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Ausgabe Nr. 16/2021 vom 20.04.2021, Foto: Fotostudio Ulli Engleder
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Dr. Kellermayr ver-schreibt Covid-Patienten einen Asthma-Spray.
„Die Heilung trat rasant ein, in allen Altersgruppen“
Dr. Lisa Maria Kellermayr, 35, behandelte Hunderte von Covid-Patienten erfolgreich mit einem Asthma-Spray. Dennoch wird die junge Ärztin von Politik und Wissenschaft ignoriert.
Medien reißen sich um sie. Patienten aus dem deutschsprachigen Raum rennen der Oberösterreicherin die Tür ein. Der Grund, Dr. Lisa Maria Kellermayr, 35, ist Allgemeinmedizinerin und verschreibt ihren Covid-Patienten einen Asthma-Spray mit dem Wirkstoff Budesonid, der ausgezeichnete Heilerfolge aufweist. Ihre Erfahrungen untermauert nun auch eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Oxford (England). Alleine in unserem Land interessiert das weder die Politik, noch die Wissenschaft oder gar die Krankenkasse. Das ärgerte die junge Ärztin so sehr, dass sie auf dem sozialen Netzwerk Facebook sogar die Fragen stellt: Hätten wir Menschenleben retten können, wenn ich ein älterer Herr wäre? Im Gespräch mit der WOCHE-Reporterin Martina Bauer erklärt die leidenschaftliche Ärztin, was in der Corona-
Versorgung hierzulande schiefläuft und wie sie auf die heilende Wirkung des Medikamentes gestoßen ist.
Frau Doktor Kellermayr, seit wann verschreiben Sie das Asthma-Medikament Budesonid?
Begonnen habe ich im Frühling des Vorjahres, aber da gab es nicht so viele Patienten. Mitte Oktober, bei der zweiten Welle, hatten wir eine größere Fallzahl und haben das Medikament daher auch häufiger eingesetzt. Die Wirkung war so auffällig, dass ich im Oktober bei einer Fortbildung auch Kollegen davon berichtet habe. Hausärztekollegen waren froh, dass überhaupt jemand was sagt, weil bis dahin keiner eine Empfehlung ausgesprochen hatte. Über so gute Erfolge in der frühen Phase kann nur ein Hausarzt berichten, weil ein Spitalsarzt keinen Patienten in diesem Stadium zu sehen bekommt. Gefragt werden aber immer nur die Herren Professoren von der Uni-Klinik, die nie einen Patienten so früh behandelt haben.
Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, dieses Medikament zu verschreiben?
Wir waren ein kompaktes Team von Corona-Notdienst-
ärzten, die zu den Patienten nach Hause gefahren sind. Dabei habe ich mich mit einem oberösterreichischen Kollegen ausgetauscht, einem Lungenfacharzt. Er hat ansonsten ja mit Asthmatikern zu tun und eben auch mit Corona-Patienten. Die Idee wurde aus der Not geboren. Es gab nichts, das explizit für diese Krankheit zugelassen wurde, also mussten wir auf ein Medikament zurückgreifen, das eigentlich für eine andere Krankheit gedacht war. In dem Fall schien es mir logisch, wenn ein Patient Reizhusten hat, der durch einen Entzündungsreiz ausgelöst wird, dass ich ihm einen anti-entzündlichen Inhalator verordne. Nicht alle Inhalatoren wirken gleich und auch die Nebenwirkungen sind unterschiedlich, also haben wir es mit dem Wirkstoff Budesonid versucht. Wir haben uns davon Heilerfolge versprochen und die traten auch ein, und zwar rasant, in allen Altersgruppen.
Wäre es sinnvoll, sich den Spray auch vorbeugend zuzulegen, falls ein Selbsttest positiv ausfällt?
