Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 07/2021 vom 16.02.2021, Foto: Maksym Yemelyanov - stock.adobe.com
Artikel-Bild
Reisebüros müssen offenhalten, obwohl niemand fortfahren darf.
„Die Menschen wollen weg“
Reisebüros müssen während des „Lockdowns“ offenhalten, obwohl das Fortfahren ins Ausland vom Gesundheitsministerium untersagt ist. Einen Umsatzersatz gibt es für die Reisebranche aber nicht, weil sie weiterhin ihrer Geschäftstätigkeit nachgehen kann, auch wenn es derzeit nichts zum Verkaufen gibt. Gerhard Bajer, der ein Reisebüro betreibt, wünscht sich mehr Unterstützung von der Wirtschaftskammer.
Es ist eine verzwickte Situation. Ein Urlaub im Ausland ist während des „Lockdowns“ laut Gesundheitsministerium verboten. „Das Verlassen des eigenen privaten Wohnbereiches ist nur zu neun bestimmten Zwecken erlaubt. Ein Urlaub mit Hotelübernachtung gehört nicht dazu“, heißt es seitens des Ministeriums.
Trotzdem müssen Reisebüros offenhalten, obwohl sie eigentlich nichts verkaufen können, weil niemand fortfahren darf. „Es gibt für uns keinen Umsatzersatz wie in anderen Branchen. Da wir seit einigen Monaten keine Erlöse mehr haben, stellt sich die Frage, woher nehmen, wenn nicht stehlen. Für uns ist es unverständlich, dass bestimmte Branchen wie die Gastronomie und die Hotellerie bis zu 80 Prozent Umsatzersatz erhalten, während wir offenhalten müssen, aber nichts buchen können“, klagt Gerhard Bajer, der in Langenzersdorf (NÖ) das Reisebüro „Bajer-Reisen“ betreibt und drei Mitarbeiter hat, die derzeit in Kurzarbeit sind.

Der Jänner ist für die Reisebüros die Hauptbuchungszeit. „In diesem Monat erwirtschaften wir 20 Prozent unseres Jahresumsatzes. Im Jänner ist zudem immer die Ferienmesse in Wien und es gibt bis Monatsende Sonderangebote. Dieses Jahr habe ich im Jänner einen einzigen Flug um 250 Euro verkauft. Im Jänner des vergangenen Jahres hatte ich 45 Flugbuchungen, also Hin- und Rückflüge inklusive Hotel“, sagt Bajer.
Der 75jährige ist seit 50 Jahren in der Reisebranche tätig. Er hat 1973 sein eigenes Reisebüro gegründet und arbeitet auch jetzt, obwohl er bereits in Pension ist, weiter. „Ich tue das aus Liebe zu meinem Beruf. Zudem habe ich drei Mitarbeiter, die ich weiterhin beschäftigen will. Ich kann mit meiner Pension zum Glück noch alles bezahlen. Derzeit streite ich mit meinem Vermieter, der nach wie vor 1.000 Euro Monatsmiete haben möchte, obwohl meine Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten“, erzählt Bajer.
Er wünscht sich von der Interessensvertretung mehr Unterstützung. „Es geht hier nicht nur um mich, sondern um die gesamte Reisebranche“, sagt Bajer.

Dass Reisebüros nach wie vor offen haben, hat einen Grund. „Reisebüros sind keine körpernahen Dienstleister, sie werden Steuerberatern gleichgesetzt“, erklärt Gregor Kadanka, Obmann des Fachverbandes der Reisebüros in der Wirtschaftskammer. „Die Reisebüros dürfen seit November um einen Fixkostenzuschuss ansuchen, aber um keinen Umsatzersatz. Derzeit haben wir einen starken Einbruch in der Branche. Der November war ein Totalausfall. Geschäftsreisen sind aber weitestgehend möglich. Die meisten Großunternehmen dieses Landes lagern ihre Geschäftsreisen auf Reisebüros aus“, sagt Kadanka.
Reise-Fachmann Bajer kann keine Geschäftsreisen verbuchen. „Ich habe private Kunden, Geschäftsreisen werden über die großen Reisebüros abgeschlossen“, erklärt Bajer.

Eines dieser Unternehmen ist die Verkehrsbüro Group, mit mehr als 100 Ruefa Reisebüros in unserem Land für Freizeitreisen und Services für Geschäftsreisen. „Es gibt im Bereich der Geschäftsreisen immer wieder die Notwendigkeit, Termine vor Ort wahrzunehmen. Viele Großunternehmen aus unserem Land haben Fabriken und Anlagen auf der ganzen Welt, zum Teil auch in abgelegenen Regionen, wo sie ihre Spezialisten sicher hinbringen müssen“, sagt Helga Freund, Vorständin der Verkehrsbüro Gruppe. Die Corona-Pandemie hat laut der Expertin aber auch einen extremen Trend zur Digitalisierung gebracht. „Für ein zweistündiges Geschäftstreffen quer durch Europa zu fliegen, gehört wohl der Vergangenheit an.“ Nach Angaben des internationalen Luftfahrtverbandes ging der internationale Flugverkehr im vergangenen Jahr um 76 Prozent zurück. „Auch unsere Rückgänge bei den Flugreisen bewegen sich in dieser Größenordnung. Was wir aber sehen, ist, dass die Menschen weg wollen. Die Anfragen nach Informationen zu Angeboten im Sommer – vor allem für Griechenland, Kroatien und Italien – steigen von Tag zu Tag. Derzeit gebucht werden Reisen nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ziele im Indischen Ozean, etwa auf die Malediven oder die Seychellen“, informiert Freund.

In unserem Land besteht derzeit ein Beherbergungsverbot für touristische Aktivitäten. Eine Übernachtung in einem Hotel ist momentan nicht möglich, laut dem Gesundheitsministerium auch nicht im Ausland. „Dieses Beherbergungsverbot gibt es aber in vielen anderen Ländern nicht. Wir sehen bei Reisen natürlich auch den Aspekt der ,Erholung für Körper und Geist‘ und als solches sehen wir es nicht als verboten an. Zudem wurde uns seitens der Behörden nie unsere Geschäftstätigkeit untersagt“, erklärt Freund.

In Griechenland und auf den Malediven haben viele Hotels offen. „Die Flieger auf die Malediven sind bis Ende März nahezu ausgebucht“, sagt Kadanka. Die Fluglinie Austrian Airlines ist die einzige in unserem Land, die einen Direktflug auf die Malediven anbietet. „Derzeit gibt es von Wien aus zwei Verbindungen pro Woche auf die Malediven. Wir fliegen diese Strecke planmäßig mit einer Boeing 777, die über mehr als 300 Sitzplätze verfügt. Auch im Vorjahr gab es wöchentlich zwei Verbindungen“, erzählt AUA-Sprecherin Marleen Pirchner. Details zur Auslastung gibt die Fluglinie nicht bekannt. „Aktuell fliegen wir etwa 15 Prozent des Vorjahresprogrammes“, sagt Pirchner.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung