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Ausgabe Nr. 34/2021 vom 24.08.2021, Foto: Paul Rogers/ddp
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Die Bestseller-Autorin Donna Leon, 78, verließ Venedig (Italien) und lebt jetzt in den Schweizer Bergen.
„Ich hatte immer wahnsinnig viel Spaß“
Donna Leons „Commissario Brunetti“-Krimis sind weltbekannt und machen süchtig. Auch der neue Band „Flüchtiges Begehren“ findet sich in den Bestseller-Listen. Ihren Wohnort hat die amerikanische Autorin von Venedig (I), wo auch ihr charmanter Kommissar ermittelt, in die Schweiz verlegt. Seit Kurzem darf sie sich Eidgenössin nennen.
Der Name Donna Leon ist unweigerlich mit „Commissario Brunetti“ verbunden. Die Krimis rund um den sympathischen Kommissar, der in der Lagunenstadt Venedig (Italien) ermittelt, wurden in 34 Sprachen übersetzt und machten die amerikanische Autorin weltberühmt. Kürzlich erschien ihr 30. „Brunetti“-Roman. „Flüchtiges Begehren“ (Diogenes Verlag) steht bereits ganz oben in den Bestseller-Listen.
In Venedig hat die 78jährige Amerikanerin selbst jahrzehntelang gelebt. Bis ihr der Tourismus zu viel wurde. „Auf der Strada Nova fühlte ich mich wie im indischen Mumbai. So ein Gedränge. Ich musste weg“, erzählt sie. Die riesigen Kreuzfahrtschiffe hätte sie am liebsten per U-Boot torpediert.

Mittlerweile lebt sie in der Schweiz. Ein altes Bauernhaus ist ihr neues Domizil. Fernab von jeglicher Hektik genießt sie die Natur und tüftelt an ihren Romanen.
Landluft schnupperte die am 28. September 1942 in Montclair in New Jersey (USA) geborene Autorin schon als Kind. „Mein Großvater hatte einen Bauernhof mit Kühen. Daher bin ich den Alm-Geruch gewöhnt“, erzählt Leon, die deutsche, irische und spanische Vorfahren hat. Besonders geprägt wurde sie von ihrer irischen Mutter.
„Sie war ein glücklicher Mensch und auch mein Bruder und ich hatten von klein auf ein sonniges Gemüt. Meine Mutter hat viel gelesen. Mit ungefähr acht Jahren habe ich einmal über Langeweile geklagt. Sie packte mich ins Auto und chauffierte mich in die Leihbücherei, und von dem Tag an habe ich mich nie mehr gelangweilt.“
Ihre Mutter habe unterhaltsame Geschichten geliebt und zu ihrem Vergnügen gelesen, erzählt Leon. „Allerdings war sie eine miserable Köchin“, lacht sie. „Irische Mutter plus deutscher Vater = Fleisch und Erdäpfel. Ich war schon jenseits der vierzig, als ich zum ersten Mal Zucchini sah.“
Ihren mangelnden Ehrgeiz habe sie ebenfalls von ihrer Mutter geerbt. „Sie wollte sich einfach nur amüsieren, stets offen für Neues durchs Leben gehen, lernen, was sie interessierte, fremde Gegenden erkunden.

Dementsprechend hatte ich lange weder einen richtigen Beruf noch eine geregelte Altersvorsorge. Ich bin nie an einem Ort oder einer Arbeitsstelle sesshaft geworden, aber hatte immer wahnsinnig viel Spaß“, erzählt die 78jährige.
Eine Zeitlang arbeitete sie als Reisebegleiterin in Rom (Italien), als Werbetexterin in London (England) und als Englischlehrerin in diversen Ländern. Bis es sie 1981 nach Venedig (Italien) verschlug, wo sie Dozentin an einer amerikanischen Universität wurde. „Ich war gleich verliebt in die Stadt“, erzählt sie.
Die Idee zu ihrer Romanfigur Guido Brunetti kam Leon, die leidenschaftlich gerne die Oper besucht, in der venezianischen Oper. „Bei einer Unterhaltung über einen verstorbenen Dirigenten kam mir die Idee, einen solchen in einem Krimi sterben zu lassen.“ Das war die Geburtsstunde der Brunetti-Romanreihe, die allerdings nie ins Italienische übersetzt wurde.

