Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 22/2021 vom 01.06.2021, Foto: Diego Ortiz Mugica
Artikel-Bild
Bruder David weilt derzeit in der Weite Argentiniens.
„Fürchte dich nicht“
Er wird in wenigen Wochen 95 Jahre alt, doch das ist dem Benediktinermönch David Steindl-Rast nicht anzusehen. Er gestaltet seinen Tag so, dass er ihm mehr Energie gibt als von ihm zu
nehmen. Und er findet bewegende Worte zum Fronleichnamsfest.
Es waren etwa fünftausend Männer, die Jesus und seinen Jüngern gefolgt waren, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Und es gab nur fünf Gerstenbrote und zwei Fische, um ihren Hunger zu stillen. Viel zu wenig.“ So steht es im Evangelium. Doch am Ufer des Sees von Galiläa waren noch andere.

„Die amerikanische Theologin Sandra Schneiders verweist auf Frauen und Kinder“, berichtet der Benediktinermönch David Steindl-Rast. „Und sie stellte sich die Frage: Welche Mutter, die mit ihren Kindern Jesus in ein abgelegenes Gebiet nachfolgt, wird nicht auch etwas Proviant mitnehmen? Es gab also gewiss Lebensmittel unter der Menge, wer aber etwas bei sich hatte, dachte: ,Was ist das für so viele.‘ Wenn Jesus dann aber die fünf Gerstenbrote und zwei Fische, die ja schon für ihn und seine Jünger eine recht magere Mahlzeit abgegeben hätten, mit Tausenden teilt, da müsste sich ja jeder schämen, der etwas für sich alleine aufspart und versteckt. Und plötzlich werden alle satt, ja, das Übriggebliebene füllt zwölf Körbe.

Wo aber diese Bereitschaft zum Teilen fehlt, werden Böller, Banner und Blasmusik zur Blasphemie. Sind wir hingegen bereit zu verschenken, was wir haben, auch wenn es lächerlich wenig erscheint für so viele, da ereignet sich mitten unter uns Brotvermehrung – nicht als Hokuspokus, sondern als Wunder opferbereiter Liebe. Dieses Wunder weltweit zu erneuern, dazu fordert uns das bevorstehende Fronleichnamsfest heraus.“

