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Ausgabe Nr. 27/2021 vom 06.07.2021, Foto: Getty Images
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Ein Viertel der Bevölkerung ist gegen die Corona-Impfung.
Sie wollen sich nichts vorschreiben lassen
Impfstoff ist keine Mangelware mehr. Doch es wird immer schwieriger, Impfwillige zu finden. Jetzt sollen vermehrt jene überzeugt werden, die dem „Corona-Stich“ skeptisch gegenüberstehen. Sie wollen laut einer Umfrage vor allem selbst die Entscheidungen über ihre Gesundheit treffen.
Der Ansturm auf die Impfzentren lässt nach. In Oberösterreich waren zuletzt etwa noch zehntausende Termine frei. Dort wird jetzt sogar bei einem Pilotprojekt in Dorfwirtshäusern „gestochen“, auch in Einkaufszentren können sich Impfwillige den „Piks“ abholen. Bei Impfungen ohne Anmeldung wie etwa in Wien beim Film Festival am Rathausplatz und beim Tiroler Impftag gab es hingegen lange Schlangen. Aktionen wie diese finden bald im ganzen Land statt. Denn für den Sommer rechnet die Regierung mit mehr Impfstoff als Impfbereiten.
Angesichts dieser Entwicklung werden die Impf-Appelle der Politiker immer häufiger. Der Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig erklärte bei der Verkündung der Test-Verschärfungen in der Bundeshauptstadt sogar: „Der beste Weg gegen das Virus ist die Vollimmunisierung der Bevölkerung.“ Und die Initiative „Österreich impft“ von Regierung und Rotem Kreuz wirbt unter anderem mit dem Spruch „Damit das Zusperren vorbei ist“ für die Impfung.

Angst vor Langzeitfolgen
Rund ein Viertel der Bevölkerung über 16 Jahren will sich aber trotz der „Dauer-Beschallung“ nicht impfen lassen, hat eine Gallup-Umfrage kürzlich ergeben. Ein Prozentsatz, der seit dem Frühjahr in etwa gleichgeblieben ist. Das Hauptargument der Impfskeptiker ist, dass sie die Entscheidung über ihre Gesundheit selbst treffen und sich nichts vorschreiben lassen wollen. Aber auch Zweifel am Impfschutz, Angst vor Langzeitfolgen und Nebenwirkungen oder die Überzeugung, dass die Impfungen nur dazu dienen, damit die Pharmafirmen Geld verdienen, werden als Gründe angegeben.
Eine allgemeine Corona-Impflicht werde es nicht geben, betont die Regierung immer wieder. Die war erst einmal bis zum Jahr 1977 bei den Pocken gesetzlich festgelegt. Doch der Druck auf Impfskeptiker steigt. Der Gemeindebund will nach dem Sommer die Teststraßen-Angebote verringern. So lange sollen die Corona-Tests jedenfalls kostenlos sein, was danach kommt, ist noch unklar. Aber so mancher nimmt angesichts dauernder Tests schon jetzt lieber die Spritze in Kauf.

Impfpflicht nur für neue Mitarbeiter
Im Wiener Gesundheitsverbund gilt für Neuanstellungen eine „Stich-Pflicht“. Auch wer neu bei den Ordensspitälern in der Bundeshauptstadt arbeiten will, muss sich künftig impfen lassen. Gleiches soll in den städtischen Kindergärten und Sozialeinrichtungen gelten.
Die Steiermark will im Landesdienst künftig geimpfte Bewerber bevorzugen. Für Kinderbetreuungseinrichtungen, die etwa die Gemeinden betreiben, soll es eine dringende Empfehlung geben, es dem Land gleichzutun.
Auch Privatfirmen können von neuen Mitarbeitern eine Impfung verlangen. Beim Bewerbungsgespräch besteht zwar keine Verpflichtung, seinen Impfstatus preiszugeben, aber „verweigern Bewerber die Auskunft, so haben die potenziellen Arbeitgeber das Recht, die Bewerbung nicht zu berücksichtigen“, sagt die Arbeitsrechts-Expertin Nicole Reiter von der Arbeiterkammer.

Weil es keine gesetzliche Impfpflicht gibt, kann ein Firmenchef für jene, die schon bei ihm arbeiten, keine Corona-Impfung durchsetzen. Ob er hingegen die Offenlegung des Impfstatus verlangen kann, ist von Fall zu Fall verschieden. Je nach Tätigkeit, Risiko am Arbeitsplatz und Ausmaß der Kontakte kann es eine Antwortpflicht geben. „Unter keinen Umständen raten wir hier, die Frage ,falsch‘ zu beantworten“, erklärt Nicole Reiter.
Mehr als die Hälfte der Menschen in unserem Land hat schon den ersten „Corona-Stich“ bekommen, davon haben mehr als ein Drittel bereits beide Spritzen. Für die viel beschworene Herdenimmunität gegen das Corona-Virus und seine Mutationen ist laut Experten eine Impfrate von 80 Prozent notwendig. Ein illusorisches Ziel. Denn für die rund eine Million Kinder unter zwölf Jahren gibt es gar keinen zugelassenen Impfstoff. Und die Impfung der Zwölf- bis 15jährigen ist umstritten. Bis zum September sollen aber alle Bürger, die eine Impfung wollen, beide Dosen bekommen, hat zuletzt der Grünen-Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein versprochen.

Dann seien nur noch jene ungeimpft, die freiwillig verzichten und eine mögliche Ansteckung in Kauf nehmen. Die Corona-Beschränkungen müssten damit beendet werden, ist immer wieder zu hören. Die Medizinerin Maria Paulke-Korinek, die Leiterin der Impfabteilung im Gesundheitsministerium, sieht diese Forderungen kritisch. Denn neben den Kindern gäbe es auch „Risikopersonen oder Personen mit Allergien gegen Impf-Inhaltsstoffe, die nicht geimpft werden können. Es ist wichtig, dies zu bedenken, insofern ist Impfen auch ein Akt der Solidarität gegenüber anderen Personen, weil es auch genug Personen gibt, die gerne geschützt wären, aber eben nicht geimpft werden können.“ Sind viele Menschen ungeimpft und gibt es hochinfektiöse Virusvarianten, sei das „zudem immer noch eine enorme Belastung für unser Gesundheitssystem.“

Die Argumente von Impfskeptikern: Darum verzichten sie auf die Corona-Impfung
Ina Maierhofer, 34, Krankenschwester
„Das geht in Richtung Impfzwang“
„Obwohl in meiner Abteilung von 35 Mitarbeitern bereits 21 geimpft sind und der Druck spürbar ist, lasse ich mir auf keinen Fall eine Covid-Impfung verpassen. Die Gründe sind vielfältig: Einerseits habe ich bei meinen Kollegen, die alle bereits zwei Mal geimpft sind, die Nebenwirkungen gesehen. Außerdem ist dieser Impfstoff innerhalb eines Jahres hergestellt worden, man weiß noch nichts über Nebenwirkungen und Spätfolgen. Ich bin schon mehr als ein Jahrzehnt in diesem Spital und mir wird Gott sei Dank noch die Wahl gelassen, ob ich mich gegen Covid-19 impfe oder nicht. Neue Kollegen, die bei uns anfangen, bekommen den Arbeitsplatz aber nur, wenn sie sich impfen lassen. Das geht alles schon in Richtung Impfzwang.“

Andreas Unterberger, 50, Baumeister
„Ich will mich keinem Experiment aussetzen“
„Selbstverständlich habe ich mich in der Vergangenheit impfen lassen, aber diese Impfungen wurden alle mindestens fünf bis zehn Jahre ausgetestet. Die Covid-Impfung wurde innerhalb eines halben Jahres durchgeboxt, was mit sich bringt, dass man weder alle kurzfristigen und schon gar nicht die langfristigen Nebenwirkungen kennen kann. Derzeit möchte ich mich noch nicht impfen lassen, weil ich mich keinem Experiment aussetzen möchte. Ich will mir einfach kein Mittel spritzen lassen, das ich nie mehr aus meinem Körper herausbekomme. Die Impfentscheidung muss eine freiwillige sein und sollte auch von Menschen, die anders denken, respektiert werden. Es geht hier um meinen Körper.“

Marius Neuscheller, 35, leitender Angestellter
„Jeder soll für sich entscheiden können“
„Dass ich von der Bundesregierung quasi fast gezwungen werde, mich impfen zu lassen, ist ein starkes Argument für mich, warum ich mir erst recht nicht die Corona-Impfung verpassen lasse. Abgesehen davon sehe ich nicht ein, warum ich mir das als gesunder Mensch mit einem intakten Immunsystem antun soll. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Auto überfahren zu werden, ist für mich höher, als an Covid zu sterben. Ich habe meine Mitarbeiter aber zur Impfung angemeldet. Jeder soll für sich entscheiden können, wie er das handhaben möchte. Da mische ich mich auf keinen Fall ein. Meine Frau und ich sind aber generell gegen Impfungen. So hat unser sechs Jahre alter Sohn überhaupt noch keine Impfung erhalten.“

