu soll die „Sicherheitsphase“ in den ersten drei Schulwochen beitragen. Alle Schüler, auch die geimpften, werden drei Mal in der Woche getestet, teils mit einem PCR-Test. Je nach Infektionslage sind danach eine Maskenpflicht oder Tests vorgesehen. Für Geimpfte soll zumindest die Testpflicht wegfallen.
Bei uns wurden Kinder und Jugendliche im vergangenen Schuljahr monatelang vor den Bildschirm verbannt. In der Schweiz hingegen waren trotz „Lockdowns“ die Schulen offen. Anders als in der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020. „Die Erfahrungen aus dem ,Lockdown‘ haben gezeigt, dass mit dem Fernunterricht erhebliche und vielfältige Nachteile für die Schülerinnen und Schüler verbunden sind“, heißt es aus der „Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren“.
Zwischen März und Juni, in der dritten Welle, war nie mehr als ein halbes Prozent der Klassen wegen Quarantäne geschlossen. „In mehr als 99 Prozent aller Schulen herrschte in diesen Wochen Normalbetrieb.“
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