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Ausgabe Nr. 28/2021 vom 13.07.2021, Foto: ROLAND HOLITZKY
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Der Waggon stürzte die Böschung hinab und blieb in der Mur liegen.
„Wir haben einen nach dem anderen herausgeholt“
Im Salzburger Lungau entgleiste eine Garnitur der Murtalbahn. Dabei stürzte einer der drei Waggons in die neben den Gleisen fließende Mur. Alle 53 Schüler im Zug, die auf der Fahrt in die Schule waren, um sich ihr Zeugnis abzuholen, haben das Unglück überlebt. Für die Rettungskräfte war es ein Großeinsatz. Alexander Schaffer, 17, half, seine Mitschüler zu befreien.
Sie wollten sich ihr Zeugnis abholen und hatten bereits die Ferien vor Augen. Doch dann erlebten 53 Schüler als Passagiere der Murtalbahn die Schreckmomente ihres Lebens. „Wir waren mit 40 bis 50 Stundenkilometer unterwegs. Auf einmal hat es heftig geruckelt, dann ist der Triebwagen vor unseren Augen unter lautem Lärm in die Mur gestürzt“, erinnert sich der 17jährige Schüler der Handelsakademie Tamsweg (S), Alexander Schaffer.

„Wir standen alle unter Schock, sind aber gleich runter, um zu helfen. Weil die Türen nicht aufgingen, mussten wir die Scheiben des Waggons einschlagen“, erzählt Schaffer, dem sich ein dramatisches Bild bot. „Die Schüler standen unter Schock, etliche waren verletzt und vor allem die Mädchen haben geweint. Das Wasser stand etwa einen halben Meter tief im Waggon, teils noch tiefer. Gemeinsam mit dem Zugführer haben wir dann einen Jugendlichen nach dem anderen herausgeholt“, erinnert sich der Ersthelfer.
Zum Unglücksort eilte auch Anton Schilcher, der Bezirkskommandant des Roten Kreuzes von Tamsweg, der von einem „schlimmen Bild“ spricht. Gemeinsam mit mehr als 150 Helfern, darunter Notärzte, Sanitäter und Feuerwehrmänner, versuchte er, Ordnung ins Chaos zu bringen.

Das von einem umgestürzten Baum, der in der Nacht auf das Gleis der Murtalbahn gefallen war, ausgelöst wurde. Ein starker Regen, der in der Region niedergegangen war, hatte ihn zu Fall gebracht. Mit derartigen Problemen kämpfen die Betreiber der zweitlängsten Schmalspurbahn unseres Landes immer wieder. Abrutschende Hänge und unterspülte Gleise machen die 76 Kilometer lange Strecke zwischen Unzmarkt in der Steiermark und Mauterndorf in Salzburg zuweilen unpassierbar.

So wie am vergangenen Freitag. Doch derart schwere Unfälle wie dieser sind zum Glück selten. Um 7.05 Uhr in der Früh prallte die dreiteilige Garnitur auf das Hindernis. Trotz Notbremsung konnte der 53jährige Lokführer den Aufprall auf den Baum nicht verhindern, weiß Harald Graggaber, 47, der Abschnittsfeuerwehr-Kommandant vom Lungau. „Der Zug fuhr aus einer Kurve, als plötzlich der Baum quer über das Gleis lag. Das Unglück geschah in der Lungauer Gemeinde Ramingstein.“ Nur der erste Waggon stürzte die fünf Meter hohe Böschung hinab und blieb auf der Seite in der Mur liegen. Dass die anderen beiden Waggons nicht mitgerissen wurden, lag daran, dass die Kupplung zwischen dem ersten und dem zweiten Waggon riss.

„Der Lokführer hat sich vorbildlich verhalten. Er hat sofort einen Notruf abgesetzt, ist ruhig geblieben und hat auf diese Weise Panik vermieden“, schildert Graggaber.
Laut Rotem Kreuz wurden 17 Schüler verletzt, neun davon mussten im Spital behandelt werden, weil sie Prellungen, Schürfwunden und Verstauchungen erlitten hatten. Ein Schüler musste mit dem Rettungshubschrauber ins Spital nach Schwarzach (S) geflogen werden, weil es einen Verdacht auf ein Wirbelproblem gab. Aber auch seine Verletzungen dürften nicht allzu schwer sein.

„Die Kinder hatten einen Schutzengel. Wenn sich der Waggon noch einmal überschlagen hätte und viel mehr Wasser eingetreten wäre, hätte das auch anders ausgehen können. Die Schüler, die nicht ins Spital mussten, wurden von ihren Eltern abgeholt. Einige haben dann sogar noch ihr Zeugnis abgeholt“, weiß Graggaber.
Dennoch werden die meisten von ihnen psychologisch nachbetreut. „Wenn Menschen einer schrecklichen Situation ausgeliefert sind, reagieren sie bereits vor Ort äußerst unterschiedlich. Manche erstarren, geben keinen Laut von sich. Andere schreien oder lachen, zeigen sich aggressiv – oder funktionieren ganz normal weiter, als ob nichts geschehen wäre“, erklärt dazu der Notfallpsychologe Raphael Romano aus seiner Erfahrung. Die Betreuung soll den Kindern einen unbeschwerten Ferienbeginn ermöglichen.

Wie es mit der Murtalbahn weitergeht, ist ungewiss. Sie ist seit Jahren umstritten. Von einer mit Wasserstoff betriebenen Zugverbindung bis hin zur Einstellung und dem Übergang zu einer Buslinie ist alles im Gespräch. Die Verbindung werde derzeit evaluiert, heißt es.
Die beiden verbliebenen Waggons wurden bereits abgeschleppt und der Betrieb vorerst wieder aufgenommen. Experten des Landeskriminalamtes untersuchen die Unfallstelle.

„Die Gleise waren nur leicht beschädigt“, sagt Gerhard Harer, Geschäftsführer der Steiermark Bahn und Bus GmbH (StB). Der entgleiste Triebwagen liegt allerdings noch in der Mur. Ihn zu bergen, ist schwierig. „Wir arbeiten gerade ein Bergekonzept aus“, erklärt Harer. „Durch die steile Hanglage ist es am wahrscheinlichsten, von der anderen Seite der Mur eine eigene Zufahrt zu bauen, um mit einem speziellen Kran das 32 Tonnen schwere Fahrzeug herauszuheben.“
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