Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 16/2021 vom 20.04.2021, Foto: Gabriel Grams/FilmMagic/getty images
Artikel-Bild
Mit seiner dritten Frau Stella Arroyave.
Die Kunst blieb ein Leben lang
Er hat gerade noch die Notbremse gezogen. Statt sich mit Alkohol zu Tode zu trinken, wurde Anthony Hopkins zum umjubelten Schauspieler, der sich mit 83 Jahren anschickt, zum zweiten Mal einen „Oscar“, die höchste Auszeichnung der Filmbranche, zu gewinnen.
Nach einer durchzechten Nacht schaute Anthony Hopkins in der Früh verkatert in den Spiegel und stöhnte: „Oh, Mann! Schon wieder.“ Heute, vierzig Jahre später, erinnert er sich gut daran, „weil es der Tag war, an dem sich mein Leben dramatisch veränderte“.

Anerkennung und Ruhm, die den 83jährigen Schauspieler umgeben, lagen damals noch in weiter Ferne. Von Natur aus unsicher und deshalb frustriert, war er dem Alkohol verfallen. „Ich bin nie ein Prediger gewesen“, gesteht er. „Ich kenne Menschen, die viel trinken und sich weiterhin brav benehmen. Die keine Möbel demolieren. Ich gehörte nicht zu ihnen, war nie ein braver Trinker. Das Schlimmste war, was der Alkohol meinem Körper und meinem Hirn antat. Wenn ich ein Auto gefahren wäre, hätte ich jemanden töten können. Als ich mich an jenem Tag betrachtete, dachte ich: ‚Dass du noch lebst, ist ein Wunder. Eigentlich müsstest du schon lange tot sein. So wie deine Kollegen, die sich zu Tode getrunken haben. Mach Schluss damit.‘“ Seit diesem Tag habe er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt, versichert Hopkins. „Es war wie ein Erwachen. Ich wusste, ich durfte es nicht wieder tun. Es wäre Selbstmord.“

Keine Lust, um vier Uhr aufzustehen
Hopkins, der am 31. Dezember 1937 in Margam (Wales) geboren wurde, hatte ein schlimmes Vorbild, was den Alkohol betraf. Sein Vater, ein Bäcker, war ein notorischer Trinker. „Wir lebten in einer kleinen Wohnung über der Backstube. Mein Vater wollte, dass ich in seine beruflichen Fußstapfen trete. Doch dazu hatte ich kein Interesse. Ich war nicht gut im Brotbacken und wollte nicht um vier Uhr in der Früh aufstehen.“ Er sei ein Einzelgäger gewesen, berichtet Hopkins, hatte kein Glück bei den Mädchen und war ein schlechter Schüler. „Ich war überzeugt, ein Dummkopf zu sein. Daher kam meine Unsicherheit, die sich erst in meinen Vierzigern legte.“

Richtig glücklich fühlte er sich nur am Klavier, das ihm seine Mutter geschenkt hatte. Bald spielte er komplizierte Stücke von Sergei Rachmaninow und Frédéric Chopin. Als er 18 Jahre alt war, fuhr eines Tages ein offener Sportwagen durch seinen Ort. „Das ist Richard Burton“, riefen die Passanten, verwundert, den berühmten Darsteller zu sehen. Auch Hopkins sah ihn. Als er wieder einmal seine Schwester im Nachbarort besuchte, meinte er zu ihr, „So einen Wagen möchte ich auch haben.“ Dies sei wohl auch der Grund gewesen, warum er Schauspieler wurde, erklärt der 83jährige.

Der Zufall wollte es, dass zu jener Zeit in der örtlichen Schauspielschule ein Platz frei wurde. Hopkins studierte die Kunst, bis er zum Militär einberufen wurde. Weil er körperlich nicht fit war, litt er unter dem Drill, was sein Selbstbewusstsein nicht stärkte. Von Selbstzweifeln geplagt, gab er dennoch den Wunsch zu schauspielen nicht auf und bewarb sich beim „Royal National Theater“. „Um meine Schüchternheit zu vertuschen, war ich arrogant und dreist geworden“, gesteht er. „Mut trank ich mir an.“
Und die Bühnen-Managerin fragte er frech: „Mit wem muss ich hier schlafen, um voranzukommen?“ Was dann geschah, wundert Hopkins immer noch. Anstatt ihn zum Teufel zu jagen, meinte die Managerin: „Langsam, langsam, Tony, nicht so stürmisch. Du fängst doch erst an. Und dann gab sie mir die Rolle des Andrei in Anton Tschechows ‚Drei Schwestern‘.“ Als der berühmte Regisseur und Schauspieler Laurence Olivier (1907–1989) krank wurde, durfte ihn der Neuling vertreten und erntete stürmische Ovationen.

