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Ausgabe Nr. 13/2021 vom 30.03.2021, Foto: megaflopp - stock.adobe.com
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Verstärkte Müdigkeit, mehr Herzinfarkte
und Verkehrsunfälle.
„Die Zeitumstellung bringt nur Nachteile“
Müde, unkonzentriert und gereizt. Die Beschwerden durch die verlorene Stunde nach der Umstellung auf die „Sommerzeit“ können sich aufgrund der bereits bestehenden Corona-Müdigkeit heuer stärker bemerkbar machen. Experten verraten, welche Gefahren drohen und worauf Betroffene jetzt besonders achten sollten.
Es ist keine Einbildung und auch keine Empfindlichkeit wie die einer „Prinzessin auf der Erbse“. Die jährlich zwei Mal stattfindende Uhrenumstellung von Normal- auf Sommerzeit (und umgekehrt) hinterlässt bei jedem Vierten gesundheitliche oder psychische Spuren. Das hat eine Umfrage einer deutschen Krankenkasse (DAK) im Jahr 2019 gezeigt.

Prof. Dr. Stefan Seidel, Facharzt für Neurologie, Leiter des Spezialbereiches Schlaf der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien überrascht das nicht. „Wir wissen, dass der kurzfristig damit verbundene Schlafmangel in der Woche nach der Zeitumstellung zu einer etwas erhöhten Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten führt. Auch die Rate an Verkehrsunfällen nimmt kurzfristig zu. Es handelt sich dabei um einen Mini-Jetlag, der aber bei den allermeisten zu keinen langfristigen negativen Auswirkungen führt.“

In jeder Körperzelle arbeiten viele "Uhren"
Jüngere Menschen reagieren deutlicher auf den durch die Zeitumstellung ausgelösten Schlafmangel und spüren mehr Tagesmüdigkeit als ältere Menschen. Für Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser von der Med-Uni Graz, Biologe und Experte auf dem Gebiet der Chronobiologie (= zeitliche Organisation von biologischen Systemen) steht eines fest, die Zeit-Umstellung bringt leider kaum Vorteile, aber durchaus Nachteile.
„In jeder Körperzelle arbeiten viele biologische Uhren, die sich jeden Tag neu synchronisieren. Für die Erhaltung unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens sind diese Uhren von höchster Bedeutung. Störungen sind daher nicht besonders intelligent, wenn sie so unnötig sind wie die Sommerzeit. Es gibt auch keinen Chronobiologen, der sich für eine Zeitumstellung ausspricht“, verrät Prof. Moser und betont, dass der Mensch zu wenig bedenkt, wie fein abgestimmt die Vorgänge im gesamten Organismus sind. „Unser Körper ist normalerweise auf die Tageszeit genau abgestimmt. Alle Hormone werden angepasst an die jeweilige Notwendigkeit, besonders das Schlafhormon Melatonin, das nachts äußerst aktiv ist und das Immunsystem unterstützt, sowie das Kortisol, das in der Früh aktiv wird. Durch den Zeitumstellungs-Jetlag stimmen die Hormonzeiten nicht mehr ganz überein und unser Organismus neigt dazu, außer Tritt zu kommen, was sich als Müdigkeit äußert.“ Das Gehirn erholt sich von dieser Verschiebung relativ rasch, doch Nieren und Leber sind da deutlich langsamer und benötigen einige Tage, um sich wieder anzupassen.

"Lerchen" macht die Umstellung mehr zu schaffen
Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Krise, ist das nicht unproblematisch. Die Zeitumstellung bedeutet für viele eine zusätzliche Belastung. Vor allem Schlafprobleme beklagen immer mehr Menschen. Frühaufsteher, sogenannte „Lerchen“, spüren dies unter Umständen stärker als die Spätaufsteher, die „Eulen“. Prof. Maximilian Moser weiß, warum.

„,Lerchen‘ zeigen zwar in der Früh ein zeitiges Spontanerwachen, sind aber Zeitumstellungen jeglicher Art besonders abgeneigt. Ihr Organismus ist auf Regelmäßigkeit angelegt und kommt mit Umstellungen, wie bei Nacht- und Schichtarbeit, ganz schlecht zurecht. ,Eulen‘, die Abendmenschen, tun sich zwar schwer mit dem Frühaufstehen, aber ertragen Schichtwechsel leichter. Warum die ,Lerchen‘ früher aufwachen, wissen wir noch nicht, möglicherweise drehen ihre Uhren wirklich schneller.“
Die Umstellung auf die Sommerzeit wirkt wie ein kleiner Jetlag, vergleichbar mit einem Flug von Wien nach Moskau. Damit die körperliche und psychische Belastung durch die „fehlende Stunde“ Schlaf möglichst rasch verschwindet, empfiehlt Prof. Maximilian Moser das „Mitleben mit der neuen Zeit. So erreichen wir am schnellsten die Umstellung der eigenen Körperrhythmik auf die neue Zeit.“

Die besten Mittel gegen psychisch bedingte Schlafstörungen
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus mit sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht.
  • Eventuell ein warmes Bad vor dem Schlafengehen.
  • Kräftiges Frühstück und/oder kaltes Duschen in der Früh.
  • Nicht zurückblicken auf die vergangene Zeit.
  • Konsumieren Sie ausreichend Tageslicht, vor allem in der Früh.
  • Regelmäßig Mahlzeiten essen.
  • Körperlich, sportlich aktiv sein.
  • Im Falle von psychischen/psychiatrischen Erkrankungen wie einer Depression ist ärztliche Hilfe empfohlen.
Buchtipps: Maximilian Moser: „Vom richtigen Umgang mit der Zeit, von der heilenden Kraft der Chronobiologie“, Ullstein-Allegria, ISBN: 978-3-7934-2323-2, ca. € 10,–;
Stefan Seidel: „Der Schlaf“, Manz Verlag, ISBN: 978-3214185480, € 24,–.
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