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Ausgabe Nr. 15/2021 vom 13.04.2021, Foto: instagram
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In Kurzfilmen klärt sie über das Sexualverhalten von Tieren, wie etwa der Schnecke, auf.
Unser schönes Landleben
„Bei mir gibt es alte Gemüsesorten und eigenen Honig“. Der eigene Garten ist ein Ort der Erholung. Einige nutzen ihn auch, um Gemüse und Obst anzubauen oder Tiere zu halten. Wir zeigen, welche prominenten Menschen sich selbst versorgen und wo Tiere zur Familie gehören. Isabella Rossellini baut auf ihrem Bauernhof alte Gemüsesorten an, schleudert Honig und züchtet vom Aussterben bedrohte Tiere.
Wäre ich eine Schnecke, hätte ich einen großen schleimigen Fuß. Ich würde meinen Körper verbiegen, damit ich in mein Haus passe. Mein Hinterteil wäre dann über meinem Kopf. Wenn ich mich entleeren muss, dann läuft alles in mein Gesicht“, sagt Isabella Rossellini, während sie in einem Schnecken-Kostüm steckt.
Die 68jährige italienische Schauspielerin hat sich als Schnecke verkleidet, um dem Zuseher näherzubringen, wie sich das Tier fortpflanzt. „Ich kann Liebespfeile herstellen. Damit füge ich meinem Partner vor der Paarung Schmerzen zu. Das macht mich an“, nimmt sich Rossellini kein Blatt vor den Mund.

Die Italienerin war einst in erotischen Szenen auf der Leinwand zu sehen. Nun filmt sie verführerische Kurzfilme über das Sexualverhalten einiger Tiere. Dafür schlüpft sie in hautenge Ganzkörperkostüme. In zwei Minuten erklärt sie ohne Scham, wie sich Tierarten vermehren.
„Die bizarren und anrüchigen Sexualpraktiken von Insekten und Weichtieren haben mich schon immer fasziniert. Die Ritterwanze vollzieht den Liebesakt 24 Stunden
lang, bei den Bienen stirbt die männliche Drohne nach der Paarung, viele Spinnen-Weibchen fressen ihre Liebhaber auf und Glühwürmchen beleuchten den Weg zum Glück“, sagt Rossellini, die sich auch als Regenwurm, Libelle und Gottesanbeterin verkleidete.
Die Filme entstehen alle auf ihrem Bauernhof. Die Schauspielerin hat ihren Wohnsitz vor Jahren auf das Land verlegt. „Mein Sohn Roberto wollte das. Er ging damals noch in der Stadt New York in den USA in die Schule. Der Trubel wurde ihm zuviel, weshalb wir umgezogen sind“, erzählt die Schauspielerin.

Genug Platz für Hühner, Schafe, Enten und Ziegen
Ihr neues Heim fand sie auf Long Island, einer ausgedehnten Insel im Südosten des US-Bundesstaates New York. „Eine Organisation arbeitete damals daran, alte Höfe und das dazugehörige Land zu erhalten. Mit deren Hilfe kaufte ich ein Bauernhaus und baute es um. Bald darauf zogen Hühner, Schafe, Enten, Ziegen, Bienen, Katzen und Hunde ein. Ich züchte vom Aussterben bedrohte Hühner. Auf meinem Hof laufen 120 Hennen herum.“
Ihr Sohn Roberto Rossellini, 29, wohnt heute nicht mehr bei ihr. Er arbeitet als Fotomodell und besucht seine Mutter regelmäßig. Ihre Tochter Elettra Wiedemann, 37, eine Gastro-Journalistin, lebt mit ihrem dreijährigen Sohn in der Nähe. Sie hilft ihrer Mutter bei der Landarbeit.
„Unser Bauernhof ist betont weiblich“, erklärt Rossellini. „Die meisten unserer Schafe sind weiblich. Ich bin selbst Mama und meine Tochter auch. Jeden Tag besuchen uns viele andere Mütter. Wir sind ein Frauenkollektiv mit Tieren, Pflanzen und Blumen.“

Die Italienerin studierte sogar Verhaltensbiologie, um ihre tierischen Bewohner besser zu verstehen. „Als ich zum ersten Mal ein Huhn in den Garten setzte, blieben die Schweine und Ziegen stehen. Der Ausdruck der Überraschung war bei ihnen der gleiche wie bei uns Menschen. Wer überrascht ist, hält inne. Die Ziege blieb stehen und schaute mit großen Augen hin, als ich das Huhn aus dem Käfig ließ. Diese Art von Gefühlsregung teilen wir Menschen mit den Tieren“, ist Rossellini überzeugt.
Den Wunsch, mit Tieren zu arbeiten, hatte sie schon als Jugendliche. „An meinem 14. Geburtstag schenkte mir mein Vater ein Buch über Konrad Lorenz, der als ,Vater der Graugänse‘ berühmt geworden ist. Mir war klar, dass ich Biologin oder Zoologin werden wollte“, erzählt Rossellini.
Es vergingen dann aber Jahrzehnte, bis sie ihren eigenen kleinen Bauernhof hatte. Statt sich den Tieren zu widmen, zog sie mit 18 Jahren nach New York und arbeitete als Journalistin für das Fernsehen. „Dem Schauspielen blieb ich zunächst fern, weil ich fürchtete, nie so gut zu werden wie meine Mutter.“

Rossellinis Mama war die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman († 67), der mit „Casablanca“ der Durchbruch gelang. Ihr Vater war der italienische Regisseur Roberto Rossellini († 71). Ihre Eltern verliebten sich während der Dreharbeiten zu „Stromboli“. Als Ingrid Bergman schwanger wurde, war das ein Skandal. Denn sowohl Bergman als auch Rossellini waren vergeben. Sie ließen sich von ihren Partnern scheiden und heirateten drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Renato, Isabellas drei Jahre älterem Bruder.

Das Schicksal ihrer Mutter ereilte auch sie
Die Gunst des Publikums hatten die Ehebrecher verloren. Sie flohen nach Rom (Italien), wo ihre Zwillinge Isabella und Isotta zur Welt kamen. Bergman brachte noch ihre Tochter Pia Lindström, 82, in die Ehe mit und Rossellini seinen Sohn Renzo, 79. „Wir Kinder hatten eine verwirrende Jugend. Wir lebten in New York, Rom (I) und Paris (F) in Hotels und hatten ständig wechselnde Kindermädchen“, berichtet Rossellini.
Turbulent war auch ihr eigenes Eheleben. Sie verliebte sich im Alter von 26 Jahren in den zehn Jahre älteren Filmdirektor Martin Scorsese. Er öffnete ihr die Türen für eine Karriere als Fotomodell.
Die Ehe hielt nur drei Jahre und es wiederholte sich die Geschichte ihrer Mutter. Plötzlich trug Isabella Rossellini ein Baby unter dem Herzen, das nicht von ihrem Mann stammte. Der Erzeuger ihrer Tochter Elettra war Jonathan Wiedemann. Er wurde ihr zweiter Mann. Auch diese Ehe scheiterte, als sie den Regisseur David Lynch, 75, kennenlernte.

Die Beziehung mit Lynch endete im Jahr 1991. „Auf einmal wurden meine Aufträge spärlicher. Ich nutzte die Zeit, um meinen afro-amerikanischen Sohn Roberto zu adoptieren. Ich entwarf zudem eine eigene Kosmetiklinie, schrieb Bücher und studierte Tierverhalten.“
Ein Mann kommt Rossellini nicht mehr ins Haus. „Ich möchte nicht mehr heiraten. Männer bereiten mir zu viel Arbeit. Ich widme mich lieber meinen Tieren und meinem Gemüse“, scherzt die Italienerin.
In ihrem Garten baut sie alte Gemüsesorten an. „Die Paradeiser, Erdäpfel, den Spargel und den Spinat gibt es in keinem Supermarkt zu kaufen. Der Geschmack meiner Karotten, die zwei Minuten vor dem Verspeisen noch in der Erde waren, ist unbeschreiblich“, sagt Rossellini.
Das Gemüse wird biologisch angebaut. Vieles von dem, was ihre Hände schaffen, verschenkt sie an 80 arme Familien in der Umgebung. „Zu mir kommen auch regelmäßig Schulklassen. Sie erleben, woher die Zutaten kommen, mit denen sie kochen lernen.“

Ihre Bienen versorgen Rossellini mit Honig
Im hintersten Eck ihres Gartens summt es in den Bienenstöcken. „Bienen sind wundersame Geschöpfe. Sie bilden eine Gemeinschaft, um zu überleben. Einen Teil ihres Honigs behalte ich für mich. Ich nehme ihnen aber nicht alles weg, das wäre unverantwortlich“, sagt Rossellini.
Die 68jährige schwingt auch selbst gerne den Kochlöffel. „Meine Mutter hat nie gekocht. Ihr Lieblingswort war Zimmerservice“, schmunzelt Rossellini, die auch Fleisch isst. „Mir schmeckt auch Geflügel, nur meine eigenen Hühner esse ich nicht. Ich verspeise kein Tier, das ich kannte.“
Bis heute bereut sie es nicht, dem Filmgeschäft den Rücken gekehrt zu haben, um sich dem Landleben zu widmen. „Ich habe festgestellt, dass sich viele Menschen später im Leben weniger darum scheren, was andere denken. Ich fand es immer schon unglaublich erfüllend, der eigenen Neugier nachzugehen und abenteuerlustig zu sein. Mit dem Alter kommt die Freiheit.“
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