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Ausgabe Nr. 03/2021 vom 19.01.2021, Foto: zVg
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Dank einer neuen OP-Methode wurde bei diesem Patienten der Fuß nicht versteift.
„Mein neues Sprunggelenk ist nach Maß“
Den Übergang vom Bein zum Fuß bildet das Sprunggelenk. Schmerzt es aufgrund von Abnützung und geht der sichere Tritt verloren, muss operiert werden. Wie Patrick Stone-Tate fürchten Patienten die Versteifung des Gelenkes. Dank des 3D-Druckers sitzt das Kunstgelenk so gut wie das eigene.
Nein, eine Versteifung des Gelenkes wäre für mich nie in Frage gekommen. Da hätte ich mir lieber den ganzen Fuß abnehmen lassen. Das habe ich auch dem Doktor gesagt.“ Patrick Stone-Tate findet drastische Worte, doch die jahrelangen Probleme mit seinem linken Fuß haben Spuren bei dem gebürtigen Engländer hinterlassen.

Seit 25 Jahren lebt der 68jährige in unserem Land. Der Liebe wegen ist er damals nach Wien gezogen, wo er heute glücklich verheiratet ist. Noch in England wohnend, war seine Leidenschaft allerdings die Feuerwehr. „Ich war lange Zeit bei der Feuerwehr tätig. Doch dann kam der Tag, an dem bei einem Einsatz ein Explosionsunfall passierte. Dabei wurde mein linker Fuß verletzt, mein Sprunggelenk in Mitleidenschaft gezogen. Die Probleme verschlimmerten sich mit der Zeit. In den vergangenen Jahren konnte ich nur noch am Stock gehen“, erzählt er. Im Dezember wurden die Schmerzen im Fuß schließlich unerträglich, eine Operation unumgänglich.

Ein exakter Sitz bringt eine lange Lebensdauer
Oberarzt Dr. Clemens Mansfield, Teamleiter der Fußchirurgie im Orthopädischen Spital Speising in Wien, konnte seinem Patienten den Wunsch nach einem beweglichen Kunstgelenk erfüllen, und nicht nur das. Patrick Stone-Tate ist einer der ersten Patienten in unserem Land, dessen neues (oberes) Sprunggelenk maßgeschneidert angefertigt wurde. Das bedeutet, sein Kunstgelenk hat eine deutlich längere Lebensdauer als herkömmliche Sprunggelenks-Prothesen.

„Tatsächlich ist das maßgeschneiderte Sprunggelenk eine Neuheit in der Fußchirurgie. Möglich macht dies eine Planung der Sprunggelenks-Prothese mit Hilfe des 3D-Druckers“, bestätigt Dr. Mansfield. Im Mittelpunkt der neuen Operationsmethode steht die Passgenauigkeit des Kunstgelenkes auf die Knochenstruktur des Patienten. „Damit ein Kunstgelenk lange Jahre hält, muss es so exakt wie möglich sitzen. Das heißt, es müssen die Bewegungen in allen Ebenen stimmen sowie die Größe des Kunstgelenkes. Das Problem ist, kein Patient ist wie der andere. Jeder Patient hat eine individuelle Knochenstruktur. Und genau die kann nun mit Hilfe des 3D-Druckers berücksichtigt werden. Dafür werden in einem ersten Schritt Computertomographien des Beines und des betroffenen Fußes gemacht. Danach berechnet ein spezielles Computerprogramm die Maße des künftigen Kunstgelenkes. Sind diese Daten des Patienten berechnet, werden in einem 3D-Drucker zwei Schnitt-Schablonen gedruckt. Mit diesen Schablonen kann der Chirurg später, während des Eingriffes, das Kunstgelenk, das millimetergenau auf die Anatomie des Patienten zugeschnitten ist, anpassen und einsetzen. Der Patient hat am Ende eine Sprunggelenks-Prothese, deren Sitz auf seine individuelle Anatomie zugeschnitten ist“, erklärt der orthopädische Chirurg.

Je kleiner das Gelenk ist, desto schwieriger ist ein Ersatz durch ein Kunstgelenk
Erfahrung bei der Planung von Kunstgelenken mit Hilfe des 3D-Druckers gibt es bereits bei Kunstgelenken in der Hüfte, im Knie, in der Schulter und bei Wirbelsäulenoperationen. Das Sprunggelenk ist ein „Nachzügler“, aus gutem Grund. „Das Sprunggelenk ist ein kleines, stark bewegliches Gelenk, auf dem die gesamte Körperlast ruht. Sitzt ein künstliches Gelenk hier nicht perfekt, hält es auch nicht lange. Die bisherigen Kunstgelenke im Sprunggelenk haben eine Lebensdauer von elf bis 13 Jahren. Danach muss wieder operiert werden. Daher wurde bisher meist entschieden, bei jungen Menschen ein kaputtes Sprunggelenk operativ zu versteifen, und bei älteren Menschen ein künstliches Gelenk einzubauen. Aus den Erfahrungen mit maßgeschneiderten Kunstgelenken an anderen Körperstellen lässt sich sagen, dass sie eine längere Lebensdauer haben. So gehen wir davon aus, dass das neue ‚Sprunggelenk nach Maß‘ bis zu zwanzig Jahre halten wird, weil es dem eigenen, natürlichen Sprunggelenk extrem nahekommt.“
Das bedeutet, wurden bisher vor allem Menschen um die 70 Jahre mit einem Kunstgelenk versorgt, können nun auch Patienten ab 50 Jahren davon profitieren. Das macht eine Versteifung des Gelenkes unnötig. Das ist für viele Patienten wichtig.

Mir geht's so gut wie schon lange nicht mehr"
Patrick Stone-Tate bekam Mitte Dezember sein neues Sprunggelenk eingesetzt. „Die Operation dauert etwa eine Stunde. Durch die hohe Passgenauigkeit ist die Operationszeit im Vergleich zur bisherigen Operationsmethode verkürzt“, verrät Dr. Mansfield einen weiteren Vorteil der neuen OP-Technik. Nach einer Woche verließ der „englische Patient“ das Spital mit Krücken.

„Zwei Wochen lang darf der Fuß nicht belastet werden. Danach ist das Auftreten mit dem operierten Fuß in einem Spezial-Stiefel möglich und auch erwünscht. Nur intensives Sporteln oder Sport mit abruptem Abbremsen und Starten ist für diese Patienten in Zukunft nicht erlaubt. Dem Radfahren, Schwimmen oder mäßigem Wandern steht aber nichts im Wege.“ Zurück in seinem Zuhause in Wien genießt Dr. Mansfields Patient sein neues Dasein. „So gut ist es mir mit meinem Fuß schon lange nicht gegangen“, sagt Patrick Stone-Tate und ist hörbar glücklich darüber.
Seinen Alltag bewältigt er schon ganz gut. Sobald es möglich ist, soll mit einem Rehabilitationsaufenthalt engültig der Schlusspunkt hinter seine lange Krankengeschichte gesetzt werden.
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