Worte eines Geistlichen, der bereits einen langen Lebensweg von 94 Jahren gegangen ist und noch immer anderen Menschen hilft, ihren Weg zu finden. Dazu hat der im Europakloster Gut Aich in St. Gilgen (S) lebende Mönch gerade ein Buch geschrieben. Es trägt den bezeichnenden Titel „Orientierung finden“ und entstand fern der Heimat – Corona-bedingt, wie er im Gespräch mit der WOCHE-Reporterin Barbara Reiter erzählt hat.
Bruder David, normalerweise halten Sie sich um diese Jahreszeit im Europakloster Gut Aich in St. Gilgen auf, befinden sich aber seit Anfang März Pandemie-bedingt im Ausland. Wie geht es Ihnen?
Dank lieber argentinischer Freunde, bei denen ich die Zeit der Quarantäne auf einer abgelegenen Hazienda in der Pampa verbringen darf, wurde mir Zeit und Gelegenheit geschenkt, viel nachzudenken, zu lesen und zu schreiben. Hier habe ich auch mein neues Buch „Orientierung finden“ fertiggestellt.
Sie werden am 12. Juli 95 Jahre alt, fliegen noch immer zwischen Kontinenten hin und her und haben gerade ein neues Buch geschrieben. Woher nehmen Sie Ihre Energie?
Energie ist schon in jungen Jahren ein Geschenk des Lebens und im Alter umso mehr. Ich kann sie nicht erzeugen, nur mich dankbar erweisen, indem ich sie gut nutze. Andererseits schenkt mir jede Bemühung, zu ergründen und zu verstehen, mehr Energie als sie erfordert. Ich glaube, Wissbegierde erhält uns jung.
Im Buch behandeln Sie ein Thema, das derzeit wichtiger scheint denn je. Es geht um „Orientierung finden“ (erscheint am 15. Juni im Tyrolia-Verlag, € 19,95,–. ISBN 978-3-7022-3992-3) …
Ich möchte versuchen, die wichtigsten Orientierungspunkte zu markieren, die ich in meinem Leben finden konnte. Denn wenn wir unseren Platz im Ganzen finden wollen, müssen wir auf die dynamische Vernetzung von allem mit allem schauen. Das kann uns unsere persönliche Aufgabe im weitesten Zusammenhang erkennen lassen.
Ein Thema im Buch ist die Angst, die derzeit viele Menschen begleitet. Wie geht ein Benediktinermönch wie Sie mit diesem Gefühl um?
Eine der wichtigsten Unterscheidungen, auf die ich immer wieder hinweisen muss, ist die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. Angst ist unvermeidlich, besonders wenn wir es mit großen Gefahren wie einem Virus zu tun haben. Sich fürchten heißt, sich gegen die Angst sträuben. Das ist nutzlose Verschwendung unserer Energie, die wir uns nicht leisten können. Gerade bei großen Gefahren benötigen wir all unsere Energie, um konstruktiv mit der Situation umgehen zu können.
Heißt das umgekehrt, wir müssen mutig sein?
Jede Gefahr fordert uns heraus, furchtlos durch die Enge unserer Angst hindurchzugehen, wie wir schon bei unserer Geburt die Enge des Geburtskanals überstehen müssen. Durch Mut werden wir zwar die Angst nicht los, aber die Furcht bleibt uns erspart. Wir vertrauen auf etwas, das sich durch Lebenserfahrung immer wieder bewahrheitet: Angst ist ein Tunnel, an dessen Ausgang uns eine neue Geburt bevorsteht. Wenn wir mutig mit dem Unbill des Lebens umgehen, dann ist nicht abzusehen, wieviel gutes Neues wir daraus machen können. Der dringende Rat, den ich Menschen mitgeben möchte, die sich vor dem Virus oder anderen Dingen fürchten, ist: Fürchte dich nicht! In der Bibel soll dieser Aufruf 365 Mal vorkommen. Ich hab‘s nicht nachgezählt, aber es kann nicht schaden, uns an jedem Tag des Jahres mindestens einmal zuzurufen: „Fürchte dich nicht!“
Sie sind in Wien aufgewachsen und bald in die USA ausgewandert. Wie haben Sie diese beiden Welten erlebt?
Ich wurde nur acht Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges 1926 geboren, und bin in einer traditionsbewussten, in meiner Kindheit noch kaisertreuen Familie aufgewachsen. So war ich von Anfang an durch alt-österreichische Kultur geprägt. Als ich 1952 in die USA ausgewandert bin, um mich meiner vor mir ausgewanderten Familie anzuschließen, hat das zunächst einen nicht geringen Kulturschock bei mir ausgelöst. Ich bin aber schon bald ins Kloster Mount Saviour eingetreten, wo die weithin brückenbildende benediktinische Kultur vorherrscht.
Haben Sie nie den Bezug zur Heimat verloren?
Nach und nach habe ich viele Eigenschaften der Amerikaner zu schätzen gelernt und mich auch selber als solcher gefühlt. Das bedeutet ja in einem typischen Einwandererland wie den USA nicht, dass ich meine österreichische Identität verleugnen oder gar aufgeben musste. Mein Wienerisch hab‘ ich keinesfalls vergessen.
Bruder David, worauf blicken Sie in Ihrem langen Leben gerne zurück?
Es war ein ungewöhnliches Geschenk des Lebens, dass ich durch meine Vortragsreisen viele fremde Länder und viele bewundernswerte Menschen in der Welt kennenlernen durfte. Das Wertvollste im Leben sind letztlich wohl unsere Freundschaften. Mit lieben Freunden wurde ich überreich beschenkt.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung