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Ausgabe Nr. 02/2021 vom 12.01.2021, Fotos: Bikej Barakus/stock.adobe.com, HANDOUT/AFP/picturedesk.com
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Josef Aschbacher wurde am 7. Juli 1962 als ältestes von sechs Kindern in Ellmau (Tirol) geboren. Seine Eltern führten einen Bergbauernhof, der nun von seinem Bruder Michael bewirtschaftet wird. Aschbacher studierte Meteorologie und Geophysik in Innsbruck und arbeitete seit 1990 in verschiedenen Funktionen der ESA. Im Jahr 2016 wurde er zum Direktor der Erdbeobachtungsprogramme bestellt. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
„Neues zu entdecken, liegt in der Natur des Menschen“
Als Josef Aschbacher im Alter von sieben Jahren die Mondlandung der Apollo-11-Mission am 20. Juli 1969 vor dem Fernsehgerät mitverfolgte, war es um den Tiroler Bergbauernbub geschehen. Die Faszination Weltraum ließ ihn nicht mehr los. Jetzt, 51 Jahre später, wurde der 58jährige zum Chef der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) mit Sitz in Paris (Frankreich) berufen. Eine Sensation. Die WOCHE-Reporterin Barbara Reiter hat mit dem studierten Geophysiker gesprochen.
Herr Dr. Aschbacher, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung zum Generaldirektor der Europäischen Weltraumbehörde (ESA). Sie werden im Juli den Chefsessel übernehmen. Damit dürfte das doch eigenartige Jahr 2020 für Sie recht positiv ausgefallen sein?
Ja, das stimmt. Für mich persönlich war es ein gutes Jahr. Abgesehen von der Wahl zum Generaldirektor waren wir auch bei der Erdbeobachtung ziemlich erfolgreich. Wir haben im Jahr 2020 drei Satelliten ins All gebracht, die unglaublich präzise Daten liefern. Einer der Satelliten ist so klein, dass er kaum zu bemerken ist, er arbeitet aber bahnbrechend, weil er einen künstlichen Intelligenzchip an Bord hat, den wir im Weltall nützen können. Er liefert vorbearbeitete Ergebnisse, die wir dann auf den Mond schicken können. Das sind große Erfolge.
Sie arbeiten seit vielen Jahren für die ESA in führender Position. Der Weltraum begeistert Sie, seit Sie im Alter von sieben Jahren vor dem Fernseher die Mondlandung der Amerikaner mitverfolgt haben …
Ja, damals wurde ich mit dem Weltraum-Virus infiziert und er hat wirklich dauerhafte Veränderungen in meinem Gehirn verursacht. Es war mir als Kind unmöglich, mir vorzustellen, wie jemand auf dem Mond spazierengehen kann, den ich allabendlich vor dem Einschlafen gegrüßt habe. Ich wollte mehr darüber herausfinden, was mich schlussendlich über die Schule und das Studium zur ESA gebracht hat.
Sie sind derzeit noch für die Erdbeobachtung verantwortlich. ESA-Bilder aus dem All haben während der Corona-Pandemie gezeigt, wie sich die Natur erholt hat. Die ganze Welt hat darüber berichtet. Macht Sie das stolz?
Natürlich, aber noch mehr geht es uns darum, den Puls unseres Planeten zu fühlen. Dass wir mit den Satelliten Messungen der Erdoberfläche, der Atmosphäre und der Ozeane durchführen, um besser verstehen zu können, wie das System Erde funktioniert. Und dass diese Beobachtungen für bessere Vorhersagen, nicht nur für das Wetter, sondern auch zur Luft- und Wasserverschmutzung dienen. Wir haben derzeit das beste Beobachtungsprogramm der Welt. Darauf können wir stolz sein, weil meistens nur die Amerikanische Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft (NASA) in die Schlagzeilen kommt, wenn es um den Weltraum geht.
Fällt es Ihnen schwer, so eine erfolgreiche Arbeit aufzugeben, um womöglich auf einen Schleudersitz zu wechseln, der politisch beeinflusst ist?
Die Aufgaben werden größer, keine Frage. Aber auch in der Erdbeobachtung hat es viele politische Diskussionen gegeben. Unser Programm „Copernicus“, mit dem Ziel, den Zustand der Erde für Unternehmen, Behörden und Bürger zu erfassen, hat die ESA gemeinsam mit der EU durchgeführt. Da gab es äußerst komplexe Verhandlungen. Viele Länder auf EU- und ESA-Seite haben unterschiedliche Interessen, die unter einen Hut gebracht werden mussten.
Der deutsche ESA-Chef Johann-Dietrich Wörner, den Sie im Juli ablösen, hat die Vision von einem Dorf auf dem Mond. Der Mensch würde aufgrund der Atmosphäre in einer Art Kapsel leben müssen. Ist das erstrebenswert?
Die Erkundung des Weltraumes passiert, egal, ob es die ESA gibt oder nicht. Vor allem im Silicon Valley (USA) wird viel privates Geld in die Erforschung und Eroberung des Weltraumes investiert. Der Trend ist stark.
Warum hat ein Amerikaner wie Tesla-Gründer Elon Musk bei Weltraumflügen die Nase vorn?
Firmen wie Musks „SpaceX“ sind deshalb so erfolgreich, weil es in den USA pro Jahr etwa 40 Raketenstarts gibt, bei uns sind es weniger als zehn. Der heimische Markt ist ein anderer. Eine meiner ersten Reisen als Direktor der Erdbeobachtung führte mich im Jahr 2016 zehn Tage ins Silicon Valley, südlich von San Francisco im US-Staat Kalifornien. Ich habe mir Firmen wie „SpaceX“ angesehen und was sie erfolgreich macht. Gute Mitarbeiter wie dort haben wir auch, wo Amerika aber die Nase vorne hat, sind das Geld und die Zeit. Alleine an einer Straße im Silicon Valley sind nicht nur die großen Firmen zu finden, sondern auch fast zwei Drittel der Geldgeber für neue Investitionen. Man trifft sich in der Bar und findet bei einem Geränk heraus, wer die cleveren Menschen sind. Auch Entscheidungen werden dort rasch gefällt. „Fail, Fast, Forward“ lautet das Motto, also schnell etwas probieren, ein Risiko eingehen, auf die Nase fallen, wieder aufstehen und weitermachen. Da müssen wir aufholen, hier sehe ich auch die Rolle der ESA. Es gibt Firmen und Banken, die in unser Unternehmen investieren wollen.
Wenn jemand weiß, wie er Geld auftreiben kann, sind das wahrscheinlich Sie. Sie mussten ja auch Ihr Studium selbst finanzieren …
Ich komme aus relativ einfachen Verhältnissen in Tirol. Wir waren sechs Kinder auf einem Bergbauernhof. Meine Eltern hätten es sich nicht leisten können, meinen Aufenthalt in Innsbruck zu bezahlen. Ich habe mich ab meinem 17. Lebensjahr selbst erhalten und an der Uni Innsbruck als Teilzeitangestellter Projekte entwickelt und zusätzlich andere Arbeiten angenommen, um mein Studium zu finanzieren. Anders wäre es nicht gegangen.
Aufgewachsen in der Natur, streben Sie nun die Kommerzialisierung des Weltraumes an. Warum soll ein Mensch zum Mars fliegen, geschweige denn dort leben wollen?
Jetzt müssen wir erst einmal sehen, wie der Mensch dort überhaupt leben kann. Da sind viele Fragen offen. Ich glaube, die Frage, ob ein Leben dort erstrebenswert ist, stellt sich nicht. Neues zu entdecken, liegt in der Natur des Menschen. Vor etwas mehr als 500 Jahren wurde Amerika entdeckt, die Auswanderer hatten den Drang, aus Europa wegzukommen und über den Ozean zu fahren. Bei der Landung in Amerika wusste niemand, wo er eigentlich ist, trotzdem wurde ein neuer Kontinent geschaffen. Der Mond ist mittlerweile zumindest betreten worden, die große Unbekannte ist der Mars. Früher oder später wird Leben dort kommen.
Wagen Sie eine zeitliche Prognose?
Das ist spekulativ. Elon Musk hat im Jahr 2017 bei einer Veranstaltung erzählt, dass er bereits 2024 auf den Mars fliegen will. Das wird nicht passieren, weil die Technologie nicht ausgereift genug ist. In dieser Dekade wird meiner Ansicht nach kein Mensch zum Mars fliegen. Sehr wahrscheinlich in den 30er Jahren.
Sie haben sich im Jahr 1991 für die einzige bemannte Weltraummission unseres Landes zum Mond, „Austromir“, beworben. Das hat nicht geklappt. Haben Sie nach wie vor den Wunsch, ein Mal ins All zu fliegen?
Das hätte mich damals ohne Zweifel gereizt, heute bin
ich zu alt dafür und es ist nicht mehr relevant. Aber der Flug ins All wird mich immer faszinieren. Einer der Höhepunkte meiner neuen Stelle als Generaldirektor wird sein, dass ich mehr mit Astronauten zu tun haben werde. Darauf freue ich mich ungemein.
Es gibt diesen lateinischen Satz „per aspera ad astra“, „durch Mühsal gelangt man zu den Sternen“. Trifft das auf Ihren Werdegang zu?
Absolut. Ich würde aber nicht eine Sekunde zweifeln, meinen Weg trotz aller Mühen und der Fehler, die ich gemacht habe, noch einmal zu gehen.
Stimmt es, dass Sie schon als Kind ein Buch am Tag verschlungen haben?
Ich habe mir wirklich jeden Tag ein Buch ausgeliehen und am nächsten Tag zurückgebracht. Es wurde schon vermutet, dass ich die Bücher nur ausleihe, um ein Kreuz auf meiner Leihkarte zu bekommen. Aber ich habe jedes Buch gelesen, weil ich neugierig und wissbegierig war. Nachdem mir meine Eltern nicht alle Fragen beantworten konnten, haben sie mich in die Pfarrbibliothek in der Volksschule Ellmau geschickt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich jede Nacht mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen.
Welches Buch hat Ihnen besonders gefallen?
Am Anfang habe ich gelesen, was ich kriegen konnte. In der Pfarrbücherei war die Auswahl nicht so groß. Was mich immer interessiert hat, waren Bücher über Phänomene oder Geheimnisse. Das schönste Buch habe ich von meinem Vater über den Mondflug bekommen, mit Zeichnungen, wie eine Rakete funktioniert, die Menschen auf den Mond und wieder zur Erde zurückbringt. Das hat mich fasziniert.
Sie leben derzeit in Italien. Wo werden Sie ab Juli Ihren Wohnsitz haben?
Der ESA-Chef lebt in Paris. Ich werde also nach Frankreich zurückkehren, wo ich schon einmal gelebt habe.
Sie haben auch in Thailand gelebt. Sprechen sie die Sprachen jener Länder, in denen Sie waren?
Damals, in Thailand, habe ich relativ umgängliches Thai gesprochen. Ich konnte mit den Menschen sprechen und etwas bestellen. Das ist mittlerweile 30 Jahre her, also ich habe viel vergessen. Französisch habe ich während der Arbeit aufgeschnappt, Italienisch spreche ich relativ gut. Es ist wichtig, trotz seines Einsatzes für die Arbeit, Sprache und Menschen kennenzulernen. Es ist vielleicht Teil meiner Wissbegierde, die Seele eines Landes ergründen zu wollen. Ich möchte die Menschen besser verstehen. Dazu gehört auch die Sprache.
Es heißt, die Welt von oben zu sehen, ändert die Sicht auf die Dinge …
Wenn ich die Nachrichten oder die Sozialen Medien verfolge und sehe, was die Menschen bewegt, frage ich mich manchmal schon, ob wirklich alles so wichtig ist, worüber diskutiert und gestritten wird. Eigentlich müssten wir die Dinge viel öfter wie ein Astronaut von oben aus der Distanz betrachten. Diese Sichtweise hat mir geholfen, größere Zusammenhänge zu verstehen.
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