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Ausgabe Nr. 06/2021 vom 09.02.2021, Foto: m.mphoto - stock.adobe.com
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Vier von zehn Euro-Zahlern nutzen wegen Corona weniger Bargeld.
Das Ende des Bargelds?
121 Euro hat jeder von uns durchschnittlich im Geldbörsel. Doch in der Corona-Krise greifen wir öfter zur Karte, seltener zu Münzen und Scheinen. Brüssel diskutiert jetzt eine Obergrenze von 10.000 Euro für Bargeld-Zahlungen.
In Griechenland dürfen bei Geschäften höchstens 500 Euro in bar den Besitzer wechseln. In Frankreich gilt für Einheimische eine Grenze von tausend Euro. Italien hat im vergangenen Jahr die Bargeld-Schwelle von 3.000 auf 2.000 Euro gesenkt. Ab dem kommenden Jahr sollen Italiener aber nur noch Rechnungen bis höchstens tausend Euro mit Scheinen und Münzen begleichen dürfen.
Hierzulande können wir noch unbegrenzt mit Bargeld zahlen. Lediglich in der Bauwirtschaft gibt es laut Nationalbank ein „spezielles Barzahlungsverbot von Arbeitslohn“. Doch in der EU wird eine generelle Bargeld-Grenze von 10.000 Euro als mögliche Maßnahme gegen Geldwäsche diskutiert. Um Kriminalität und Terrorfinanzierung zu bekämpfen, wurde auch schon die Ausgabe von neuen 500-Euro-Scheinen gestoppt.

Keine griechischen Verhältnisse
Konsumentenschützer halten wenig von einer Beschränkung. „Wir sind generell skeptisch. Oft wird argumentiert, das sei in der Praxis kaum maßgeblich, denn was zahlen wir schon mit 10.000 Euro. Das stimmt, aber ich bin dagegen, weil ich aus der Vergangenheit die Tendenz kenne, dass solche Grenzen nach und nach verringert werden“, sagt Bernd Lausecker, Finanz-Experte des Vereines für Konsumenteninformation (VKI). „Wenn es dann griechische Verhältnisse gibt mit einer Grenze von 500 Euro, dann kann man oft nicht einmal einen Satz Winterreifen bar bezahlen oder einen Computer mit Bargeld kaufen.“ Außerdem können Probleme wie ein Zahlungslimit bei Karten oder Systemausfälle auftauchen. „Hier würden in unseren Augen beim Verbraucher Freiheiten beschnitten.“
Könnte eine Zahlungs-Obergrenze der Anfang vom Ende des Bargelds sein? „Wenn wir alles zusammennehmen, kann man schon sagen, ja, es läuft in diese Richtung“, erklärt Bernd Lausecker. „Bargeld herzustellen, in Umlauf zu bringen, kostet natürlich auch etwas, das würde vielleicht eingespart. Und digitales Geld hat einige Vorteile, die manche bevorzugen, wie Bequemlichkeit und passende Zahlung. Aber die Anonymität und Freiheit, die ich damit besitze, dabei ist Bargeld ungeschlagen.“

Offiziell gehe es um Geldwäsche und Terrorismusbekämpfung, doch „weil es einige schwarze Schafe gibt, soll die Freiheit von neun Millionen Menschen in Österreich eingeschränkt werden? Das Verhältnis leuchtet uns als Konsumentenschützer nicht ganz ein“, meint der Finanz-Experte. „Da gibt es vielleicht noch andere Möglichkeiten, Geldwäsche im großen Maßstab woanders genauso zu verfolgen, vielleicht auch punktuell besser, als die ganze Bevölkerung in Geiselhaft zu nehmen.“
Insgesamt 18 EU-Staaten haben derzeit schon Beschränkungen für Barzahlungen oder wollen sie einführen. In Schweden und Irland gibt es zwar keine Obergrenzen für Münzen und Scheine, dort ist es aber „Handelsgewerbetreibenden gestattet, Zahlungen in bar abzulehnen“, heißt es aus dem Finanzministerium.Die türkis-grüne Regierung hat in ihrer Koalitionsvereinbarung ein „Bekenntnis zum Erhalt des Bargelds im Rahmen der geltenden Geldwäschebestimmungen“ geschrieben. Das Recht auf Bargeld in der Verfassung zu verankern, scheiterte aber 2019 im Parlament.

In Schweden gibt es selbst Taschengeld "elektronisch"
Während etwa in Schweden Bargeld immer unbeliebter wird und sogar nur noch jedes sechste Kind sein Taschengeld in Münzen und Scheinen bekommt, ist es bei uns nicht wegzudenken. In der Euro-Zone zahlten zuletzt 73 Prozent mit Bargeld, bei uns waren es 79 Prozent. Vier von zehn Befragten gaben im Juli bei einer Studie der Europäischen Zentralbank allerdings an, seit dem Beginn der Corona-Pandemie weniger oft Bares benützt zu haben. Die Mehrheit davon wollte das auch nach der Krise beibehalten.
Schon zuvor nahmen die Kartenzahlungen zu. Und im Corona-Vorjahr wurden um ein Zehntel mehr Geschäfte mit Bankomatkarten durchgeführt. Fünf Millionen Mal zückten wir die Karten allein am Freitag, dem 13. März, kurz vor dem ersten „Lockdown“. 324 Millionen Euro wurden an diesem Spitzentag umgesetzt. Mehr als am Höhepunkt des Weihnachtsgeschäftes 2019.

Seit das Corona-Virus unser Land im Griff hat, werden wir in Geschäften aufgefordert, mit einer Karte zu zahlen. Je jünger die Kunden sind, desto selbstverständlicher ist der Griff zum Plastikgeld. Jugendliche können schon ab 14 Jahren eine Bankomatkarte bekommen. In der Regel ohne Überziehungsrahmen.

Die Bargeldmenge für tägliche Ausgaben im Handel und für Dienstleistungen ist nach Schätzungen der Nationalbank „aufgrund der eingeschränkten Konsummöglichkeiten“ um knapp ein Fünftel zurückgegangen. Dafür habe das Bargeld zur „Reservehaltung“ stark zugenommen.Allein an Geldscheinen waren insgesamt rund 31 Milliarden Euro im Umlauf.

„Wir werden immer Banknoten haben“, versprach kürzlich Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch wenn ein digitaler Euro eingeführt werden sollte, sei der „E-Euro“ nicht als Ersatz für das Bargeld gedacht.
In welcher Form er kommen wird, „ist derzeit noch offen“, heißt es bei der Nationalbank. Vorstellbar sei, dass der elektronische Euro wie bisher über Geschäftsbanken verteilt werde. Es könnte aber auch sein, dass private Kunden direkt ein Konto bei der Notenbank haben. Mitte des Jahres soll laut Berichten eine Entscheidung fallen, ob der „E-Euro“ eine Zukunft hat.
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