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Ausgabe Nr. 04/2021 vom 26.01.2021, Fotos: action press, zVg
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Die portugiesische Fado-Sängerin Mariza, 47, setzt auf Emotionen pur.
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Aufwühlend und berührend ist Mariza mit ihren Liedern auf dem aktuellen Album „Mariza Canta Amália“. Sie verneigt sich damit vor einer großen Künstlerin.
Die Stimme der großen Gefühle
In Portugal hat sich mit dem Fado eine eigene Musikrichtung entwickelt. Übersetzt heißt Fado „Schicksal“, die Lieder erzählen von unglücklicher Liebe und Schmerz. Doch der Fado ist mehr als nur traurige Musik, meint Marisa dos Reis Nunes, die Tochter eines Portugiesen und einer Mosambikanerin. Die 47jährige gilt heute als bedeutendste Vertreterin dieses Musikstils. Auf ihrem aktuellen Album „Mariza Canta Amália“ verneigt sich die populärste Fado-Sängerin der Gegenwart vor der berühmtesten Fado-Interpretin aller Zeiten, Amália Rodrigues.
Was macht die Einzigartigkeit des Fados aus?
Der Fado gibt allen menschlichen Emotionen eine Stimme. Fado-Lieder künden von Glück, von unendlicher Liebe, von Eifersucht, von der typisch portugiesischen Sehnsucht. Und eben auch von Melancholie – die sich für mich deutlich von Traurigkeit unterscheidet. Während Traurigkeit ein schwarzes Loch ist, das uns ansaugt, ist Melancholie wie der erste Sonnenstrahl an einem verregneten Morgen.
Von welchem Gefühl handelt denn Ihre aktuelle Single „Lagrima“, zu Deutsch „Träne“?
So ziemlich jeder Mensch interpretiert dieses Lied, das zu den großen Klassikern des Fado zählt, ein wenig anders und aus der persönlichen Perspektive heraus. Für mich geht es darin um eine tiefe Liebe, die von der Interpretin oder dem Interpreten zwar empfunden, aber niemals ausgelebt wurde. Trotzdem ist da dieses Glück, diese Liebe gekannt und gespürt zu haben.
Amália Rodrigues, die im Jahr 1999 gestorben ist, war die für alle Zeiten größte und berühmteste Stimme des Fado. Sie kennen ihre Lieder sicher von klein auf, oder?
Es ist wirklich peinlich, aber ich bin erst mit 16 Jahren zufällig in einem Musikladen auf sie gestoßen. Und dabei singe ich Fado seit meinem fünften Lebensjahr. Meine Eltern hatten eine Taverne in der Altstadt von Lissabon (Portugal), dort bin ich schon früh mit dem Fado in Berührung gekommen.
Sie hatten sich die vergangenen Monate wahrscheinlich auch anders vorgestellt. Wie viele der ursprünglich geplanten Konzerte konnten Sie tatsächlich geben?
Fünf von 110. Das ist natürlich ein Jammer. Ich liebe meine Arbeit, das Singen erfüllt mich mit Glück. Und als Musikerin brauche ich die Bühne. Kultur ist unsere Nahrung für die Seele. Viele Menschen haben in dieser Pandemie einen unbändigen und kaum stillbaren Hunger danach entwickelt.
Konnten Sie Ihren Hunger irgendwie stillen?
Ich bin fast jede Woche in der Tasca do Chico, einer kleinen, feinen Fado-Bar in Lissabon, aufgetreten. Ansonsten bin ich hungrig geblieben, habe viel gelesen, mir Dokumentationen im Fernsehen angeschaut und Zeit mit meinem neun Jahre alten Sohn Martim verbracht. Ganz ehrlich: Mir fehlt es so sehr, mich mit Freundinnen in einer Bar auf ein Glas Rotwein zu treffen und uns einfach zu umarmen.
Sie haben sich in den sozialen Medien über die Wahl von Kamala Harris zur neuen US-Vizepräsidentin gefreut. Fühlen Sie sich ihr verbunden?
Aus mehreren Gründen. Je mehr Frauen Machtpositionen erreichen, desto besser ist es für die Welt, desto fairer geht es zu. Und Kamala Harris ist nicht nur eine großartige Frau und Politikerin, sie wird mit ihren indischen und karibischen Wurzeln Einstellungen ändern und inspirierend sein für uns Minderheiten und Menschen mit Migrationshintergrund.
Sie tragen selbst zwei Kulturen in sich. Worin bestehen die Unterschiede?
Meine Mutter ist eines von sechzehn Geschwistern. Meine Oma, die noch lebt, hat acht Töchter und acht Söhne zur Welt gebracht. Es ist herrlich zu sehen, wie beschützend diese Familie miteinander umgeht. Während ich mit meinen portugiesischen Verwandten manchmal monatelang keinen Kontakt habe, telefoniere ich mindestens ein Mal pro Woche mit Oma. Oft verabreden wir uns, gemeinsam zur Heiligen Messe zu gehen – sie in Maputo (Mosambik), und ich in Lissabon.
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