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Ausgabe Nr. 22/2021 vom 01.06.2021, Fotos: VCOE/Rita Newman, Lukas Dostal
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Christian Gratzer, Gerald Kumnig
Soll im Ortsgebiet generell Tempo 30 gelten?
Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sollte im Ortsgebiet allgemein Tempo 30 gelten, um Fußgänger und Radfahrer zu schützen. In Spanien sind seit Anfang Mai alle Städte und Gemeinden „30er-Zonen“. Nur wenn mehr als eine Fahrspur je Richtung zur Verfügung steht, sind 50 Stundenkilometer erlaubt. Bei uns ist Graz der Vorreiter, in 80 Prozent des Straßennetzes gilt dort Tempo 30. In Wien sind es 66 Prozent, in Klagenfurt 53 und in Linz 45 Prozent.
JA:
Christian Gratzer,
VCÖ – Mobilität mit Zukunft

„Das Kleinkind riss sich von der Hand des Vaters und lief auf die Straße. Der Autofahrer brachte das Auto in der Tempo 30-Zone gerade noch vor dem Kind zum Stillstand. Wäre er 50 Stundenkilometer gefahren, wäre das Kind mit fast vollem Tempo niedergefahren worden. Bei Tempo 30 betragen Reaktions- und Bremsweg zusammen elf Meter, bei Tempo 50 ist allein der Reaktionsweg rund zehn Meter lang. Ein Unterschied, der Menschenleben rettet. Neben Kindern sind vor allem ältere Menschen gefährdet. 81 Menschen wurden in unserem Land im Vorjahr bei Verkehrsunfällen im Ortsgebiet getötet, fast die Hälfte war älter als 70 Jahre. Die größte Opfergruppe waren ältere Fußgängerinnen und Fußgänger. Das Verkehrssystem nimmt auf Schwächere zu wenig Rücksicht. Spanien hat nun als erstes Land in der Europäischen Union eine landesweite Regelung für Tempo 30 in Städten und Gemeinden umgesetzt. Erfahrungen in kleineren Orten zeigen noch eine
positive Wirkung: Die Bevölkerung geht wieder mehr zu Fuß, die Menschen treffen einander häufiger auf der Straße, stärken damit die Gemeinschaft im Ort und auch die Nahversorgung.“

NEIN:
Gerald Kumnig,
ARBÖ-Generalsekretär

„Der ARBÖ spricht sich gegen die Temporeduktion auf 30 Stundenkilometer im gesamten innerstädtischen Gebiet aus. Das heißt aber nicht, dass wir Maßnahmen, die die Verkehrssicherheit erhöhen, generell ablehnen. Als Mobilitätsklub tritt der ARBÖ dafür ein, dass überall dort eine Temporeduktion eingeführt wird, wo es wichtig sowie sinnvoll ist und in weiterer Folge auch kontrolliert werden kann, etwa vor Schulen und Kindergärten, aber auch in anderen verkehrsberuhigten Zonen. Eine flächendeckende Temporeduktion ist aber abzulehnen. In erster Linie würden dadurch auch die Öffentlichen Verkehrsmittel verlangsamt werden. In Zeiten der Klimakrise verringert dies die Attraktivität der Öffis, und motiviert zum Umstieg auf andere Fortbewegungsmittel. Zudem belegen Studien, dass Tempo 30 aufgrund der falschen Gangwahl bei Pkw mehr umweltschädliche Emissionen verursacht als gleichmäßig mit 50 km/h unterwegs zu sein. Daher Temporeduktion ja, wo es Sinn macht und die Verkehrssicherheit erhöht, aber nicht dort, wo Öffis verlangsamt werden und der Kfz-Verkehr auf den hochrangigen Durchzugsstraßen bewusst und ohne ersichtlichen Grund ausgebremst wird.“
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