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Ausgabe Nr. 11/2021 vom 16.03.2021, Foto: Maarten de Boer/thelicensingproject.com
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William Shatner gibt auch mit 90 nicht klein bei.
„Ich rührte Menschen zu
Tränen und bekam Beifall“
Viele Lichtjahre von der Erde entfernt steuerte William Shatner das „Raumschiff Enterprise“ durch fremde Galaxien. Heute ist der Kanadier fest auf dem Erdboden verankert und geht mit einer eigenen Serie dem Übernatürlichen nach. Jetzt wird er 90 Jahre alt, hat Angst vor Corona und ein bewegtes Leben hinter sich. Er hat etliche Ehe-Dramen überstanden. Seine Selbstmord-Gedanken hat er zum Glück nie in die Tat umgesetzt.
Je älter ich werde, desto mehr genieße ich das Leben“, sagt William Shatner. Sein hohes Alter bremst den Jubilar nicht, er treibt regelmäßig Sport und stemmt sogar Gewichte.
Jedoch hat der Mime große Angst vor Corona. Im vergangenen Jahr begab er sich freiwillig in Quarantäne, um nicht zu erkranken. Die unendlichen Weiten des Weltalls, in denen er als „Captain Kirk“ zahlreiche Weltraumschlachten bestritt, liefen nun in seinem Haus in Beverly Hills (USA) zusammen. „Mir könnte hier bald die Schokolade ausgehen“, scherzte er in sozialen Netzwerken. Beistand leisteten ihm seine „Abgesandten“, das sind seine beiden Hunde „Espresso“ und „Machiato“, die für ihn „fremde Welten“ wie sein „Unterbett“ erkundeten, wo sie ihm fehlende Socken aufstöberten.

Mittlerweile ist Shatner wieder im echten Leben gelandet. Auch vor der Kamera steht der charismatische Schauspieler noch, der im Jahr 2005 einen „Emmy“ für seine Rolle als Anwalt in der Serie „Boston Legal“ erhielt. Seine große Leidenschaft ist das Übernatürliche. Seit 2019 moderiert er die Serie „The UnXplained“, deutsch „Das Unerklärbare“, die sich etwa mit dem Jenseits beschäftigt. Sie ist im Internet auf Amazon Prime zu sehen.
Bis zum „Hollywood-Star“ war es aber ein langer Weg. Geboren wurde der kanadische Schauspieler am 22. März 1931 in der Millionenstadt Montreal als Sohn osteuropäischer, jüdischer Einwanderer. Wurzeln hat er auch in unserem Land. Seine Großeltern mütterlicherseits waren jüdische Emigranten aus Österreich und Litauen.

"Captain Kirk" war neidisch auf "Spock"
Die Schauspielerei faszinierte den Burschen schon früh. „Als ich sechs Jahre alt war, steckten mich meine Eltern in ein Sommerferienlager, weil sie kein Geld für Urlaubsreisen hatten“, erzählt er. Dort spielte er in einem Theaterstück einen Burschen, der vor den Nazionalsozialisten fliehen und seinem Hund Lebewohl sagen musste. „Ich habe geweint, das Publikum hat geweint, alle haben geweint“, erzählt er. „Mir wurde bewusst, ich konnte Menschen zu Tränen rühren und bekam Beifall dafür.“
Nach der Schule studierte er Betriebswirtschaft. „Jedoch verbrachte ich mehr Zeit in der Theatergruppe als im Unterricht. Ich schaffte Prüfungen nur, weil ich mir Notizen auf die Hand kritzelte.“ Zudem verdiente er sich als Radiosprecher ein kleines Zubrot. „‚Bleiben Sie dran für unsere nächste Sendung.‘ Das war ich“, erzählt er
lachend.

Nach dem Studium bekam Shatner eine Anstellung als Theaterassistent. „Ich war schrecklich unbegabt, verlor Eintrittskarten und brachte Platzreservierungen durcheinander. Um das Theater zu retten, enthoben Sie mich meines Postens, dafür durfte ich auf der Bühne stehen.“
Filmproduzenten wurden auf Shatner aufmerksam und er bekam erste Rollen. Der Durchbruch gelang jedoch erst mit der Fernsehserie „Star Trek“, bei uns „Raumschiff Enterprise“. Als sie in den Vereinigten Staaten im Jahr 1966 das erste Mal ausgestrahlt wurde, war sie aber noch kein großer Erfolg. „Die Menschen waren es wohl nicht gewohnt, Weltraum-Geschichten auf dem kleinen Fernsehschirm zu sehen.“ Erst als die Serie nach der Mondlandung (1969) im Hauptabendprogramm noch einmal lief, wurde sie ein Hit. Bis heute sind die 79 „Raumschiff Enterprise“-Folgen rund um „Captain Kirk“, Shatner, und dem Halbvulkanier mit den spitzen Ohren, Leonard Nimoy († 2015), Kult. Auch auf der Kinoleinwand reisten sie durch fremde Galaxien. Anhänger-Artikel wie T-Shirts und Figuren verkauften sich millionenfach.

Hinter den Kulissen herrschte jedoch Eiszeit. Denn Nimoy stahl Shatner die Schau. „Ich sollte der ‚Star‘ der Serie sein, aber Leonard bekam viel mehr Aufmerksamkeit als ich. Das hat mich geärgert“, gesteht Shatner. Später rauften sie sich zusammen und wurden beste Freunde. Bis die Freundschaft einige Jahre vor Nimoys Tod in die Brüche ging. „Ich weiß nicht genau, wie unsere Freundschaft zerbrach, aber für mich steht fest, ich habe ihn geliebt wie einen Bruder.“

Shatners dritte Ehefrau ertrank im Schwimmbecken
Geliebt hat er auch die Frauen. Von 1956 bis 1969 war er mit der Schauspielern Gloria Rand, 87, verheiratet.
„Die Scheidung kostete mich alles“, erzählt er, doch es ging wieder bergauf. Seine drei Töchter aus der Ehe, Leslie Carol, 62, Lisabeth, 59, und Melanie Shatner, 56, von denen die zwei Jüngeren ebenfalls vor der Kamera stehen, liebe er über alles, sagt William Shatner.
Danach war er bis Mitte der Neunziger mit seiner Schauspiel-Kollegin Marcy Lafferty, 74, verheiratet. Seine dritte Ehe endete jedoch tragisch. Nerine Kidd ertrank 1999, zwei Jahre nach ihrer Hochzeit, im Schwimmbecken ihres Hauses. „Ich fand sie auf der Wasseroberfläche treibend“, erinnert sich Shatner an seinen schrecklichsten Moment. In Kidds Blut wurden das Beruhigungsmittel Valium sowie Alkohol gefunden. „Sie war Alkoholikerin und depressiv. Ich war zuvor sicher, sie retten zu können. Ich glaubte, dass meine und ihre Liebe stärker als ihre Sucht wären. Doch ich hatte sie nicht retten können, ich hatte versagt.“ Shatner fühlte sich von „Trauer förmlich zerrissen, völlig verloren“ und dachte daran, sich das Leben zu nehmen.
Trost fand er jedoch bei seinem größten Hobby, dem Reiten. In Kalifornien ist er erfolgreich als Pferdezüchter aktiv. Seine Leidenschaft teilte er mit Ehefrau Nummer vier, der Pferdetrainerin Elizabeth Anderson Martin. 2019 reichte er nach 18 Jahren jedoch die Scheidung ein, die für Verwunderung sorgte. Denn Zankapfel waren neben Shatners Pferden auch seine Vorräte an Pferdesperma, die er für die Zucht braucht. Schlussendlich durfte er es aber behalten.

Im Jahr 2016 musste er zudem mit der niederschmetternden Diagnose Prostatakrebs fertig werden. „Ein Arzt erklärte mir, dass ich sterben würde.“ Doch Resignieren kam für ihn nicht in Frage. „Mein Terminplan war viel zu voll, als dass ich Zeit für den Tod gehabt hätte“, scherzt er, zumal sich die Krebserkrankung ohnehin als Fehldiagnose herausstellte.
Sorgen macht sich Shatner dafür um die Umwelt. „Die Welt ist in schlechter Form. Unsere Kinder und Enkerl stecken wegen des Klimawandels tief in der Scheiße. Wenn nichts geschieht, wird die Welt in 50 Jahren ein anderer Ort sein, als sie es jetzt ist.“

Oberste Priorität hat für Shatner seine Familie. „Sie ist für mich der wahre und einzige Bereich im Leben.“ Sein Dasein als Großvater genießt er besonders. „Ich sehe meine Enkelkinder häufig. Gemeinsam fahren wir gerne mit unseren Elektro-Fahrrädern. Das ist eine wundervolle Sache. Wenn ich nicht mehr mithalten kann, schalte ich einfach den Elektro-Motor ein“, erzählt er lachend.
Mit dem Älterwerden hat Shatner keine Probleme. „Das Leben wird kostbarer. Ich genieße alles, was ich tue.“ Große Freude bereitet ihm das Singen. „Ich liebe Rock- und Blues-Lieder.“ Er brachte bereits mehrere Musik-Alben heraus, wie im Jahr 2020 „The Blues“, sowie etliche Science-Fiction-Romane.
Ab und zu passiert es, dass Menschen William Shatner auf der Straße sehen und zu ihm sagen, „Beam mich rauf, Scotty“. Wie in der guten alten „Raumschiff Enterprise“-Zeit. „Aber jedem, der das sagt, verpasse ich sofort einen Schlag auf die Nüsse“, sagt er und lacht.
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