Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 02/2021 vom 12.01.2021, Foto: Feydzhet Shabanov/stock.adobe.com
Artikel-Bild
Der Virologe Prof. Lukas Weseslindtner im WOCHE-Gespräch.
„Ich verstehe, dass Menschen unsicher sind, wenn es um die
Corona-Impfung geht“
Während die Impfungen gegen Covid-19 angelaufen sind, haben zwei Mutationen des Sars-CoV-2 den Weg in unser Land gefunden. Das beeinflusst die Entwicklung der Pandemie, die Corona-Tests sowie die Corona-Impfung.
Mehr als fünf Millionen Corona-Impfdosen des Pharmaunternehmens Biontech/Pfizer und mehr als drei Millionen Corona-Impfdosen des Herstellers Moderna erhält unser Land in den nächsten Wochen und Monaten. Die ersten Lieferungen sind eingetroffen, Menschen in Gesundheitsberufen und aus Hochrisikogruppen haben die ersten Impfdosen erhalten. Die Entspannung im Kampf gegen die Pandemie ist aber in Gefahr. Zwei Mutationen des Corona-Virus, eine aus Großbritannien, die andere aus
Südafrika, haben sich ausgebreitet und wurden an fünf Menschen in unserem Land nachgewiesen. Prof. Lukas Weseslindtner, Virologe am Zentrum für Virologie der MedUni Wien, beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.
Herr Professor, was ist eine Virus-Mutation?
Jedes Virus hat eine genetische Information. Um sich zu vermehren, muss das Virus in eine Körperzelle eindringen und sie dort wie mit einer „Kopiermaschine“ vervielfachen. Je nach Virus, macht diese „Kopiermaschine“ Fehler, wodurch Mutationen entstehen. Bringt dieser „Kopierfehler“ dem Virus Vorteile, etwa ein leichteres Eindringen in eine menschliche Körperzelle, wird der „Fehler“ in den Nachkommen behalten.
Ist das der Fall bei den Corona-Mutationen, die in
Großbritannien und Südafrika entstanden sind?
Ja. Die mutierten Viren könnten schneller und leichter in Zellen eindringen. Womöglich ist eine kleinere Virenzahl notwendig, um sich zu infizieren. Die Indizien dafür verdichten sich.
Geht für junge Menschen von diesen Mutationen
tatsächlich eine größere Gefahr aus?
Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Kinder ab zehn Jahren können sich genauso leicht mit Sars-CoV-2 infizieren wie andere Altersgruppen. Ist die mutierte Variante ansteckender, betrifft dies Junge gleichermaßen.
Erfahre ich beim PCR-Test, ob ich mich mit
Sars-CoV-2 oder mit einer der Mutationen infiziert habe?
Bei der herkömmlichen PCR nicht. Dazu muss die genetische Information des Virus genauer untersucht werden. Das ist arbeitsaufwändig und wird bei der Routinediagnostik noch nicht gemacht. Solche Untersuchungen werden aber zunehmen.
Schützen mich meine Antikörper nach einer
Covid-19-Erkrankung vor diesen Corona-Mutationen?
Vor den Mutationen aus Großbritannien und Südafrika vermutlich ja, weil sich die Antikörper-Bindungsstellen noch nicht verändert haben. Daher sind die Corona-Impfstoffe gegen diese Mutationen wirksam. Früher oder später könnte eine Virusvariante auftauchen, die von unseren Antikörpern nicht mehr erkannt wird.
Ist das Virus je nach Jahreszeit stärker oder schwächer?
Nein, allerdings können alle Atemwegs-Viren in den Tröpfchen in kalter, trockener Winterluft weiter „fliegen“, das heißt, sie verbreiten sich leichter.
Wie gut schützen die Impfungen? Impfstoffe von Moderna und Astra Zeneca schützen nur zu 70 Prozent?
Es ist denkbar, dass der eine Impfstoff etwas wirksamer ist als der andere. Doch alle Impfstoffe haben eine ausreichend hohe Wirksamkeit, um schwere Verläufe und damit die Hauptauswirkung der Pandemie einzudämmen.
Warum gibt es dann unter Ärzten Impf-Skeptiker?
In den vergangenen Jahren waren die Fachgebiete Virologie und Vakzinologie im Medizinstudium zu wenig repräsentiert. Viele Ärzte haben daher keine tiefere Kenntnis bei den Themen Virologie, Immunität und Impfung.
Soll ich mich impfen lassen, wenn ich kürzlich eine
andere Impfung bekommen habe, etwa gegen Grippe?
Im Vergleich zu echten Erregern ist eine Impfung für das Immunsystem keine große Herausforderung. Im Alltag ist es oft gleichzeitig mit einer hohen Zahl an Erregern konfrontiert, mit der es fertig werden muss. Auch Mehrfachimpfungen sind im Normalfall kein Problem. Um typische Impfnebenwirkungen wie Schmerzen an der Impfstelle oder Fieber gering zu halten, wird ein Impfabstand von mindestens zwei Wochen empfohlen.
Gibt ein geimpfter Mensch das Corona-Virus weiter?
Die vorhandenen Daten zeigen, dass die Impfung nicht immer Schutz vor der Weitergabe des Virus bietet. Für Ungeimpfte bedeutet das, unabhängig von der Durchimpfungsrate in der Bevölkerung besteht für sie weiterhin das Risiko, schwer zu erkranken.
Kann es sein, dass die EU die Corona-Impfstoffe
unter großem Druck zu schnell zugelassen hat?
Wir alle stehen unter großem Druck. Ja, ohne den Druck der Pandemie wäre die Zahl der Probanden in den Phase-3-Studien vielleicht größer gewesen und man hätte noch ein halbes Jahr länger gewartet. Doch die Kriterien, die zur Prüfung eines Impfstoffes notwendig sind, wurden nicht geändert. Der Nutzen der Impfung ist auch unter diesem Druck viel größer als das Risiko. Die Daten zeigen, die Impfung wird gut vertragen.
Haben Sie dennoch Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?
Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die unsicher sind. Und ich meine, dass viel mehr informiert werden muss. Die Impfung ist der einzige Weg, um aus der Pandemie herauszukommen und neue Mutationen auszubremsen. Wer geimpft ist, erkrankt nicht an Covid-19 oder entwickelt nur leichte Symptome. Finden keine schweren Verläufe mehr statt, haben wir die Pandemie überwunden. Dann leben wir mit SARS-CoV-2 wie mit jedem anderen Atemwegs-Virus.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung