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Ausgabe Nr. 26/2021 vom 29.06.2021, Foto: Daniel Raunig
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Der neue FPÖ-Chef Herbert Kickl erlebte mit, wie ein Bergkamerad starb. Das hat ihn geprägt.
„Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Tod“
Statt Norbert Hofer sitzt nun Herbert Kickl am Ruder der FPÖ. Der 52jährige Kärntner ist vom FPÖ-Präsidium zum neuen Bundesparteiobmann gewählt worden.
In Krumpendorf am Wörthersee (K) traf sich der FPÖ-Chef mit der WOCHE-Reporterin Elke Morri zum Gespräch.
Der aus Villach stammende Herbert Kickl erzählt darin über nervige Corona-Maß-nahmen, warum er noch an Jörg Haider denkt, was er von Kanzler Sebastian Kurz hält und von einem dramatischen Erlebnis am Gletscher.
Herr Kickl, Gratulation zum neuen Amt des Parteichefs der FPÖ. Hat Ihnen Kanzler Kurz schon gratuliert?
Nein. Es gibt hin und wieder einen losen Gesprächskontakt im Parlament – es ist nicht weit von seinem Platz auf der Regierungsbank zu meinem Platz bei den Abgeordneten. Aber darüber hinaus gibt es keine Kommunikation zwischen uns. Ich glaube, das wäre für Sebastian Kurz fast ein Akt von Masochismus, wenn er mir Glückwünsche überbringen würde (lacht).
Die ÖVP ist in den vergangenen Monaten in einem Sumpf aus Freunderlwirtschaft und Missmanagement versunken. Wie kann es sein, dass in unserem Land eine Partei machen kann, was ihr gefällt? Ohne jede Moral …
Ja, es ist erschütternd. Aber wenn Persönlichkeiten Macht bekommen, die charakterlich nicht besonders stabil sind, macht Macht das vielleicht aus einem. Wenn obendrein das Gefühl entsteht, dass es nirgendwo jemanden gibt, der einen kontrolliert und man quasi ein geschlossenes System für sich betreibt, sozusagen einen Staat im Staat, dann kommen manche auf blöde Ideen. Die dringen jetzt aber an die Öffentlichkeit.
Muss Kurz also weg?
Ich habe Kurz so erlebt, dass für ihn der Zweck der Politik die Machtausübung an sich ist. Meine Interpretation von Politik ist, dass Macht immer nur Mittel zum Zweck ist – da geht‘s zum Beispiel um Gerechtigkeit und Freiheit für die Menschen. Die türkise Volkspartei ist auf einer Droge und diese Droge heißt Macht. Was jetzt in der Corona-Pandemie mit der eigenen Bevölkerung aufgeführt wurde, angefangen von der Etablierung einer Angststrategie bis zum wirtschaftlichen Desaster, ist nicht mehr tragbar. Ich glaube, dass immer mehr Menschen eine Enttäuschung erleben. Kurz hat ihnen ja etwas anderes versprochen, einen neuen Stil. Jetzt ist es ärger als je zuvor. „Kurz muss weg“ ist die Zusammenfassung vieler Kritikpunkte.
Rechnen Sie mit Neuwahlen?
Wenn ich es aus taktischer Sicht sehe, wird das nicht schnell passieren, weil beide Regierungsparteien gegenüber dem, was sie jetzt an Mandaten haben, nur verlieren können. Und warum soll jemand in eine Neuwahl gehen, um maximal das wieder zu kriegen, was er hat. Andererseits kann es auch schnell zu Neuwahlen kommen – wenn die nächste Mine explodiert und entweder die Türkisen oder die Grünen die Nerven wegschmeißen. Wir waren noch nie in so instabilen Zeiten wie jetzt.
Welche Corona-Maßnahmen nerven Sie am meisten?
Zusammengefasst: Am meisten stört mich die Unverhältnismäßigkeit und dass nichts mehr gilt, was bisher normal war. Jetzt muss der Bürger der Regierung zum Beispiel beweisen, dass er gesund ist. Ich messe ja auch nicht drei Mal am Tag Fieber, um festzustellen, dass ich keines habe. Bei Corona wird das umgedreht: Ich muss mich freitesten und den Nachweis erbringen, dass ich gesund bin. Damit baut die Regierung ein System der Kontrolle und Verfolgbarkeit – auf Neudeutsch „Tracking“ – auf. Das muss doch jedem widerstreben, der eine Freiheitsliebe in sich trägt. Insgesamt läuft alles auf einen Impfzwang hinaus, das sehen wir ja schon in einzelnen Berufsgruppen. Die 3-G-Regel (geimpft, getestet, genesen) dient ja auch nur dem Zweck, die Menschen dazu zu bringen, sich impfen zu lassen, weil sie genug vom ständigen Testen haben. Wozu sonst hat die Bundesregierung 42 Millionen Impfdosen gekauft, wenn sie nicht vorhat, alle Österreicher zu impfen. Das Nächste, was passieren wird: Die Menschen müssen sich die Tests bald selber zahlen, dann werden viele sagen: Ich kann es mir nicht leisten, mich alle 48 Stunden irgendwo testen zu lassen, also werden sich viele impfen lassen, aber nicht, weil sie glauben, dass das ihrer Gesundheit hilft, sondern weil sie dadurch eine Eintrittskarte ins „normale Leben“ bekommen möchten. Das hat aber mit Gesundheitspolitik nichts zu tun.
Wenn Sie das normale Leben ansprechen: Das Bergsteigen gehört für Sie da ja unbedingt dazu. Was fasziniert Sie daran?
Ich kann dabei am besten abschalten. Außerdem bin ich gerne in der Natur und mag es, meinen Körper herauszufordern. Der Kopf ist beim Klettern vollkommen frei von anderen Gedanken, weil ich ganz auf das Hier und Jetzt konzentriert bin. Man muss aufpassen, dass man nicht irgendwo herunterfällt.
Ist dabei noch nie etwas passiert?
Leider doch, beim Schitourengehen. Es ist 20 Jahre her. Zwei Bergkameraden und ich haben die „Hoch Tirol Schitour“ gemacht. Am dritten Tag waren wir am Großvenediger unterwegs. Bei der Abfahrt am Schlatenkees-Gletscher bin ich in eine Gletscherspalte gestürzt, hatte aber das Glück, auf einer Schneebrücke zu landen. Es klingt seltsam, aber im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich noch lebe oder tot bin. Obwohl ich mehrere Meter tief festsaß, konnte ich mich Gott sei Dank wieder selbst befreien und herausklettern, weil die Spalte relativ eng war. Als ich wieder an der Oberfläche war, fehlte jedoch vom dritten Freund jede Spur. Wir haben Hilfe geholt, doch die Bergrettung konnte ihn nicht mehr bergen. Er stürzte 35 Meter tief in eine andere Gletscherspalte und wurde unter den Schneemassen begraben. Das war ein wirklich dramatisches Erlebnis. Mich persönlich hat es insofern geprägt, als dass ich mich seitdem nicht mehr vor dem Tod fürchte.
Denken Sie manchmal an Jörg Haider, der im Jahr 2008 bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und ein Landsmann von Ihnen war?
Sie werden lachen, aber ich habe mir schon oft in politischen Situationen die Frage gestellt, was hätte der Jörg Haider jetzt gemacht? Es gibt viele Politiker, die austauschbar sind. Während andere immer ihr Routineprogramm durchgezogen haben, hat Jörg Haider Dinge wirklich verändert. Das ist schon beeindruckend. Da gehört Mut dazu, weil man nicht von allen geliebt wird und sich viele Feinde macht.
Welche Worte hätte wohl Jörg Haider für Sebastian Kurz übriggehabt?
Was Jörg Haider sicher nicht gefallen hätte, wäre das Kalte und das Robotermäßige an Kurz. Von Jörg Haider habe ich gelernt, dass man Politik nur dann erfolgreich machen kann, wenn du die Menschen magst. Er hatte überhaupt keine Scheu im Umgang mit den Menschen. Er hatte Mitgefühl. Bei Sebastian Kurz ist das das ziemliche Gegenteil. Da habe ich immer das Gefühl, er fürchtet sich vor den Menschen. Er will alles kontrollieren und bestimmen. Das fängt bei den Medien an, jeder Auftritt von ihm ist bis ins kleinste Detail durchgeplant. Das ist kein Zeichen von Sicherheit, sondern von Angst. Jörg Haider war ein herzlicher Mensch, der immer auf die Menschen zugegangen ist. Ein Beispiel, wie Sebastian Kurz ist: Nachdem er mich damals als Innenminister entlassen hatte, sagte er danach allen Ernstes zu mir: „Eigentlich bist du ja ein klasser Bursche. Wir können ja einmal miteinander auf den Berg gehen.“ Meine Antwort: „Auf den Berg geht man nur mit jemandem, dem man vertraut.“
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hirschmann
Herbert Kickl - Ich fürchte mich nicht vor dem Tod
In diesem Artikel wird noch immer die Unwahrheit verbreitet, dass Jörg Haider durch einen Autounfall ums Leben kam. Dieser Autounfall war ein Selbstmord. Jörg Haider wäre mit absoluter Sicherheit ins Gefängnis gekommen, daher hatte er nur noch den einen Ausweg: Suizid.
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