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Ausgabe Nr. 34/2021 vom 24.08.2021, Foto: mauritius images / RooM the Agency / Alamy
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Große Fortschritte in der Behandlung von Multipler Sklerose.
„Der Rollstuhl bleibt vielen erspart“
So wie die US-Schauspielerin Christina Applegate, 49, erhalten jedes Jahr mehr als vierhundert Menschen in unserem Land die Diagnose Multiple Sklerose. Diese Erkankung des Zentralen Nervensystems schockt Betroffene, doch Experten versichern, früh erkannt, lässt sich die MS dank neuer Therapien gut bremsen.
Mit ihrer öffentlichen Erklärung hat die US-Schauspielerin nicht nur ihre Anhänger überrascht. Christina Applegate (49, „Eine schrecklich nette Familie“) gab vor wenigen Wochen bekannt, an Multipler Sklerose (MS) erkrankt zu sein, einer entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems, die bis vor wenigen Jahren noch für viele der Betroffenen im Rollstuhl endete. Drei Jahre zuvor machte ihre Kollegin Selma Blair, 49, öffentlich, an Multipler Sklerose zu leiden, nachdem sie jahrelang mit Symptomen kämpfte, die sie nicht einordnen konnte. Die Amerikanerin quälten Nackenschmerzen, starker Schwindel, Probleme beim Gehen und plötzlicher Gefühlsverlust in einem Bein. Eine Behandlung aus Stammzellen- und Chemotherapie konnten Blairs MS-Symptome lindern, vielleicht sogar dauerhaft abschwächen. Die Zukunft wird es zeigen.

Multiple Sklerose ist eine Diagnose, die in unserem Land etwa vier- bis fünfhundert Mal im Jahr gestellt wird und mit der zur Zeit rund 13.500 Menschen leben müssen. „Frauen sind zwei bis drei Mal häufiger von dieser unheilbaren, chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung der Nerven betroffen. Das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose liegt bei 20 bis 40 Jahren“, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, Leiter der Abteilung für Allgemeine Neurologie der Med Uni Graz.

Erste Symptone sofort ernstnehmen
Warum sich diese unheilbare Krankheit bei einem Menschen entwickelt, können Mediziner nicht sagen. Gewiss ist, die Krankheit hat im Vergleich zu früher in vielen Fällen ihren Schrecken verloren. „Viele Patienten können ihr Leben weitgehend nach ihren Vorstellungen und mit möglichst wenigen Einschränkungen gestalten. Dazu ist es wichtig, die Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen und zu bekämpfen, denn ihr Fortschreiten führt zu einer nicht mehr umkehrbaren Schädigung des Zentralnervensystems“, erklärt Prof. Enzinger.

Die Erstsymptome der MS sind jedoch vielfältig. „Zu den häufigsten und individuell stark unterschiedlich ausgeprägten Beschwerden gehören Sehstörungen, etwa dunkle, unscharfe und kontrastarme Seheindrücke, Kraftminderung, Gefühlsstörungen, Störung der Koordination. Spastische, also krampfartige Lähmungen und urologische Probleme können ebenfalls auftreten, aber oft in höherem Alter der Erstmanifestation.“ Kommt es zu derartigen Beschwerden, ist Handeln empfohlen. Eine Abklärung (ob etwa eine andere Krankheit dahintersteckt) ist in einer spezialisierten Ambulanz, in einer neurologischen Abteilung oder neurologischen Praxis möglich.

„Für die Diagnose wird neben der körperlichen Untersuchung eine Magnetresonanztomographie durchgeführt. Mit der MRT ist zu erkennen, ob es Schädigungen des Nervengewebes gibt. Ist es für die Diagnose wichtig und entscheidend, wird Nervenwasser im Rückenmark untersucht. Es wird mit einer Punktion gewonnen, die bei fachgerechter Durchführung oft nicht schmerzhafter ist als eine Blutabnahme. Das Nervenwasser wird auf entzündliche Veränderungen untersucht“, verrät der MS-Experte.

Steht die Diagnose fest, verläuft die MS bei der Mehrheit der Patienten in akuten, vorübergehenden Schüben. In rund zehn Prozent der Fälle nimmt die Krankheit einen chronisch vorrückenden Verlauf, bei dem sich die Beschwerden ab Krankheitsbeginn kontinuierlich verschlechtern. „Tatsächlich können wir die MS in all ihren Verlaufsformen heute dank innovativer Therapien äußerst gut behandeln. Das Schreckgespenst des Rollstuhls kann meist hintangehalten werden“, versichert Prof. Enzinger. „Es gibt heute 16 Medikamente, welche die schubförmig verlaufende Form gut beherrschbar machen. Schwieriger sind da schleichend vorrückende, ‚progrediente‘ Formen, inzwischen stehen hierfür aber auch eingeschränkt wirksame Medikamente zur Verfügung.“

Die neuen Therapien sind viel wirksamer
Die neuen Medikamente sind deutlich wirksamer, gut verträglich und einfach in der Handhabung. „Therapien, die verfügbar sind, können das Fortschreiten der MS verhindern oder stark verzögern.“
Nina Schrott aus Tirol bekam vor fünf Jahren die Diagnose MS. „Der Alltag kann herausfordernd sein, weil sich immer neue Situationen ergeben, die es zu bewältigen gilt. Allerdings gehe ich heute, trotz zeitweiser Einschränkungen, besser mit der Erkrankung um. Ich akzeptiere, dass nicht immer alles gleich gut funktioniert.“ Angesprochen auf die Reaktionen von Familie, Freunden und Bekannten auf die Diagnose, sagt die 22jährige: „Für das Umfeld ist es nicht einfach, stets richtig mit Betroffenen umzugehen. Viele reagieren erschrocken, aber darüber zu reden hilft.“

Marlene Schmid, Obfrau-Stellvertreterin der MSG-Tirol und selbst von MS betroffen, spricht Mut zu. „Ein Leben nach der Diagnose ist planbar und wird mit Unterstützung lebenswert gestaltet.“ Prof. Enzinger bekräftigt dies. „Ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben ist möglich. Wichtig ist, dass Patienten die Behandlungen mit ihrem Arzt abwägen und so die richtige Therapie für sich wählen. Physiotherapie, bewusst gesunde Ernährung und der Austausch mit Gleichgesinnten leisten einen wichtigen Beitrag im erfolgreichen Umgang mit Multipler Sklerose.“
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