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Ausgabe Nr. 20/2021 vom 18.05.2021, Fotos: imago images/NurPhoto, Manfred Weis, zVg
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Karim El-Gawhary, 57, ist ein deutsch-ägyptischer Journalist, er ist bekannt als ORF-Korrespondent.
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Buchtipp: Karim El-Gawhary: „Repression und Rebellion“, Verlag Kremayr & Scheriau.
Die Zerstörung der Köpfe
Ein Kommentar zum Konflikt zwischen den Israelis und Palästinensern vom Nahost-Experten Karim El-Gawhary.
Haben Sie schon einmal gesehen, wie einer Ihrer Arbeitsplätze in die Luft gejagt wird? Das ist ein beklemmendes Gefühl, kann ich Ihnen sagen. Immer, wenn ich für den ORF im Gazastreifen unterwegs war, habe ich im Jalaa-Hochhaus in Gaza-Stadt gearbeitet, in dem die Büros mehrerer internationaler Medien untergebracht sind; darunter auch das der Nachrichtenagentur AP. Dort haben wir immer unsere Beiträge geschnitten und vom Dach des Gebäudes haben wir live für die „Zeit im Bild“ gesendet.

Ich war völlig fassungslos, als ich am Wochenende die Videos sah, die zeigten, wie das 15-stöckige Hochhaus nach einem israelischen Bombardement wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Zuletzt brach das Dach nach unten, auf dem ich so oft gestanden bin und verschwand in einer Staubwolke. Beklemmend waren auch die Beiträge, die ich früher in diesem Gebäude produziert habe. Etwa von der Familie Abu Halima, Erdbeerbauern, im nördlichen Gazastreifen. Eine israelische Phosphorgranate ist im Jahr 2009 in ihrem Haus eingeschlagen. Ein großer Teil der Familie ist damals verbrannt. Keiner hatte irgendetwas mit der radikalen Hamas zu tun. Die 21jährige Mutter Ghada und ihre zweijährige Tochter Farah haben damals schwere Verbrennungen erlitten, aber hatten zunächst überlebt. Ich hatte ihre Geschichte verfolgt, bis Ghada schließlich Monate später im Spital ihren Verbrennungen erlag. Ihre Tochter Farah hat überlebt und lebt heute im Gazastreifen. Wie geht es ihr in diesen Tagen, in denen sie ihr Trauma von damals erneut durchlebt, frage ich mich.

Und auch heute werden wieder neue Ghadas produziert. Etwa die Abu-Hatab-Familie. Acht Kinder und zwei Frauen der gleichen Familie kamen am vergangenen Samstag um, als ihr Haus nach einem israelischen Angriff über ihnen zusammenstürzte.
Dabei geht es nicht darum, das Leid auf israelischer Seite auszublenden. Sowohl die radikale Palästinenserorganisation Hamas als auch die israelische Armee kalkulieren zivile Opfer mit ein. Mehr als 200 Menschen starben bislang durch die jüngste Eskalation in Gaza, darunter 52 Kinder, zehn Menschen in Israel, darunter zwei Kinder. Aber am Ende rechtfertigt das eine nicht das andere.

Und auch dieser Waffengang wird demnächst zu Ende gehen. Beide Seiten werden einen Sieg verkünden. Die israelische Armee wird sagen, dass sie die Raketen-Kapazität der Hamas geschwächt hat. Die Hamas wird triumphieren, dass Israel es eine Woche nicht geschafft hat, den Raketen-Beschuss von Hamas zu verhindern. In Wirklichkeit ist keine der beiden Seiten fähig, die andere tatsächlich zu besiegen.
Die Medienkarawane wird weiterziehen. Und nichts, das die Ursachen dieses Konflikts ausmacht, wird gelöst sein: die Abriegelung des Gaza-Streifens von der Außenwelt, die israelische Besetzung des Westjordanlandes und die Zwangsräumungen in Ostjerusalem, die Palästinenser, die innerhalb des israelischen Staatsgebietes leben und als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

Und wenn es irgendetwas aus den vergangenen Tagen zu lernen gibt, dann dies: Die Sicherheit Israels und die Rechte der Palästinenser sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Nur wenn man diese beiden Themen miteinander verknüpft, beginnen wir erstmals wirklich über eine Lösung zu sprechen.
Ich habe aus vielen Kriegen in der Region berichtet. Eine Erfahrung habe ich dabei immer wieder gemacht. Es werden im Krieg nicht nur Menschen getötet und Häuser zerstört. Die langfristigste Folge jedes Krieges ist die Zerstörung der Köpfe. Wie viele Köpfe wurden in den vergangenen Tagen in Gaza, in Ost-Jerusalem, im Westjordanland und in Israel zerstört? Fahnenhissen und Parolen werden da nicht weiterhelfen.
Es ist an der Zeit, die Köpfe zusammenzustecken und über eine echte Lösung nachzudenken.
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McCormick
Es handelt sich dort nicht um eine Besetzung sondern um einfachen Landraub daher wird dort kaum ein Frieden möglich sein.
Dodoheimarie
Die Zerstörung der Köpfe
Da muß man keinen Krieg haben um Köpfe zu zerstören. Es reicht eine Bundesregierung welche die wichtigsten Medien in der Hand haben und mit Propaganda das gleiche bewirken!

Lehrer die sich ihre Köpfe reinigen und das Gereinigte ihren Schülern beibringen!

Menschen im Umfeld die das weiter verbreiten und schon ist ein neuer, guter Mensch geboren. Gehorsam, Staaten treu, eben ein Bürger wie man ihn sich wünscht.

Schöne Pfingsten allerseits. Es gibt zusätzlich einen Heiligen Geist der uns erleuchtet. Jetzt sind ja wieder Messen erlaubt!
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