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Ausgabe Nr. 07/2021 vom 16.02.2021, Fotos: pankajstock123/stock.adobe.com, zVg
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Chronische Schmerzen sind die Hölle auf Erden. Doch Betroffene werden oft nicht ernst genommen.
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Buch von Dr. Martin Pinsger, Dr. Thomas Hartl, ISBN: 978-3-7095-0126-9, € 20,–
Diagnose Schmerz
Jeder Mensch kennt Schmerz. Meist ist er kurz oder von begrenzter Dauer. Für mehr als eineinhalb Millionen Menschen im Land ist Schmerz allerdings ein täglicher, zermürbender „Begleiter“. Experten erklären die Ursachen und Auswege aus chronischen Schmerzen.
Gesunde Menschen können sich nicht vorstellen, wie es ist, täglich mit Schmerzen zu leben. Beim Aufstehen, bei Bewegung oder in Ruhe, beim Zubettgehen und manchmal in der Nacht. Dies ist das Schicksal von bis zu 1,8 Millionen Menschen in unserem Land. „Bei 350.000 haben sich die Schmerzen sogar zu einer eigenständigen schweren Erkrankung entwickelt“, macht Dr. Stefan Neuwersch, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft, aufmerksam.

Trotz dieser enorm hohen Zahl an Patienten ist deren medizinische Versorgung alles andere als gut. „Chronischer Schmerz gilt nicht als Krankheit, nur als Symptom oder Signal. Schmerz kann uns aber sehr wohl im Sinn einer Krankheit befallen. Im nächsten Jahr wird die Weltgesundheitsorganisation Schmerz zur Krankheit erklären. Das bedeutet, die Schmerzen der Patienten werden dann bei jeder medizinischen und behördlichen Begutachtung, etwa ob sie berufsfähig sind, endlich Relevanz haben“, sagt Dr. Martin Pinsger vom Schmerzkompetenzzentrum Bad Vöslau (NÖ, Tel.: 02252/769480, www.schmerzkompetenzzentrum.at) und Autor des Buches „Krankheit Schmerz. Endlich Hilfe für Patienten!“. Täglich leiden Hunderttausende Schmerzpatienten in unserem Land Qualen. „Jeder zweite Patient sucht mehr als zehn Ärzte auf, bevor er eine korrekte schmerzmedizinische Behandlung bekommt. Jede unwirksame Therapie zieht ihr Leiden in die Länge, oft über Jahre. Das hat schwere Folgen wie Verlust des Arbeitsplatzes, von Freunden und sozialem Leben sowie Depressionen und Medikamentenmissbrauch. Und in unserem Land werden Schmerzambulanzen geschlossen, Schmerztherapie auf Kasse gibt es kaum, von einer flächendeckenden Versorgung durch Schmerzkliniken sind wir weit entfernt. Betroffene werden manchmal sogar von Ärzten als wehleidig, als Simulanten abgestempelt.“

Ältere Frauen oft betroffen
Laut Österreichischem Patientenbericht treten chronische Schmerzen am häufigsten am Bewegungsapparat auf (68 Prozent), gefolgt von Gelenksschmerzen (64 Prozent), Kopfschmerzen (28 Prozent) und Nervenschmerzen (27 Prozent). Dauern Schmerzen länger als drei Monate, verschlechtert das massiv die Lebensqualität. „Viele haben Phasen, in denen die Schmerzen so heftig sind, dass sie nicht mehr leben wollen“, verrät Susanne Fiala, Gründerin der Selbsthilfegruppe Schmerz Wien. Von drei Betroffenen sind zwei weiblich. „Frauen erkranken häufiger an Knochenschwund, Fibromyalgie, rheumatoider Arthritis. Dazu dürfte ihre Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem sensibler sein, was eine Chronifizierung von Schmerzen begünstigt. Nicht zuletzt spüren sie Hormonschwankungen deutlicher. Migräne wird oft durch den Zyklus ausgelöst.“ Dazu spielt das Alter eine Rolle. Achtzig Prozent der über Sechzigjährigen haben chronische Schmerzen an Gelenken, Nerven- oder Tumorschmerzen.

Die "Väter" des Schmerzes
Chronischer Schmerz hat meist viele Ursachen. „Körperliche, psychische und soziale Leiden beeinflussen einander und schaukeln sich auf“, betont der Schmerzexperte Pinsger. Manchmal spielt die Vergangenheit eine Rolle. Wer als Junger Gewalt, Unmenschlichkeit, Demütigung oder Missbrauch erlebte, entwickelt später häufig schwere Schmerzsyndrome. Das muss bei der Therapie berücksichtigt werden. „Schmerzpatienten helfen eine ganzheitliche Therapie aus Medikamenten, Heilgymnastik, fallweise Operationen, psycho-soziale Unterstützung, Naturheilverfahren, und nicht zu vergessen, eine große Portion Eigenaktivität. Das heißt im ersten Schritt, den Arzt frühzeitig aufzusuchen, sonst sinken die Chancen, je schmerzfrei zu werden. Für Langzeitgeplagte gilt, Besserung ist immer möglich, auch im hohen Alter.“
Dr. Martin Pinsger, Orthopäde, Schmerztherapeut in Bad Vöslau (NÖ)
Es heißt, bei Schmerzen sollen Betroffene frühzeitig zum Arzt gehen. Was bedeutet frühzeitig?
Extreme Schmerzen, begleitet von massiven psychischen und sozialen Problemen können nach wenigen Tagen chronisch werden. Leichte Schmerzen vielleicht erst nach Monaten. Je rascher dem Schmerz auf den Grund gegangen wird, desto besser ist es.
An welchen Arzt wende ich mich bei Dauer-Schmerzen?
Der Hausarzt kennt seine Patienten und ihre psycho-soziale Situation oft gut. Er kann meist gut einschätzen, wie es in diesem Feld um den Patienten steht. Für die körperliche Ursachenfindung ist der Facharzt geeigneter, um Untersuchungen wie Röntgen, Ultraschall, MRT oder Knochendichtemessungen durchzuführen.
Ich werde wegen meiner Schmerzen behandelt. Doch die Wirkung ist nur gering oder kurz. Was tue ich?
Ist die Ursache unklar, bedarf es zusätzlicher Befunde. Ist die Ursache klar, sollte die Möglichkeit für Rückrufe beim Arzt bestehen oder auch kurzfristige Einschübe. Es muss sich auch der Patient fragen, „Schaue ich auf meine Gesundheit?“, „Belaste ich mich zu stark?“
Wie finde ich einen passenden Schmerzarzt?
Leider gibt es zu wenige auf Schmerz ausgebildete Ärzte. Einzelne Spitäler haben Schmerzambulanzen.
Was kann ein so genannter Schmerzarzt?
Ein guter Schmerzarzt achtet nicht nur auf organische Störungen, sondern auch auf die soziale und psychische Lage des Patienten. Er führt längere Gespräche und zeigt, wie die Lebensqualität des Patienten verbessert werden kann. Er benötigt ein Team von Ärzten, Therapeuten und Fachbereichen. Und er hilft nicht nur dabei, den Schmerz zu lindern, sonden dem Patienten Kompetenz zu vermitteln, den Alltag schmerzarm zu gestalten.
Christa Rammerstorfer, 66, aus Linz (OÖ)
„Mein schmerzhaftes Leiden im Unterleib wurde als ‚nervöse Blase‘ abgetan“
Stechend-brennende Schmerzen im Bauch, 60 Mal Harndrang am Tag. Zwanzig Jahre ging Christa Rammerstorfer von Arzt zu Arzt.
Eine Odyssee mit falschen Diagnosen brachte ihr Dutzende Operationen ein, darunter die Entfernung der Gebärmutter und einer Niere. „Aufgrund der Dauer-Schmerzen musste ich meinen Beruf aufgeben. Das Harnlassen brannte im Unterleib bis in die Zehen. Verständnis von Ärzten und Behörden gab‘s kaum“, erzählt die Oberösterreicherin. Ihr Leiden wurde als „nervöse Blase“ abgetan. Bis die richtige Diagnose kam, interstitielle Zystitis, eine unheilbare, chronische Entzündung der Blasenmuskulatur. Als die verhärtete Blase entfernt und durch eine neue ersetzt wurde, gingen die Schmerzen zurück.
„Dank eines folgenden Therapiemix aus Medikamenten, Physiotherapie, Entspannung und gesunder Ernährung ohne säurebildende Lebensmittel wie Kaffee, Süßes oder Fleisch für einen guten pH-Wert im Harn, stieg die Lebensqualität. Viele Ärzte kennen die Krankheit nicht, und simple Schmerzmittel helfen nicht.“
Frau Rammerstorfer leitet heute eine Selbsthilfegruppe für Betroffene. Information unter Tel.: 07223/82667 und www.ica-austria.at.
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