"Ich wollte nie eine gefeierte Schriftstellerin werden"
Das hat die Autorin verboten, um ihre Privatsphäre in Venedig zu wahren. „Ich wollte nie eine gefeierte Schriftstellerin werden.“
Nun tipselt sie ihre Krimis in der Schweiz. So wie ihren neuesten Roman. Er führt „Commissario Brunetti“ in eine Welt abseits des Postkarten-Venedigs und dessen Gondeln. Es geht um Transportboote und den verschwiegenen Clan der Schiffsleute auf der Giudecca, einer kleinen, langgezogenen Inselgruppe im Süden von Venedig. „Was ich über Boote, Gezeiten und Schmuggel weiß, habe ich von einem Venezianer, der sein Leben auf Booten verbracht hat. Er braucht keine Landkarte, keinen Gezeitenkalender mehr, er hat alles im Gedächtnis.“
Nach ihren Vor-Ort-Recherchen in Venedig zieht sie sich dann immer ins Münstertal (Val Müstair) im Schweizer Kanton Graubünden zurück. Dort hat sie ein altes Bauernhaus erworben, Baujahr 1678. Gekauft hat sie es vor rund zehn Jahren. Seit vergangenem Oktober ist sie auch eingebürgert.

„Es ist ein wunderschönes Land. Ich liebe die Schweiz“, sagt sie. Schweizerin zu werden, war aber gar nicht so einfach. „Ich konnte zum Glück alles vorweisen. Einkommen, Wohnsitz, Krankenkasse“, erzählt sie lachend. „Auf der Behörde haben wir uns sogar über Wilhelm Tell unterhalten. Der Freiheitskämpfer mit seiner Armbrust ist der Schweizer Nationalheld, über den muss man Bescheid wissen.“
In ihrem Dorf hat sie sich gut eingefunden, wie sie sagt. „Die Menschen sind äußerst hilfsbereit. Gehe ich auf einen Spaziergang, schließe ich die Tür nicht ab, weil Vertrauen da ist. Koche ich abends Pasta und habe kein Salz, läute ich bei den Nachbarn.“
Die Schweizer Berge üben auf sie eine besondere Faszination aus. „Die Berge sind für mich deshalb so bedeutsam, weil sie das Einzige sind, das der Mensch nicht zerstören kann.“ Für die Ozeane und die Wälder hingegen sieht Leon schwarz.

Denn die Bemühungen, unseren Planeten zu retten, kommen zu spät, ist die erfolgreiche Autorin überzeugt. „Der Mensch hat in nur wenigen Jahrzehnten eine Katastrophe hinterlassen. Wir müssten uns umstellen und uns vom Egoismus verabschieden.“ Einfachheit lautet das Zauberwort. „Der Mensch muss zur Einsicht kommen, dass es auch mit weniger geht. Zufrieden zu sein mit dem, was man hat, ist eine ganz wichtige Sache.“
Ihren „Brunetti“ mag sie auch nach 30 Jahren noch. „Mein Kommissar ist intelligent, charmant, demütig, moralisch integer. Hätte ich meine Lebenszeit damit verbracht, über einen Alkoholiker zu schreiben, wäre ich längst aus dem Fenster gesprungen“, sagt Leon.
Auch dar nächste Brunetti-Roman ist bereits im Werden. „Es geht um Geld, wie es verschoben und vor der Steuer versteckt wird, und darum, wozu manche Menschen in der Lage sind, um nichts davon hergeben zu müssen“, erzählt die 78jährige.

„Flüchtiges Begehren“
Der neue Donna-Leon-Krimi
Zwei Touristinnen lassen sich von ein paar Einheimischen zu einer Spritztour in die Lagune verführen. In der Dunkelheit rammt das Boot einen Pfahl, und die Amerikanerinnen landen bewusstlos auf dem Steg des Ospedale. Unklar ist, warum ihre Begleiter nicht die Rettung alarmierten, wenn es nur ein Unfall war. Brunettis Ermittlungen führen zu einem wahren Monster …
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