Nach erstem beruflichen Erfolg versuchte er sich auch als Ehemann und heiratete im Alter von 29 Jahren die gleichaltrige englische Schauspielerin Petronella Barker, die ihm im Jahr 1968 sein einziges Kind zur Welt brachte – Tochter Abigail. Seine Frau litt darunter, dass ihr Mann zu viel trank. „Bis zu einer Flasche Tequila pro Tag“, klagte sie. Auseinandersetzungen zermürbten ihre Ehe und 1972 ließen sie sich scheiden. Die Tochter, die selbst Schauspielerin geworden ist, litt am meisten unter der Trennung der Eltern und hat ihrem Vater nicht verziehen, dass er seine Ehe mit dem Trinken ruinierte. Zudem beklagte sie mangelnde Liebesbezeugungen von seiner Seite. Als Teenager dachte sie sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Zwar verschaffte ihr der Papa eine kleine Rolle in seinem Film „Was vom Tage übrig bleibt“ und half beim Kauf einer Wohnung. Heute reden die beiden nicht mehr miteinander. Gefragt, wie er diesen Zustand verkrafte, meint der Schauspieler: „Ich habe Wiedergutmachung versucht – vergeblich. So ist das nun einmal, Familien zerbrechen, und das Leben geht weiter.“

Der "Sir" mit einem schönen Walzer
Es führte ihn bis heute in seine dritte Ehe und zu beruflichen Ehren, die mit einem „Oscar“, der höchsten Auszeichnung in der Filmbranche, gekrönt wurden. Er wurde im Jahr 1992 als „Bester Hauptdarsteller“ für seine Rolle im Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ ausgezeichnet, ein Jahr später in den englischen Adelsstand erhoben und darf sich seither „Sir“ nennen.

Die Kunst hat für Anthony Hopkins im Lauf des Lebens unterschiedlichste Ausprägungen angenommen. Vom Klavierspiel angeregt, liebt er die Musik und hat sogar einen eigenen Walzer komponiert. Der Niederländer André Rieu hat das Stück „And the Waltz goes on“ 2011 im Schloss Belvedere in Wien mit seinem „Johann Strauss Orchester“ im Beisein des Komponisten und dessen dritter Frau Stella Arroyave, 65, uraufgeführt. Arroyave ist eine kolumbianische Schauspielerin, die in der kalifornischen Stadt Los Angeles einen Kunst- und Antiquitätenhandel betreibt. Auch in dieser Hinsicht scheint Hopkins die ideale Frau gefunden zu haben, denn die Malerei gehört zu seinen liebsten Hobbys.
Gegenseitige Befeuerung der Talente brachte Arroyave wieder dazu, sich vermehrt dem Film zu widmen. Ihre Karriere hatte sie bereits auf Eis gelegt. Nun produzierte sie den Film „Elyse“, in dem ihr Mann als Psychiater die Hauptrolle verkörpert. Daneben ist Hopkins für die am Sonntag, dem 25. April, stattfindende „Oscar“-Verleihung wieder als „Bester Hauptdarsteller“ nominiert. Im Streifen „Der Vater“ spielt er einen demenzkranken, alten Mann,
der von seiner Tochter gepflegt und eines Tages verlassen wird.

Am Gesellschaftsleben Hollywoods nimmt er jedoch nicht teil. Hopkins sagt, er fühle sich immer noch als Außenseiter. „Sie schneiden mich, vermutlich, weil ich mich nicht von Direktoren terrorisieren ließ.“ Oft spiele er mit seiner Katze, male oder übe im Keller seines Hauses bei Pacific Palisades (Kalifornien) auf dem Piano, sagt er.
„Stella traf ich an einem Tiefpunkt meines Lebens, insbesondere was Frauen betrifft. Sie hat mir das Vertrauen in die Welt zurückgegeben.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung