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Ausgabe Nr. 20/2021 vom 18.05.2021, Foto: olly - stock.adobe.com
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Wenig Bewegung und schnelle Bild-Tonfolgen sind schlecht fürs ältere Gehirn
Wer viel TV schaut, verliert die Worte
Eine britische Studie zeigt, tägliches Fernsehen von mehr als dreieinhalb Stunden am Tag führt bei über 50jährigen zum Abbau jener Gedächtnisfunktion, die für das Verstehen und Verwenden von Wörtern zuständig ist. Experten sprechen nun von der „TV-bedingten Demenz“.
Filme, Serien, Nachrichten und viele Doku-Soaps und Talente-Shows. Die „Fernsehkastln“ in den heimischen Wohn-, Schlaf- und Jugendzimmern flimmern immer länger, immer öfter, stundenlang und ohne Pause.
Das hat zu einem Rekord in unserem Land geführt, wie Statista, ein deutscher Anbieter für Markt- und Konsumentendaten, aufzeigt. Fast vier Stunden täglich, rund 210 Minuten, verbringt jeder von uns pro Tag vor der „Flimmerkiste“. Das sind 47 Minuten mehr als vor zehn Jahren und ist der höchste je verzeichnete Wert. Vor allem Menschen über 60 Jahre (87 Prozent) sehen täglich fern.

„Mehr als fünf Stunden verbringen sie jeden Tag mit dem Konsum von Bewegtbildern. Achtzig Prozent davon entfallen aktuell auf das klassische Fernsehen, der Rest ist Abruffernsehen“, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel, Leiter des Fachbereiches Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.
Das ist keine gesunde Entwicklung, wie eine Langzeitstudie aus Großbritannien aufzeigt. Ein täglich mehrstündiger TV-Konsum bei über 50jährigen führt zum Abbau des verbalen Gedächtnisses. „Das verbale Gedächtnis ist dafür zuständig, sprachliche Botschaften zu erfassen und sie zu verarbeiten. Es ist wichtig für die Aufnahme und das Verwenden von Informationen, die uns in Worten, gesprochen oder geschrieben, übermittelt werden“, sagt Daisy Fancourt, Studienautorin und Psychobiologin am „University College London“ (England). „Es wäre möglich, dass mit dieser ‚TV-Demenz‘ ein eigenständiges neues Krankheitsbild gefunden wurde“, sagt auch Neurologe Dr. Michael Ackerl aus Oberpullendorf (Bgld.)

Beobachtet wurden knapp 3.600 Teilnehmer, die zu Beginn der Studie über 50 Jahre alt waren (das durchschnittliche Alter betrug 67 Jahre) und keine Demenz aufwiesen. Nach sechs Jahren wurden sie im Hinblick auf ihre Gedächtnis- und sprachlichen Fähigkeiten untersucht und zu ihren Fernsehzeiten befragt.
„Es zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt, je öfter ein Teilnehmer fernsah, desto mehr hatte das verbale Gedächtnis im Vergleich zum Ausgangswert abgebaut. Die kritische Schwelle waren 3,5 Stunden Fernsehkonsum pro Tag, weniger wirkte sich nicht aus.“ Auf Informationen, die wir über die Sprache erhalten oder weitergeben möchten, können wir im Alltag aber nicht verzichten.

Die moderne Welt ist von Information, die über das Sprechen vermittelt wird, abhängig. Menschen mit einem schwach ausgeprägten verbalen Gedächtnis bleiben schnell orientierungslos zurück. „Das gilt für die Durchsage am Bahnhof, dass der Zug von einem anderen Gleis abfährt, genauso wie die mündlich ausgesprochene Einladung eines Freundes. Oder denken wir an die gesprochenen Informationen, die wir beim Autofahren vom GPS erhalten. Ihnen wird etwas gesagt, aber Sie sind nicht in der Lage, das Gesagte zu verstehen und umzusetzen. Sie biegen falsch ab oder fahren weiter geradeaus. Das ist keine Frage der Intelligenz, sondern kann bedeuten, dass das sprachliche Gedächtnis schwach ist.“

Die Forscher versicherten weiters, dass der Abbau des verbalen Gedächtnisses nicht allein durch den Bewegungsmangel beim Viel-Fernsehen erklärbar ist. Andere sitzende Freizeitbeschäftigungen, wie im Internet zu surfen, hat diese Folge nicht. Die Forscher erklären die Verschlechterung des sprachlichen Gedächtnisses mit dem schnellen Wechsel von Sehen und Hören sowie der Passivität beim Fernsehen. Angst vor einer richtigen Demenz oder der bekanntesten Form, der Alzheimer-Demenz, durch langes Fernsehen, müsse niemand haben.„Interessanterweise war das verbale Gedächtnis vom TV-Konsum-bedingten Abbau betroffen, nicht die Wortflüssigkeit. Diese ist bei Alzheimer-Patienten ebenso stark verringert. „Alzheimer-Patienten haben Defizite jenseits des verbalen Gedächtnisverlustes.“

Dennoch beunruhigen diese Studienergebnisse. Vor allem Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen, sehen mehr fern. Des Weiteren zeigte die Studie, sind Frauen, geringer Bildungsgrad, geringer sozialer Status und soziale Isolation (allein lebend) mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden. „Ältere Menschen sollten, um geistig fit zu bleiben, von viel Fernsehen absehen. Besser ist, ein Buch zu lesen, Rätsel zu lösen oder einen Spaziergang zu machen.“ Ob eine aufgetretene TV-Demenz sich wieder zurückbildet, wird derzeit noch erforscht.
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