Nein, auf keinen Fall, weil er nur dann genommen werden soll, wenn der Patient eine Lungensymptomatik aufweist. Hinzu kommt, dass auch die Einnahme und der weitere Verlauf von einem Arzt beobachtet werden müssen. Für ein Selbst-Experiment eignet sich der Inhalator nicht.
Gab es Patienten, die dennoch ins Spital mussten?
Ja. Es haben sich ja viele Patienten erst im späteren Verlauf der Erkrankung bei uns gemeldet, als die Werte schon recht schlecht waren. Beziffern kann ich das nicht, weil ich bei der Masse an Patienten nicht alle nachverfolgen konnte.
Woher wussten Sie, dass der Inhalator mit dieser Substanz hilft?
Ich habe gesehen, dass Patienten, die andere Inhalatoren verwendeten, schwerere Verläufe hatten, aber dieser Inhalator auffällig gut gewirkt hat. Noch dazu so schnell und so deutlich. Das war extrem auffällig, dazu brauchte es gar keine scharfsinnige Beobachtung.
Hatten Sie je den Gedanken: Unglaublich, da habe ich Großartiges entdeckt?
Nein, den hatte ich in der Form nicht. Ich bin kein Genie oder super gescheit, aber ich hatte so viele Corona-
Dienste und demzufolge auch Erfahrung. Bis zum Ausbruch der Pandemie habe ich als Reha-Ärztin in Bad Ischl (OÖ) gearbeitet, also äußerst idyllisch. Als Ärzte für Corona-Hausbesuche gesucht wurden, habe ich mich gemeldet, weil in der Reha ohnehin wenig los war. Ich hatte das Gefühl, dass ich gebraucht werde und wollte etwas tun. Im vorigen Jahr habe ich meine Anstellung dort gekündigt.
Was genau haben Sie dann getan?
Ich habe seither etwa 1.300 Dienststunden als Corona-Notdienstärztin geleistet, oft mit einer 100-Stunden-Woche. Im gesamten Dezember hatte ich drei Tage frei. Weihnachten oder Silvester gab es für mich nicht. Dafür konnte ich extrem viel Erfahrung mit dem Krankheitsbild sammeln, inklusive der Wirkung des Inhalators.
Haben Sie je überlegt, darüber eine Studie anzufertigen?
Ich hätte das gerne gemacht, es war aber nicht möglich. Dazu hatte ich einfach keine Zeit. Bei mir haben am Höhepunkt pro Zwölf-Stunden-Dienst mehr als 50 Menschen angerufen. Oft hat es mir das Herz zerrissen, weil ich nicht zu jedem hinfahren konnte. Ich habe die Menschen am Telefon Stufen steigen lassen, um herauszufinden, wer mich dringender braucht. Außerdem habe ich für so eine Studie gar keine Infrastruktur. An der jüngst veröffentlichten Oxford-Studie, von der jetzt alle reden, wurde seit Sommer gearbeitet, und zwar nur mit 73 Patienten.
Wie oft wurde das Medikament bei uns eingesetzt?
Ein Zigfaches von der Anzahl der in der Studie behandelten Patienten.
Fühlen Sie sich zu wenig gehört?
Ja, eindeutig. Allerdings geht in den sozialen Netzwerken die Post ab. Ich arbeite derzeit als Vertretungsärztin und kann nicht sagen, in welcher Ordination, weil bei mir sonst die Hölle los wäre. Aber weder von Seiten der Politik, der Forschung oder von der Krankenkasse hat sich jemand bei mir gemeldet. Also niemand von denen, die jetzt aktiv werden sollten.
Wie fühlen Sie sich dabei?
Ich schwanke zwischen Frustration und Resignation. Als gelernte Österreicherin mache ich mir aber wenig Hoffnung, dass hier endlich etwas passiert.
Was meinen Sie, woran es liegt, dass sich niemand der Verantwortlichen bei Ihnen meldet?
Da kann ich nur spekulieren. Vielleicht, weil ich „nur“ eine junge Allgemeinmedizinerin bin.
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