„Nebenwirkungen treten im Regelfall bis längstens etwa zwei Monate nach der Impfung auf“
Dr. Maria Paulke-Korinek, die Leiterin der Impfabteilung im Gesundheitsministerium, über Befürchtungen von Impfskeptikern
Die Entwicklung und Zulassung der Corona-Impfstoffe dauerte viel kürzer als bei anderen Impfstoffen. Ist das nicht ein Unsicherheitsfaktor?
Ich glaube, es ist in den vergangenen Jahrzehnten selten etwas so gut und intensiv passiert wie die Entwicklung der Corona-Impfstoffe. Immerhin hat sich die gesamte Welt beinahe nur um dieses Thema gedreht und die besten Forscherinnen und Forscher dieser Welt haben all ihre Arbeit in dieses Thema gesteckt, um einen Impfstoff zu entwickeln.
Wir wissen noch nichts über die Langzeit-Wirkung der verschiedenen Corona-Impfstoffe. Was passiert, wenn Geimpfte in ein paar Jahren gesundheitliche Komplikationen haben?
Nebenwirkungen treten im Regelfall innerhalb weniger Tage bis längstens etwa zwei Monate nach der Impfung auf. Danach ist die Impfreaktion im Körper abgeschlossen und es ist nicht zu erwarten, dass es danach noch zu Nebenwirkungen kommt. Wir wissen schon sehr gut Bescheid, zu welchen Nebenwirkungen es da kommen kann, die Impfungen wurden immerhin seit Jahreswechsel weltweit schon mehreren Millionen Menschen verabreicht und engmaschig überwacht. Sollte es tatsächlich sehr seltene Nebenwirkungen geben, die wir heute noch nicht kennen, so können wir dennoch davon ausgehen, dass ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis gegeben ist, immerhin sterben an Covid-19 täglich Menschen.
Vor allem Mädchen und junge Frauen haben Angst, dass die Impfung die Fruchtbarkeit und eine spätere Schwangerschaft beeinträchtigt. Stimmt das?
Nein, das stimmt nicht. Die Impfung ist für werdende Mütter in der Schwangerschaft sogar oft ratsam, weil eine Corona-Erkrankung während der Schwangerschaft zu Komplikationen führen kann. Dies sollte jedenfalls mit den versorgenden Gynäkologinnen und Gynäkologen besprochen werden.
Die Impfung kann starke mögliche Nebenwirkungen haben. Berichtet wird bei den verschiedenen Impfstoffen unter anderem von Thrombosen, Gürtelrosen, dem Verdacht auf Herzmuskelentzündungen …
Es handelt sich um äußerst seltene Krankheitsbilder, bei denen teils ein Zusammenhang mit einer Corona-Virusimpfung nicht ausgeschlossen werden kann. Die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu erkranken und einen schweren Verlauf zu erleiden, ist im Regelfall deutlich höher. Das bedeutet, dass man jedenfalls einen Vorteil hat, wenn man geimpft ist.
Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Corona-Erkrankungen meist harmlos. Ist nicht das Risiko einer Impf-Nebenwirkung größer als das einer Corona-Infektion? Sollten angesichts der Nutzen-Risiko-Abwägung gesunde Zwölf- bis 15jährige überhaupt geimpft werden?
Auch Kinder können schwere Krankheitsverläufe wie ein Hyperinflammationssyndrom bekommen, es wurde in Österreich mit einer Häufigkeit von 1:500 bis 1:1.000 infizierten Kindern und Jugendlichen beobachtet. Zudem ist auch „Long Covid“ in dieser Altersgruppe ein Thema, das monatelang beeinträchtigen kann. Die Impfung wird auch in dieser Altersgruppe gut vertragen und ist daher für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren empfohlen.
Können Geimpfte das Virus weitergeben? Wenn ja, schützt die Impfung von Kindern und Jugendlichen dann nicht die Umgebung, jüngere müssen sich nicht impfen lassen?
Vollständig geimpfte Personen übertragen das Virus etwa 70 bis 85 Prozent weniger, es hängt auch von der Virusvariante ab. Die Impfung ist also wichtig, um die Verbreitung der Corona-Viren in der Bevölkerung zu verringern. Derzeit ist die Impfung für Kinder unter zwölf Jahren ohnehin nicht zugelassen. Wenn die Impfung für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen ist, werden noch einmal alle Daten genau angeschaut werden und dann wird das Nationale Impfgremium entscheiden, was hier empfohlen wird.
Wenn alle Bewohner eines Pflegeheimes geimpft und damit selbst geschützt sind, warum sollen sich die Pflegerinnen und Pfleger auch noch impfen lassen?
Einerseits gibt es immer wieder auch Bewohnerinnen und Bewohner, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können und eine Impfung kann ja nie zu 100 Prozent schützen, andererseits ist es gerade auch für das Gesundheitspersonal wichtig, dass sie ihr Umfeld schützen.
Mit einer natürlichen Infektion wird das Immunsystem trainiert, bei einer Corona-Impfung ist das nicht der Fall, heißt es von manchen Impfskeptikern …
Die meisten Menschen hatten noch nie in ihrem Leben einen Kontakt mit dem Corona-Virus, daher werden viele auch so hart von der Krankheit getroffen, auch fitte Menschen mit einem guten Immunsystem. Daher ist eine Impfung zu empfehlen und niemand sollte eine Infektion riskieren, die zu Erkrankung, Krankenhausaufenthalten oder sogar Tod führen kann.
Für manche ist es eine reine Meinungssache. Entweder man ist der Meinung, Corona sei gefährlich oder die Impfung sei gefährlich. Was sagen Sie dazu?
Hier sollten wir die Zahlen sprechen lassen. Corona hat seit Beginn der Pandemie rund vier Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet. Schwere Nebenwirkungen bei der Impfung gibt es kaum. Ganz im Gegenteil, die Impfung schützt uns und unsere Mitmenschen vor einer schweren Erkrankung, „Long-Covid“, Langzeitfolgen und dem Tod.
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