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Ausgabe Nr. 03/2021 vom 19.01.2021, Fotos: Stephan Doleschal, Stephan Wyckoff
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Rainer Will, Lena Steger
Schadet Einweg-Pfand den Nahversorgern?
Das Pfand auf Plastikflaschen ist eines der Prestige-Projekte der Grünen in der Koalition mit der ÖVP. Doch aus der Wirtschaft gibt es Widerstand. Kleine und mittlere Händler können sich ein teures Pfandsystem nicht leisten, lautet das Argument. In Deutschland und anderen europäischen Staaten gibt es das Einweg-Pfand aber schon länger. Bis zum Jahr 2029 müssen laut EU 90 Prozent der
Plastikflaschen getrennt gesammelt und wiederverwertet werden.
JA:
Rainer Will,
Handelsverband-Geschäftsführer

„Seit Jahren versuchen Politik und Interessenvertreter, der Verödung von Stadt- und Ortskernen entgegenzuwirken. Kleine selbstständige Lebensmittelhändler als Nahversorger sind oftmals die letzten Frequenzbringer in den ländlichen Regionen. Sie leiden zurzeit besonders unter den Folgen der Corona-Krise. Die vom Umweltministerium geplante Einführung eines Einwegpfandes kommt daher zur Unzeit. Kaum ein kleiner und mittlerer Händler könnte die finanzielle Mehrbelastung von im Schnitt 10.500 Euro pro Jahr sowie den zusätzlichen Flächenbedarf für Pfandautomaten stemmen. Für uns ist klar, der Handel ist Versorger, nicht Entsorger. Die heimischen Händler bekennen sich zur Nachhaltigkeit. Dafür braucht es aber ein ganzheitliches Kreislaufwirtschaftskonzept. Die Pfand-Diskussion und damit die Existenz der Nahversorger darf nicht Spielball eines politischen Abtausches werden, dafür ist das Thema zu wichtig. Österreich sammelt bereits erfolgreich in acht Bundesländern Plastikflaschen. Ein Pfand würde, außer in Wien, kaum Verbesserung bringen, aber Unsummen kosten. Daher müssen wir jetzt in Wien jene Potenziale heben, die in anderen Bundesländern bereits erfolgreich gelebt werden.“

NEIN:
Lena Steger,
„Global 2000“-Ressourcensprecherin

„Handfeste Beispiele aus anderen Ländern zeigen uns, dass ein Pfandsystem auf keinen Fall schädigend für kleine Geschäfte ist. In der Umsetzung sind dafür vor allem zwei Punkte wichtig. Erstens, dass es für kleine Geschäfte (weniger als 200 Quadratmeter) nur eine Rücknahmeverpflichtung für dort angebotene Getränkeverpackungen gibt. Diese kleinen Mengen lassen sich gut händisch über die Kasse und ohne Automaten bewerkstelligen. Zusätzlich wirkt sich dies positiv auf den persönlichen Kundenkontakt aus. Zweitens ist eine finanzielle Entschädigung für jedes zurückgenommene Gebinde geplant und Leergut wird in kurzen Abständen abgeholt, um die Lagerfläche des Geschäftes nicht zu überlasten. In keinem der zehn europäischen Länder mit Pfandsystem hat sich das Horrorszenario der sterbenden kleinen Geschäfte bewahrheitet. In Deutschland zeigen Mini-Geschäfte, dort sogenannte ,Spätis‘, vor, dass auch sie mit der Rücknahme von Getränkegebinde gut zurechtkommen. Obwohl es bei uns in den vergangenen Jahrzehnten keine Bemühungen gab, die Machtkonzentration der großen Supermärk-
te zu stoppen, werden nun Greißler instrumentalisiert, um gegen Pfand zu wettern.“
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