Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 12/2021 vom 23.03.2021, Fotos: David Parry / PA Wire, Eat Just
Artikel-Bild
Rinder und Schweine werden nicht mehr benötigt. Mark Post und sein künstliches Fleisch-laberl.
Fleisch aus dem Labor
Das Schnitzel aus dem Labor ist keine Zukunftsvision mehr. In einem Restaurant in Singapur steht künstlich hergestelltes Hühnerfleisch bereits auf der Speisekarte. Internationale Konzerne nehmen längst die Massenherstellung ins Visier.
Stellen Sie sich vor, Sie beißen genüsslich in ein Fleischlaberl und das Rind steht noch auf der Wiese“, heißt es auf der Internetseite des Lebensmittel-Handelskonzerns Rewe. Und weiters, „die Züchtung von Fleisch im Labor ist zwar noch nicht massentauglich, doch die Entwicklung schreitet in schnellen Schritten voran.“
Bereits serviert wird „es“ in Singapur. In diesem asiatischen Stadtstaat darf das amerikanische Unternehmen „Eat Just“ seit Dezember synthetisches Fleisch verkaufen. Es handelt sich um Hühnerfleisch in Form von „Chicken Nuggets“. Die Testesser im Restaurant „1880“, in dem es angeboten wird, wollen keinen Unterschied bemerkt haben. Vier Nuggets kosten rund 19 Euro, etwa fünf Mal so viel wie bei uns üblich. Künftig wird es deutlich billiger werden.

Kunstfleisch gegen die Klimakrise
Für die Produktion von Kunstfleisch wird einem lebenden Tier Muskelgewebe entnommen, aus dem Stammzellen gewonnen werden. Daraus wird mithilfe eines Wachstumsserums in einem Bioreaktor Fleisch gezüchtet. Manchmal stammt das Wachstumsserum noch von ungeborenen Kälbern, die sterben müssen, meist wird aber bereits ein pflanzliches Serum verwendet.
Die Forschung zu „In vitro“-Fleisch, lateinisch für im (Reagenz)-Glas, begann Anfang dieses Jahrhunderts, als die amerikanische Raumfahrtbehörde „NASA“ andachte, Fleisch für Weltraummissionen zu produzieren. Mittlerweile gehen Zukunftsforscher davon aus, dass wir auch daheim einen Bioreaktor haben werden. Vergleichbar mit einer Mikrowelle, in dem Fleisch über Nacht wächst.
„Eklig“ finden das die einen, andere sehen eine Lösung für die Ernährung der Weltbevölkerung und den Klimawandel. Derzeit gibt es 7,8 Milliarden Menschen, bis zum Jahr 2050 werden es rund zehn Milliarden sein. Der Fleischverbrauch soll um 70 Prozent ansteigen, da die Kaufkraft in Afrika und Asien stark wächst.

Für Tierschützer ist das ein Horror-Szenario. „Bereits jetzt werden pro Jahr 74 Milliarden Tiere getötet, oft unter unglaublichem Leid“, weiß die Direktorin der Tierschutzorganisation Vier Pfoten, Eva Rosenberg. Auch das Klima leidet. „Die Herstellung tierischer Produkte verursacht 15 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen.“ Vor allem die Rinderzucht gilt wegen des Methanausstoßes der Tiere als problematisch. Methangas gilt als 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2). Rosenberg begrüßt daher die Forschung an Kunstfleisch, „zumal Tierleid vermieden und die Umwelt geschont werden könnte“.
Amerikanische Forscher haben errechnet, dass Kunstfleisch zehn Prozent der globalen Treibhausgase einsparen könnte, da es weniger Massentierhaltung geben würde. Auch müssten viele Wälder nicht für Weideflächen oder den Anbau von Tierfutter gerodet werden. Das käme ebenfalls dem Klima zugute.

"Fleisch muss Fleisch bleiben"
Die Expertin der Umweltschutzorganisation Global 2000, Dagmar Gordon, sieht Kunstfleisch als „gangbaren Weg“ für viele Konsumenten in Zukunft, ist aber überzeugt, „Noch besser als mit Ersatz-Produkten werden wir die Menschheit mit pflanzlichen Lebensmitteln ernähren.“
Auch die Landwirtschafts-Expertin von Greenpeace, Anna Regelsberger, gibt sich zurückhaltend. „Bislang ist wenig über die Auswirkungen von ‚In vitro‘-Fleisch auf die Umwelt und die Gesundheit bekannt. Statt auf Fleisch aus dem Reagenzglas zu warten, sollten wir weniger Fleisch essen. Die Menschen bei uns essen drei Mal so viel, wie gesund wäre.“ Jährlich landen bei uns pro Kopf 63 Kilo auf dem Teller, 36 davon vom Schwein.

Ein Labor-Schweinsschnitzel wäre für den Direktor des Niederösterreichischen Bauernbundes, Paul Nemecek, jedoch unter jeder Sau. „Fleisch muss Fleisch bleiben. Alles andere ist ein Betrug am Konsumenten.“ Besonders sauer stößt ihm auf, dass die EU die Entwicklung des „Frankenstein-Schnitzels“ fördert.
Kritik übt auch Georg Jochum, Lebensmittelexperte der Landwirtschaftskammer. „Bis jetzt werden nur
faserige Fetzerl zustande gebracht, die weit von Fleisch entfernt sind. Man probiert, sie zu verweben, damit
sie eine Fleischstruktur kriegen. So lässt sich aber noch kein Steak machen“ sagt Jochum. Er ist sicher, „dass sich Kunstfleisch, wenn überhaupt, nur in asiatischen Ballungsräumen durchsetzen wird. In Europa wird auf das Traditionelle Wert gelegt. Außerdem sind die Europäer heikel.“

"Hamburger" um eine Viertelmillion Euro
Auch der erste „Labor-Hamburger“ kam nur mäßig an. Er wurde 2013 vom niederländischen Pharmakologen Mark Post serviert. Die Entwicklung verschlang rund eine Viertelmillion Euro und dauerte Jahre. Bis er binnen Minuten von Test-Essern verspeist wurde. Deren Fazit war, „es schmeckt wie Fleisch, nur etwas trocken.“ Daher züchtet Posts Firma „Mosa Meat“ neben Muskelzellen auch Fettzellen, damit das Labor-Fleischlaberl zarter wird. „Wir wollen geschmacklich und preislich mit echtem Rindfleisch mithalten“, sagt Post.
Derzeit heißt es aber warten. „Der Regulierungsprozess in Europa für neuartige Lebensmittel dauert eineinhalb bis zwei Jahre. Wir sind bereit, diesen Prozess bald zu beginnen.“

74 Milliarden Tiere werden pro Jahr geschlachtet
  • Der weltweite Fleischkonsum hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf 320 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt.
  • Bis 2050 könnte er noch einmal um 70 Prozent ansteigen.
  • 74 Milliarden Tiere werden pro Jahr geschlachtet, rund 100 Millionen davon hierzulande.
  • Die Produktion tierischer Produkte verursacht geschätzt 15 Prozent bis ein Drittel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen.
  • Zudem erfordert sie 70 Prozent der weltweiten Wassernutzung. Bereits für ein Kilo Rindfleisch werden bis zu 15.000 Liter Wasser benötigt.
  • Außerdem geht etwa ein Drittel der weltweiten Landfläche drauf, etwa 50 Millionen Quadratkilometer. Das ist mehr als die Fläche von Asien.
Quelle: Global 2000, Greenpeace, Vier Pfoten.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung