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Ausgabe Nr. 21/2021 vom 25.05.2021, Foto: charmedlightph - stock.adobe.com
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Sie zählt weder auf Regierung noch Opposition.
Die Jugend vertraut den Politikern nicht
Die Jugendlichen gehören zu den größten Verlierern der Corona-Krise. Sie litten unter geschlossenen Schulen und fehlenden Freunden. Auch die wirtschaftlichen Folgen der Virus-Bekämpfung werden sie tragen müssen. Von der Politik erwarten sie wenig.
Studienanfänger, die die Universität kaum von innen gesehen haben. Schüler, die wochenlang aus den Klassenzimmern ausgesperrt waren. Junge Menschen, die ihre Arbeit verloren haben. Die Jugend in unserem Land gehört zu den größten Verlierern der Corona-Krise.
Die Maßnahmen zur Virus-Bekämpfung haben auch bei ihnen tiefe Spuren hinterlassen. „Die Häufigkeit depressiver Symptome hat sich hierzulande vervielfacht, auch Schlafstörungen und Angstsymptome sind signifikant angestiegen“, hat eine Untersuchung der Donau-Universität Krems (NÖ) zuletzt bestätigt. Davon sind unter anderem besonders auch Erwachsene unter 35 Jahren betroffen.
Die hiesige Politik haben die meisten abgeschrieben. „Die jungen Menschen vertrauen weder der Regierung noch der Opposition, der Opposition sogar noch weniger als der Regierung“, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. „Es gibt für sie keine Alternativen mehr innerhalb der etablierten Politik. Sie fühlen sich im Augenblick von niemandem vertreten.“ Nur rund ein Drittel der Befragten 16- bis 29jährigen setzt laut der „Jugendwertestudie 2021“ viel Vertrauen in die Regierung. Bei der Opposition sind es 31,6 Prozent.

Politiker reden mit ihnen von oben herab
„Die Frage ist, wie wird das kanalisiert. Wenn es niemanden mehr gibt, dem man vertraut, dann wird diese ganze politische Energie zu einem unberechenbaren spontanen Geschehen, das sich auf der Straße äußert“, erklärt Heinzl-
maier. „Ein gutes Beispiel dafür sind die Gelbwesten in Frankreich gewesen. Bei den Corona-Demos zeichnet sich diese Entwicklung schon ab.“

Den Politikern fehlt vor allem die richtige Sprache. „Selbst die Jungen in der Politik können mit den normalen jungen Menschen nicht mehr reden“, weiß der Jugendforscher. „Es wird von oben herab mit ihnen geredet, sie haben nicht das Gefühl, dass sie gehört werden. 70 Prozent der unter 30jährigen sagen, dass ihnen die Politik nicht zuhört.“
Dazu kommt das Thema Korruption. Den Politikern wird vorgeworfen, dass es ihnen hauptsächlich um den persönlichen Vorteil geht. Und „ihnen die große Masse der Bürger eigentlich völlig ,wurscht‘ ist.“
Nur jeder sechste junge Mensch beurteilt die Corona-Politik der Koalition mit einem „sehr gut“ oder „gut“. Jeder zweite vergibt nur einen Vierer oder Fünfer. Vor allem die Schließung von Schulen, Sportstätten oder Geschäften fand wenig Zustimmung.

Seit 17. Mai sind jetzt alle der 1,1 Millionen Schüler, die sich drei Mal in der Woche testen lassen, wieder in den Klassenzimmern. Anfang Mai verweigerten rund 10.000 Schüler die Tests, sie müssen zuhause bleiben. Doch schon in wenigen Wochen beginnen die Sommerferien. Experten rechnen nach dem wochenlangen Lernen vor dem Computer mit Bildungslücken.
Auf den Universitäten findet hingegen der Großteil der Lehrveranstaltungen derzeit nach wie vor digital statt. Meist sind es etwa lediglich Labor- oder Sportübungen, bei denen die Studenten in die Hochschulen dürfen. Die rund 275.000 Studenten müssen aber wohl auch im Herbst teils noch mit „Fernlehre“ rechnen.

Auf die Lehrlinge wurde oft vergessen
Selten im Corona-Rampenlicht standen die knapp 110.000 Lehrlinge. „Auf die Lehrlinge hat die Regierung weitgehend vergessen“, kritisiert Thomas Moldaschl, der Lehrlings-Experte der Arbeiterkammer.
„Durch die ,Lockdowns‘ war es deutlich schwerer für sie, ihre berufliche Ausbildung weiterzumachen. Es haben manche Aspekte in den Betrieben gefehlt, viele Lehrlinge waren auch in Kurzarbeit. Das führt zu Verunsicherung, wie das jetzt mit der Lehrabschlussprüfung sein wird.“

Derzeit suchen rund 20.000 Jugendliche eine Lehrstelle in einem Betrieb. Im Herbst ist mit einem stärkeren Andrang zu rechnen, weil im Vorjahr viele weiter in die Schule gegangen sind, statt eine Lehrstelle zu suchen. „Die Frage ist auch, wie viele Unternehmen werden pleite gehen, wenn die Förderungen auslaufen und wie viele Lehrlinge werden betroffen sein.“
Rund 36 Milliarden Euro wurden bisher vom Staat an Wirtschaftshilfen ausbezahlt oder zugesagt. Geld, das über kurz oder lang wieder in die Staatskassen zurückfließen muss. Mit einer sofortigen Wirtschaftserholung ist nicht zu rechnen.

„Vor Corona hat die Jugend keine Angst. Sie können Statistiken lesen und sie wissen, dass etwa bei den unter 30jährigen noch niemand gestorben ist“, sagt der Jugendforscher Heinzlmaier. „Sie machen sich Sorgen um die Angehörigen, die älter sind. Da sind sie äußerst mitfühlend und achtsam. Dann erst kommt die Sorge um sich, davor keinen Arbeitsplatz zu bekommen, Angst vor einer weltweiten Wirtschaftskrise, bei der alles zusammenbricht. Die Mehrheit der jungen Menschen glaubt, da kommt noch etwas Größeres nach.“
Aber nicht die Jugend generell ist der Verlierer der Corona-Krise, prognostiziert der Sozialwissenschaftler, sondern die Mittel- und die Unterschicht. „Die jungen unteren zwei Drittel der Gesellschaft werden belastet. Die Jungen werden die ersten sein, die entlassen werden. Und wenn es keine neuen Stellen gibt, werden wieder Junge betroffen sein.“
Die Corona-Politik fällt bei den 16- bis 29jährigen durch
Benotung der Regierung für ihr Handeln in der Corona-Krise. Angaben in Prozent.
sehr gut - 3,3
gut - 3,3
befriedigend - 32,1
genügend - 26,8
nicht genügend - 21,2
keine Angaben - 3,3
Quelle: tfactory, Österreichische Jugendwertestudie 2021
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