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Ausgabe Nr. 10/2021 vom 09.03.2021, Foto: H_Ko - stock.adobe.com
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Der gezielte Einsatz der Hanfpflanze findet in der Schmerztherapie immer öfter Akzeptanz.
Diagnose Schmerz
Cannabis unterdrückt den Schmerz. Anhaltende oder wiederkehrende Schmerzattacken können Menschen in die Verzweiflung treiben. Im Therapieprogramm spezialisierter Schmerzärzte etablieren sich die (künstlich hergestellten) Wirkstoffe der Cannabis-Pflanze immer mehr. Vielen Patienten ermöglichen sie zu entspannen und am Leben teilzunehmen.
Standardmedikamente, die nicht stark genug sind, Therapien, die keine ausreichende Erleichterung bringen. Kommen Patienten mit chronischen Schmerzen an diesen Punkt, nützen spezialisierte Schmerzmediziner immer öfter die schmerzlindernden Eigenschaften von Hanf.
„Es gibt in der Hanfpflanze mehr als hundert Cannabinoide. Das sind Inhaltsstoffe, die in der medizinischen Praxis vor allem zur Schmerzlinderung verwendet werden. In unserem Land hat ein Mediziner die Möglichkeit, zwei davon zu verschreiben. Tetrahydrocannabinol, THC genannt, und Cannabidiol, CBD. Dabei könnte THC als die ‚starke Schwester‘ mit leichtem Suchtpotenzial, und CBD als ‚sanfter Bruder‘ bezeichnet werden, der keinen Effekt auf das Gehirn hat“, erklärt Dr. Martin Pinsger, Leiter des Schmerzkompetenzzentrums in Bad Vöslau
(NÖ, Tel.: 02252/76948) und Mit-Autor des Buches „Krankheit Schmerz. Endlich Hilfe für Patienten!“ (Ennsthaler).
Mit THC werden vor allem starke und stärkste chronifizierte Schmerzen gehemmt. „Durch die starke zentrale Wirkung sollte in der Medizin eine niedrig dosierte Gabe zum Schlucken bevorzugt werden“, rät Dr. Pinsger. Das sanftere CBD kommt meist bei entzündlichem Schmerz in mittlerer Dosierung zum Einsatz. „In hoher Dosierung wirkt CBD auch bei gewissen Gehirntumoren“, erklärt der Schmerzmediziner und rät bei Nervenerkrankungen, die mehrere Nerven betreffen (= Polyneuropathien) zum Versuch einer Therapie mit CBD-Salbe.

Der Schmerz ist nicht mehr so wichtig ...
Wundermittel sind THC und CBD, die es als Fix-Kombinationen und nach Rezept in Kaspeln oder Tropfen zubereitet gibt, natürlich nicht. Vielmehr eine Zusatzmedikation, die es immer wieder erlaubt, andere Schmerzmedikamente niedriger zu dosieren oder gar abzusetzen. „Cannabinoide wirken auf vielen Ebenen. Sie können die Schmerzen verringern. Sie verschaffen dem Patienten eine gewisse Distanz zum Schmerz. Sie rücken von ihm ab und erscheinen dem Patienten weniger wichtig, auch wenn die Beschwerden seit Jahren bestehen“, verrät der Schmerzarzt.
Cannabinoide entspannen, beruhigen selbst schwerst Geplagte, und sie verbessern den Schlaf. Dieser Erfolg stellt sich bei rund der Hälfte der Schmerzpatienten ein. „Um zu wissen, ob ein Patient zu dieser Gruppe gehört, muss er Cannabinoide ausprobieren. Dazu braucht es einen Arzt, der sein Handwerk versteht.“

