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Ausgabe Nr. 23/2021 vom 08.06.2021, Foto: Thomas&Thomas
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Die andere Seite von Ulrike Folkerts. Verführerisch, sanft, lustig und manchmal ängstlich.
„Ich gelte als laut, poltrig und auch rotzig“
Sie posiert nicht gerne bei öffentlichen Auftritten. Doch wenn Ulrike Folkerts, 60, auftaucht, zeigt sie sich von einer starken Seite. Selbstbewusst und auch ein wenig unnahbar. Das macht sie in ihrer Rolle der Hauptkommissarin Lena Odenthal in der beliebten Krimi-Reihe „Tatort“ zu einem Publikumsliebling. Private Einblicke gewährt die Schauspielerin dagegen nun in ihrer Autobiografie „Ich muss raus“.
Seinen Platz im Leben zu finden, ist oft nicht leicht. Ulrike Folkerts hat lange dafür gebraucht. Heute, immerhin, gehört die 60jährige zu den beliebtesten Krimi-Darstellerinnen in der „Tatort“-Reihe. Eine Frau, die gelernt hat, auch einmal ruppig zu sein, wenn es sein muss, die ihr Leben für gewöhnlich nicht in der Öffentlichkeit breittritt. Das hat sie mit ihrer Autobiografie „Ich muss raus“, Verlag Brandstätter, ISBN 978-3-7106-0514-7, nun geändert …

„Ich bin ein Sandwichkind“, schreibt die Schauspielerin darin. Geboren am 14. Mai 1961 in Kassel (D), zwischen einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. Der Vater war Schaufensterdekorateur, die Mutter Kosmetik-Beraterin. „Eigentlich wünschten sich meine Eltern als zweites Kind einen Sohn, der Ulrich heißen sollte. Dann kam ich – aus Ulrich wurde Ulrike, meine Familie nannte mich aber immer Ulli. Bis ich 18 Jahre alt war, dann bestand ich auf Ulrike.“ Die wuchs mit ihren Geschwistern in einer kleinen Ortschaft nahe Kassel auf. Dort hatten die Eltern ein Haus gebaut. Und dort konnte sich „Ulli“ austoben, gern beim Fußballspielen mit den Buben der Nachbarschaft. Folkerts erinnert sich in ihrem Buch an eine Szene im Alter von zehn Jahren.

Es gibt nichts Schöneres als Fußball
„Ich stand auf dem Platz, unser Freund Klaus spielt mir den Ball zu und ruft: Ulli, schieß. Ich renne los, habe den Ball fest im Blick und trete mit aller Wucht dagegen. In hohem Bogen fliegt er über die Köpfe der Nachbarsbuben hinweg. Er landet im Tor, einem Provisorium aus zwei Stöcken. Ein Schauer fließt durch meinen Körper. Alle jubeln. Es ist herrlich. Ich gehöre dazu. Ich weiß, es gibt nichts Schöneres als Fußball.“
Der Alltag daheim verlief dagegen nicht immer so wunderbar. „Meine Mutter war oft mit uns Kindern allein und schlichtweg überfordert.Die glückliche Kindheit war ein Wunschtraum. Ich lernte schnell, dass ich am wenigsten Stress mit meiner Mutter habe, wenn ich einfach funktioniere. Nur nichts wollen, einfach unauffällig bleiben. Hatte ich eine schlechte Note geschrieben, weinte ich los, bevor ich an der Hautür klingelte, um den Zorn meiner Mutter in Mitleid zu verwandeln. Ohne Erfolg, sie tobte ordentlich, schrie laut.“

Was aber in dem Mädchen „Ulli“ bereits den Widerstand weckte, waren die verteilten Rollen der Geschlechter. „Bei Tisch bekamen die Herren das Beste vom Braten, wir hielten uns zurück und murrten nicht, meine Mutter wurde ganz bescheiden und nahm die Reste. Ich habe das nie verstanden und fand das ungerecht. Danach war klar, dass die Frauen in die Küche verschwinden und die Männer sich aufs Sofa setzen für den Verdauungsschnaps. Nicht, dass ich einen Schnaps gewollt hätte, aber die klar definierten Aufgaben und Pflichten auf der weiblichen Seite und diese ungeheuren Freiheiten auf der männlichen waren mir mehr als suspekt. Das waren die Rollenklischees, an denen ich mich zu reiben begann. Ich wollte nicht einsehen, dass das so sein sollte.“

Gegen innere Widerstände kämpft Ulrike Folkerts ihr Leben lang an. Das hat ihr das Leben auf der Schauspielschule erheblich erschwert. „Ich musste an meine Grenzen gehen und das Innerste nach außen kehren“, sagt sie. „Damals ging es mir nicht gut. Ich habe während meiner Schauspielschulzeit eine Gesprächs-Therapie gemacht. In meinem Jahrgang wurden viele krank. Eine litt unter Bulimie, eine andere wurde magersüchtig. Ich bekam starke Neurodermitis, eine mit quälendem Juckreiz verbundene Hauterkrankung. Ohne Hilfe wäre ich nicht aus diesem Teufelskreis herausgekommen, denn ich war damals nicht in der Lage, mich abzugrenzen. Ich habe mir manche Sache zu sehr zu Herzen genommen und konnte sie nicht richtig verarbeiten.“

Ein bisschen poltrig und rotzig als Schutzschild
Beziehungen zu Männern gehörten dazu, bis sie herausfand und sich zugestand, mit Frauen glücklicher zu sein. Das ist Folkerts nun seit 17 Jahren mit ihrer Lebensgefährtin Katharina Schnitzler, 58, einer Berliner Künstlerin. Die beiden leben in der deutschen Hauptstadt. „Ich fühle mich in meiner Beziehung gut aufgehoben“, sagt Folkerts, die weiß, dass ihr Image nach außen ein anderes ist. „Ich gelte als laut, stark, poltrig, ein bisschen rotzig und stets kämpferisch. Dieses Image hat mir geholfen, es war eine Art Schutzschild – vor Attacken von Regisseuren und der männlichen Fernsehwelt.“
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