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Ausgabe Nr. 22/2021 vom 01.06.2021, Foto: mauritius images / ZUMA Press, Inc. / Alamy
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Mehr als fünf Millionen Küken werden jedes Jahr getötet.
Geschlüpft, männlich, tot
In Deutschland ist das Töten der Eintages-Küken ab Jänner nächsten Jahres verboten. Bei uns soll es im Herbst eine Lösung zum Ausstieg aus dem Kükentöten geben. Die Geflügelhalter wollen einen Stufenplan.
Es ist das Gefieder der männlichen Legehuhn-Küken, das ihr Todesurteil bedeutet. Daran ist nach dem Schlüpfen ihr Geschlecht zu erkennen. Sie werden aussortiert und mit CO2-Gas getötet.
Mehr als fünf Millionen männliche Eintages-Küken sterben allein in unserem Land jedes Jahr kurz nach dem Schlüpfen. Sie aufzuziehen lohnt sich meist nicht. Weil sie keine Eier legen und nur wenig Fleisch ansetzen.
In Deutschland hat das Parlament jetzt das Kükentöten verboten. Ab Jänner müssen die Hähne entweder aufgezogen werden oder das Geschlecht wird schon im Ei bestimmt. Männliche Embryonen werden dann nicht ausgebrütet.

So weit sind wir noch nicht, obwohl Tierschützer seit Jahren das Ende des millionenfachen Kükentötens fordern. Auch beim Tierschutz-Volksbegehren, das im Jänner 416.000 Menschen unterschrieben haben. „Der Umstand, dass Millionen Küken ausgebrütet werden, ein paar Mal zirpen und dann getötet werden, ist barbarisch und unzeitgemäß“, sagt der Volksbegehrens-­Initiator Sebastian Bohrn Mena. „Das Kükentöten ist das Symptom einer Landwirtschaft, die auf Überschüsse ausgerichtet und nicht ganzheitlich gedacht ist.“

Im Bio-Bereich werden Bruder-Küken aufgezogen
Ob es zu einem gesetzlichen Verbot oder einer „verbindlichen Übereinkunft innerhalb der Branche“ kommt,
ist für Bohrn Mena egal. Aber, „der erste Schritt muss ab Jänner 2022 gesetzt werden. Wenn die Deutschen es schaffen, ihre gesamte Produktion verbindlich umzustellen, dann müssen wir doch zumindest damit beginnen können.“
Die Geflügelbauern wollen im Herbst einen Stufenplan zum Ausstieg aus dem Kükentöten vorlegen. „Das ist ein Thema, das wir lösen müssen“, erklärt Michael Wurzer, der Sprecher der „Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft“ (ZAG). „Wir respektieren die ethische Grundhaltung der Menschen in Österreich, aber wir brauchen Zeit für die Umstellung.“ Auch das für den Tierschutz zuständige Gesundheitsministerium peilt eine Branchenlösung im Herbst an.

Derzeit werden im gesamten Biobereich die männlichen Küken der Legerassen aufgezogen. „Unser Land war dabei weltweit das erste“, weiß Michael Wurzer. „Konsumenten, die nicht wollen, dass die Küken getötet werden, können auf Bio-Eier zurückgreifen.“ Die Hähne werden nach zehn bis zwölf Wochen geschlachtet. Ihr Fleisch kommt etwa in Biowurst.
Die getöteten Küken hingegen werden etwa „an Zoos und Greifvögelstationen abgegeben, das sind Futtertiere, die tatsächlich gebraucht werden. Darauf haben auch österreichische und deutsche Zoo-Betreiber hingewiesen. Sonst werden sie tiefgekühlt aus den Niederlanden importiert. Deswegen prüfen wir jetzt, wie hoch der Bedarf an Futterküken in den österreichischen Zoos ist.“

Vier bis fünf Euro Mehrkosten veranschlagen die Geflügelhalter, wenn ein Hahn aufgezogen wird. „Die müssen über die Eier abgegolten werden. Das klingt nicht viel, aber der Eiermarkt ist ein äußerst preissensibler Markt. Und die deutschen Kollegen müssen genauso wie wir schauen, ob uns das jemand bezahlt.“ Michael Wurzer könnte sich auch eine Investitionsförderung für den Bau neuer Ställe für die Hähne vorstellen.

Für Sebastian Bohrn Mena stellt sich vor allem die Frage, „wie können bestehende Förderungen sinnvoller und zielgerichteter verteilt werden? Momentan fließt viel Geld in die Fläche und es wird nicht genug auf Tierwohl, Umweltschutzkriterien und Stabilisierung der kleinbäuerlichen Strukturen geachtet“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative „oekoreich“, der Nachfolge-Initiative des Volksbegehrens. „Ich bin aber auch der Meinung, dass die verarbeitende Indus­trie und die Handelskonzerne einen Beitrag leisten müssen. Natürlich auch die Konsumenten. Ich glaube, dass sie bereit sind, einen oder zwei Cent mehr für ein Ei zu bezahlen, wenn dafür das Kükentöten endet.“

In Deutschland wird die Regel ab 2024 verschärft
In Deutschland soll das Verbot ab Jänner 2024 noch strenger werden. Dann muss die Geschlechts-Erkennung im Ei schon in den ersten Tagen passieren. Nach dem sechsten Bebrütungstag darf dann kein Embryo mehr getötet werden, weil danach das Schmerzempfinden einsetzt.
„In Deutschland werden nach dem Verbot viele Fragen offen bleiben“, ist sich Geflügelwirtschafts-Sprecher Wurzer sicher. „Es gibt mehrere Verfahren zur Geschlechtserkennung im Brut­ei, tatsächlich großtechnisch praxisreif ist keine. Die Forschung ist jetzt dran, dass die Verfahren genauer werden und sie das Geschlecht des Kükens früher erkennen. Das wird aber noch ein bisschen dauern.“

Daran soll eine Lösung für die Betreiber des Tierschutz-Volksbegehrens nicht scheitern. „Wenn es eine Stufenlösung braucht, bis die Branche umgestellt hat, dann akzeptieren wir jetzt auch ein Verfahren, das zum Beispiel erst ab dem neunten oder zehnten Tag das Küken erkennt, wenn dann das Ausbrüten verhindert wird. Natürlich ist der Wunschzustand, dass wir möglichst frühzeitig das Geschlecht erkennen, aber Schritt für Schritt.“
Zudem müsse darauf geachtet werden, dass es nicht „zu Verlagerungseffekten kommt. Es bringt nichts, wenn wir jetzt in unserem Land etwas verbieten und dann die Produktion einfach in die Ukraine oder nach Ungarn verlagert wird.“
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