Jedem Patienten sein eigenes Cannabis-Rezept
Neben der Wirkung werden vom kundigen Schmerzmediziner auch die Nebenwirkungen abgewogen. „THC fördert den Appetit, CBD kann ihn dagegen hemmen. CBD ist für das Herz gut verträglich, hemmt Angst und unterdrückt Psychosen. THC kann Psychosen auslösen und Herzrhythmusstörungen bewirken. In solchen Problemfällen ist eine Mischung von THC und CBD in einem gewissen Verhältnis interessant“, unterstreicht Dr. Pinsger die Wichtigkeit der gewissenhaften und individuellen Verschreibung von Cannabinoiden. Es sind nicht nur chronische Schmerzen, die durch Cannabinoide gelindert werden können. „Sie sind auch für die Behandlung mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose zugelassen, wenn die Patienten nicht ausreichend auf die üblicherweise verabreichten Medikamente ansprechen. Ein weiteres Fertigmedikament enthält das synthetische THC-Analog (,Nachahmepräparat‘) Nabilon und kommt bei Übelkeit und Erbrechen nach einer Krebs-Chemotherapie zum Einsatz. Der jüngste ,Zugang‘ ist ein CBD-Arzneimittel bei seltenen kindlichen Epilepsieformen.“
Das im freien Verkauf erhältliche „CBD-Öl“ („Extrakt“) und andere freie CBD-Produkte sind jedoch keine Alternative, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft. „Der in Europa erlaubte Industriehanf enthält nicht mehr als etwa zwei Prozent CBD und maximal 0,2 Prozent THC. Das ist viel zu wenig, um therapeutisch wirksam zu sein. Daher können solche Extrakte kein Ersatz für verschreibungspflichtige Cannabinoid-Medikamente sein.“

Die Österreichische Schmerzgesellschaft informiert:
1090 Wien, Liechtensteinstraße 46a, Tel.: 0316/208 218
  • Überblick über Einrichtungen bei chronischen Schmerzen im Internet: www.oesg.at, Menüpunkt „Schmerzeinrichtungen“.
  • Kostenlose interaktive Online-Schulung für Schmerzpatienten. Texte, Video-Interviews mit Schmerzmedizinern, Animationen und Checklisten sowie fundierte Information. Ohne Anmeldung im Internet unter: https://selpers.com/schmerzen-erfolgreich-bewaeltigen.
Dr. Karl Wohak
Ärztlicher Direktor, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Klinik Diakonissen Schladming GmbH,
Tel.: 03687/2020–2500, www.schladming.diakonissen.at

„Cannabinoide sind nie eine Einzeltherapie“
Für welche Arten von chronischen Schmerzen eignen sich Cannabinoide?
Cannabinoide werden bei Schmerzen angewendet, wo die standardmäßige Behandlung ausgeschöpft wurde. Sie sind nie eine Einzeltherapie, sondern immer in Kombination verordnet. Zugelassen sind sie bei Nervenschmerzen, Schmerzen durch Spastik wie bei Multiple Sklerose, nach Schlaganfällen und Tumorschmerzen.
Es heißt, Cannabinoide machen eine Distanz zum Schmerz. Was ist darunter zu verstehen?
Dies trifft nur für THC auf Grund seiner Wirksamkeit im Gehirn zu. Tatsächlich ist der reine schmerzlindernde Effekt oft überschaubar. Erst in Kombination mit einer besseren Akzeptanz des Schmerzes, der Muskelentspannung und einer verbesserten Schlafqualität ergibt sich für den Patienten eine bessere Lebensqualität.
Es gibt THC und CBD. Macht eines davon süchtig?
Die Gewöhnung an den psychisch positiv stimulierenden Effekt kann nur bei THC auftreten. Dessen Rezeptoren liegen im Gehirn und Nervensystem. Es entsteht eine Gewöhnung, eine Sucht ist das aber nicht.
Können CBD und THC längere Zeit genommen werden?
Ärztliche Verordnung und Kontrolle vorausgesetzt, können sie über lange Zeit genommen werden.
Welcher Arzt darf Cannabinoide verschreiben?
Jeder, der zur Ausstellung eines Rezeptes berechtigt ist. Auf Grund der hohen Kosten wird seitens der Krankenversicherungen auf eine fundierte und kontrollierte Verschreibung geachtet, Stichwort Chefarztpflicht. Daher sollten die Verordnung und Therapie durch einen erfahrenen Arzt erfolgen. Dies erleichtert oft deutlich die Kostenübernahme durch die Versicherung.
Wohin wende ich mich als Schmerzpatient, wenn ich Cannabinoide probieren möchte?
Das Erstgespräch sollte mit Ärzten erfolgen, die Erfahrung in der Cannabis-Therapie haben. Eine kompetente Betreuung erfolgt in allen Schmerzambulanzen sowie ausgewiesenen Schmerzordinationen.
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