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Ausgabe Nr. 03/2021 vom 19.01.2021, Foto: imago/CTK Photo
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Entschlossen will Domingo gegen Anschuldigungen vorgehen.
„Ich habe niemanden missbraucht“
Zum 80. Geburtstag am 21. Jänner blickt Plácido Domingo auf ein schwieriges Jahr zurück. Ein Spitalsaufenthalt wegen einer Covid-19-Infektion hat seine Haltung gegenüber den Anschuldigungen der sexuellen Belästigung verändert. Der seit fünf Jahrzehnten erfolgreiche Opernsänger und Dirigent will für seinen Ruf und seinen Namen kämpfen. Und er möchte singen, solange er sich stimmlich gut fühlt und das Publikum mit ihm zufrieden ist.
Wer mich kennt, weiß, dass das Wort ,Missbrauch‘ nicht zu meiner Sprache gehört. Ich habe niemanden missbraucht. Solange ich lebe, werde ich den Satz wiederholen. Ich habe auch niemals Karrieren verhindert. Im Gegenteil, ich habe junge Künstler gefördert“, äußerte sich Plácido Domingo gegenüber der italienischen Zeitung „La Repubblica“ zu den Belästigungsvorwürfen, mit denen er seit August 2019 konfrontiert wird.

Siebenundzwanzig Frauen, darunter drei Anklägerinnen, die sich namentlich deklarieren (die Sopranistinnen Luz del Alba Rubio, Patricia Wulf und Angela Turner Wilson) werfen dem Opernsänger und Dirigenten vor, sich „ungebührlich“ verhalten zu haben und sie ohne Einverständnis geküsst und gestreichelt zu haben. Die Sängerin Luz del Alba Rubio, 52, behauptet, Domingo habe sie oft spät in der Nacht angerufen und sie zu nahe an den Lippen geküsst, obwohl sie ihm zu verstehen gab, dass sie das nicht wolle. Danach habe sie Rollen, die er ihr versprochen hatte, nicht bekommen.

„Die Behauptungen dieser und weiterer Personen reichen bis zu dreißig Jahre zurück. Ich bin jemand, der niemals absichtlich Menschen verletzt oder beleidigt“, versicherte daraufhin der am 21. Jänner 1941 in der spanischen Hauptstadt Madrid geborene Künstler.
Unterstützt von seiner Frau Marta Ornelas, 86, mit der er seit 1962 verheiratet ist, und von seinen Söhnen möchte Domingo um seinen Ruf kämpfen. „Nachdem ich im Frühjahr des Vorjahres an Covid-19 erkrankt bin, habe ich mir selbst versprochen, für die Wiederherstellung meines Namens zu kämpfen. Ich habe meine Haltung geändert und werde vehementer gegen die Belästigungsvorwürfe vorgehen“, erklärt Domingo, der als „Wunderkind“ am Klavier galt. Von seinen Eltern, die „Zarzuela“-Sänger (span. Operette) waren, bekam er schon als Bub Gesangsunterricht. Er war acht, als die Familie von Spanien nach Mexiko zog, wo er am Konservatorium studierte.

Ab 1958 sang Domingo Bariton-Partien, bevor er auf Tenor umsattelte. Im Jahr 1968 sprang er für Franco Corelli an der Metropolitan Oper in New York (USA) ein, woraus sich eine langjährige Zusammenarbeit entwickelte. Neben Enrico Caruso sang dort niemand so oft Premieren
wie Plácido Domingo. Ab 1990 gab er mit Luciano Pavarotti und José Carreras Konzerte unter dem Namen „Die drei Tenöre“. Seit 2003 war er Generaldirektor der Oper in Los Angeles (USA). Das Amt legte er nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe im Oktober 2019 nieder.
„Aufgrund der Ermittlungen gegen mich habe ich bisher geschwiegen. Wütend und deprimiert bin ich vor allem deshalb, weil meine ganze Familie in diese Anschuldigungen verwickelt wurde“, erklärte er vorigen Sommer in der Festspielstadt Salzburg, wo er für sein Lebenswerk geehrt wurde. Während die Wiener Staatsoper am berühmten Tenor festhält, ist Domingo nicht nur in den USA, sondern auch in seinem Heimatland Spanien zur „persona non grata“, zur unerwünschten Person, geworden.

„Dass ich mit dem Filmproduzenten Harvey Weinstein, der wegen Sexualdelikten im Gefängnis sitzt, verglichen wurde, hat meiner Karriere enorm geschadet“, sagt der Künstler. „Ich habe wüste Beschimpfungen über mich ergehen lassen müssen. Es hat den Anschein, als wäre ich mit schweren Vorwürfen bereits vor Gericht gelandet, was nicht der Fall ist“, appelliert Domingo an jene, die ihn vorverurteilen. „Wenn ich zurückblicke, sehe ich kein Fehlverhalten meinerseits, das offene Wunden hinterlassen haben könnte. Hätte ich gemerkt, dass ich jemanden beleidigt habe, hätte ich versucht, alles wiedergutzumachen“, rechtfertigt er sich.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich sein Leben verändert. „Statt in Hamburg (D) an der Oper zu singen, war ich mit meiner Familie in unserem Ferienhaus in Acapulco (Mexiko). Meine Frau, mein Sohn, meine Schwiegertochter und unsere Enkelkinder hatten eine grandiose Zeit miteinander. Ich habe mich zwar mit dem Virus infiziert und musste ins Spital. Aber nachdem ich wieder genesen war, haben wir ein außergewöhnlich schönes Leben geführt. Es gibt nichts Besseres, als die Familie um sich zu haben“, schwärmt der 80jährige, der die meiste Zeit seines Lebens in den Opernhäusern auf der ganzen Welt verbracht hat und wenig Zeit für seine Söhne hatte.

Nach dem Skandal rund um die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn wünscht sich der Opernsänger Ruhe. „Ich hoffe, Frieden zu finden, und dass alles zu Ende geht. Die Jahre, die mir noch bleiben, möchte ich in Frieden mit meinen Liebsten verbringen“, wünscht sich Domingo, der behauptet, dass sich seine Stimme mit dem Älterwerden verändert habe. „Ich empfinde meine Stimme anders als früher. Sie ist weniger samtig als früher. Aber meine Frau und meine Freunde versichern mir, dass meine Stimme unverändert sei“, sagt Plácido Domingo. „Solange ich mich stimmlich gut fühle und das Publikum mit mir zufrieden ist, werde ich singen, womöglich noch zwei Jahre“, zeigt sich der 80jährige zuversichtlich.
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