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Ausgabe Nr. 05/2021 vom 02.02.2021, Foto: Alessandro Rampazzo / Anadolu Agency/ABACAPRESS/ddp images
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Geschäfte haben in Helsinki offen.
Finnland ist anders
Finnland gilt als Musterschüler in der Corona-Pandemie. In kaum einem anderen europäischen Staat gibt es so niedrige Infizierten- und Todeszahlen. Und das, obwohl das nordische Land derzeit auf Ausgangsbeschränkungen verzichtet.
In Finnlands Hauptstadt Helsinki herrscht reges Treiben. Fußgänger flanieren durch Einkaufsstraßen. Restaurants und Geschäfte sind offen – ungeachtet der Corona-Krise.
Das 5,5-Millionen-Einwohner-Land meistert die Pandemie besser als die anderen europäischen Staaten. Derzeit zählt Finnland rund 45.000 Infizierte und rund 670 Tote. Nirgendwo sind die Zahlen so niedrig. Zum Vergleich, in unserem Land gibt es mehr als 410.000 Infizierte und rund 7.700 Todesfälle.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist in Finnland zuletzt angestiegen, liegt aber im Sieben-Tages-Mittelwert immer noch bei 380. Bei uns waren es etwa 1.500.
Warum das nordische Land verhältnismäßig gut durch die Krise kommt, erklärt die Finnland-Expertin Johanna Laakso, 58. „Als im Frühjahr 2020 die Corona-Zahlen nach oben geschnellt sind, hat Finnland schnell reagiert. Es wurden harte Ausgangsbeschränkungen verhängt, von denen wir noch heute profitieren.“ Unter anderem waren Reisen in und aus der Hauptstadt Helsinki verboten. Die Stadt wurde abgeriegelt.
Danach gab es keinen „Lockdown“ mehr. „Die Grundrechte werden in Finnland sehr ernst genommen.“

"Finnen sind distanzierter und haben mehr Respekt für die Spielregeln"
Positiv für die Corona-Statistik ist die Weitläufigkeit des Landes. Mit 340.000 Quadratkilometern ist Finnland vier Mal so groß wie unser Land. „Viele Menschen haben ein Sommerhaus, in das sie flüchten.“
Zudem gelten die Finnen als distanziert und haben mehr Respekt für die Spielregeln als anderswo. „Es gilt, wir sitzen alle im selben Boot und müssen rudern.“
Heimarbeit war bereits vor der Krise weit verbreitet, die Finnen sind technisch gut ausgestattet. Auch für Schüler gehören Laptops zur Standardausrüstung. „Es wird gerne selbstständig und alleine gearbeitet.“
Während die Wirtschafsleistung im EU-Durchschnitt im zweiten Quartal 2020 um 14 Prozent sank, waren es in Finnland nur 6,4 Prozent.

„Auch heute stehen wir besser da als der Rest von Europa“, sagt die finnische Botschafterin in Wien, Pirkko Hämäläinen.
„Sehr gut funktioniert die Kontaktverfolgung von Menschen, die mit Infizierten in Verbindung standen. Rund jeder zweite Finne hat dafür das Programm (App) ‚Corona-Flash‘ auf seinem Mobiltelefon.“ Hingegen nutzt bei uns nur jeder Fünfte die „Stopp Corona-App“ des Roten Kreuzes.
Wenn in Finnland Infektionsherde auftreten, werden sie lokal durch Restriktionen bekämpft. Das soll ein Herunterfahren des Staates verhindern. Bis jetzt was das erfolgreich.
Die Zufriedenheit mit der finnischen Regierung, insbesondere mit der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Sanna Marin, 35, ist daher groß. „Sie ist äußerst populär, denn sie bleibt stets sachlich und sucht das Gespräch“, erklärt Laakso.

Marin ist der Meinung, „der einzige Weg, um die Wirtschaft zu retten, besteht darin, das Virus zu besiegen.“ Kürzlich
hat sie den Reiseverkehr eingeschränkt. Nur in Ausnahmefällen, etwa zum Arbeiten, dürfen Menschen ins Land. Zudem löste sie eine hitzige Debatte um eine EU-weite Vernetzung der Corona-Nachverfolgung per Mobiltelefon aus.
Weiters will sie künftig nur noch Corona-geimpfte Menschen ins Land lassen, kontrollierbar durch einen Impfpass. Streit gab es auch um den Mund-Nasen-Schutz. Er ist erst seit August in Bus und Bahn sowie in öffentlichen Einrichtungen verpflichtend. Ebenso in den Schulen.

Auf ältere Menschen wird besonders geachtet. Ein Fünftel der Finnen ist älter als 65 Jahre. Etwa so viele Senioren gibt es auch bei uns. In finnischen Altenheimen werden bei jedem Corona-Fall das Personal und alle Bewohner getestet. Besucher dürfen ihre Angehörigen nur auf Distanz sehen.
Hierzulande hat die türkis-grüne Regierung die dramatische Lage in den Altenheimen keinesfalls im Griff. Fast 44 Prozent der Corona-Toten kommen aus Heimen. Im November waren es noch 38 Prozent. Bis heute starben in den Heimen rund 3.300 Menschen.
Für den SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch, 58, ist dies „traurig und schockierend“. Er will „Personal und Bewohner regelmäßig testen. Besucher sollen FFP2-Masken tragen und sich vor dem Eintritt einem Antigen-Test unterziehen.“

Inakzeptabel sind für Deutsch auch die Vorkommnisse in Jochberg (T), wo britische Staatsbürger während einer Schilehrer-Ausbildung im „Lockdown“ feierten, teils sogar mit Covid-19-Symptomen. 17 Briten wurden daraufhin positiv auf die Virus-Mutation B.1.1.7 getestet. Gerade in Tirol gibt es immer wieder solche Fälle.
Einnerungen an Ischgl (T) werden dabei wach, von wo sich das Corona-Virus im vergangenen Jahr rasant verbreitete. „Die Regierung hat aus ihren Fehlern nichts gelernt. Es wundert nicht, dass rund sechs von zehn Menschen mit deren Krisenmanagement unzufrieden sind.“
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