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Ausgabe Nr. 01/2021 vom 04.01.2021, Fotos: Steven Bergman/AFF/ddp images, zVg
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„Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade daraus.“ Michael J. Fox versprühte mit seinem Leitsatz stets Optimismus.
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Sein neues Buch mit Einblicken in ein qualvolles Leben.
„Ich ging zu Boden, als habe mich ein Blitz getroffen“
Er unternimmt alles, um den Verlauf seiner Parkinson- Erkrankung einzudämmen. Doch sie schreitet voran. In seiner neuen und bereits vierten Autobiografie beschreibt der beliebte Schauspieler Michael J. Fox, wie schwer sein Leben mittlerweile geworden ist. Und dass er sich einer gefährlichen Operation am Rückgrat unterziehen musste. Er ist ein Optimist, doch irgendwann beginnt jeder zu verzweifeln.
Ich gehe zu Boden. Es ist, als habe mich ein Blitz getroffen. Ich kann gerade noch meinen Kopf drehen, um mein Gesicht vor den Küchenfliesen zu schützen. Ich versuche, mich aufzustützen, doch ich fühle meinen linken Arm nicht mehr. Ich krieche auf dem Bauch unter einem Tisch durch zum Wand-Telefon. Es hängt zu hoch.“
Mit diesen Worten beschreibt der beliebte
Filmschauspieler Michael J. Fox, 59, in seinen kürzlich in Amerika erschienenen vierten Memoiren ohne Selbstmitleid den „dunkelsten Augenblick meines Lebens“.

Bereits 700 Millionen Dollar fr die Forschung gesammelt
Fox leidet seit nahezu 30 Jahren an der Parkinson-Krankheit, einer fortschreitenden Störung der Hirnfunktionen, und zeigt bewundernswerten Optimismus. Angelehnt an seinen früheren Erfolgsfilm „Zurück in die Zukunft“ aus dem Jahr 1985 trägt die Autobiografie den Titel „No Time Like The Future“ (Deutsch: „Keine Zeit ist wie die Zukunft“). Mit seinen vier Büchern, in denen er über seine Schüttel-Lähmung berichtet, will Fox die Aufmerksamkeit der Menschen wecken und die medizinische Forschung vorantreiben. Er hat mit einer eigenen Stiftung bereits 700 Millionen Dollar gesammelt und in die Erforschung der Krankheit investiert.

Der am 9. Juni 1961 im kanadischen Edmonton geborene Darsteller trat selbst immer wieder als Botschafter auf und sprach sogar vor dem amerikanischen Senat über seine Krankheit. Er verlor aber bei aller Ernsthaftigkeit seinen charakteristischen Humor nie. Als er in einem Ferienresort in der Karibik dem „Rolling Stones“-Gitarristen Keith Richards begegnete, notierte er trocken: „Oh Gott, der Mann sieht besser aus, als ich mich fühle.“

Denn dem Publikums-Liebling machte in den vergangenen Jahren nicht nur die Parkinson-Erkrankung zu schaffen. Dass er sich am 13. August des Jahres 2018 auf den Bodenfliesen der Küche wiederfand, hatte andere Ursachen.
Der Hollywood-Darsteller war allein mit seinem Hund in der Wohnung im New Yorker Stadtteil Manhattan. Tags zuvor hatte er seine Frau Tracy Pollan, 60, mit der er seit 32 Jahren verheiratet ist und vier Kinder hat, auf der fünf Autostunden entfernten Insel Martha‘s Vineyard (US-Staat Massachusetts) zurückgelassen, wo sie Urlaub machten. Um 6.30 Uhr in der Früh betrat er die Küche, um Kaffee zu machen. Ihm wurde schwindlig, wie in den Wochen davor, und er fiel zu Boden.

„Ich dachte sofort, ich würde für immer gelähmt bleiben“, erzählt er. Ein Arm war gebrochen, doch die Ärzte im Spital konnten ihn beruhigen, „Sie haben Glück gehabt, Ihre Knochen sind so stark wie die eines Fünfundzwanzigjährigen“, meinten sie. Der Arm war bald versorgt, doch im Gegensatz zur heimtückischen Parkinson-Krankheit, mit der Fox zu leben gelernt hatte, löste diese Verletzung eine tiefe Krise mit Depressionen aus.

Die Gründe dafür waren in der Vergangenheit zu finden. Vier Monate zuvor hatten Chirurgen einen schmerzhaften Tumor aus der Wirbelsäule entfernt. Das wirkte sich nun unerwartet verspätet aus. Neurologen hatten seit Jahren ein kleines Wachstum am Rückgrat von Fox beobachtet, rieten aber von einer Operation ab, solange der Tumor schlief. Nun hatte der Schauspieler Schmerzen, und neue Bilder zeigten eine leichte Blutung – eine ernste Warnung.
„Als ich das Büro des Spezialisten Dr. Nicholas Theodore im Johns Hopkins Spital in Baltimore (US-Staat Maryland) betrat, verlor ich die Balance und musste mich am Türrahmen festhalten“, erzählt Fox. „Der Arzt sagte, eine Operation sei riskant, könne mich paralysieren. Aber ohne Eingriff würde ich nicht überleben.“

Die fünf Stunden dauernde Operation verlief ohne Komplikationen. „Doch nun, 16 Wochen später, lag ich zu Hause bewegungsunfähig in meiner Küche“, sagt Fox. „Das machte mich fertig. Ich hatte mich immer für einen Optimisten gehalten. Heute weiß ich: Positivismus ist ein Geisteszustand, den man sich erarbeitet. Damals war ich vor Schreck nicht fähig dazu. Heute schaffe ich es wieder.“
Dass er damals gerettet wurde, verdankt er seinem Kämpferherz. Mit der rechten Hand war es ihm gelungen, an das Mobiltelefon in der Hosentasche heranzukommen, dann rief Fox seine Assistentin an. Bis sie in der Wohnung in Manhattan eintraf, leistete ihm seine zwölf Jahre alte treue Deutsche Dogge „Gus“ Gesellschaft. Als wolle der Hund sein Herrchen trösten, leckte er Fox die Hände ab.

Hilfreiche Hände, die waren immer zur Stelle, wenn er sie benötigte. Vor allem jene seiner Frau Tracy, die er bei gemeinsamen Dreharbeiten kennengelernt hatte. Als er dann im Jahr 1991 die Diagnose Parkinson gestellt bekam, weil seine Finger zu zucken begonnen hatten und er nicht mehr Gitarre spielen konnte, fehlten ihm ihr gegenüber die Worte. „Spezialisten gaben mir noch zehn Jahre, in denen ich meinen Beruf ausüben würde können“, erinnert sich der Schauspieler.

„Ich wusste nicht, wie ich es Tracy sagen sollte“, berichtet er. „Ich ging heim und erklärte ihr: ‚Ich habe Parkinson.‘ Wir weinten, hielten einander fest, fürchteten uns. Wir hatten keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Dass ich nicht völlig verrückt wurde, verdanke ich Tracy, sie hat mich gerettet.“ Sie verstand es, ihn mit harten Worten zu bändigen. Denn Fox, der zuvor schon mit Drogen und Alkohol zu kämpfen hatte, trank nach der Diagnose noch mehr.

Mit Brumm-Schädel auf dem Sofa
„Ich drehte durch, gefährdete meine Ehe, meine Arbeit.“ Eines Tages wachte er in der Früh mit brummendem Kopf auf dem Sofa im Wohnzimmer auf. Der Teppich war feucht von verschüttetem Dosenbier. Sam, der damals kleine Sohn des verkaterten Darstellers, hatte ihn an der Nase gekitzelt. „Im nächsten Augenblick betrat Tracy den Raum“, erzählt Fox. „Sie stand vor mir, schaute mich an und fragte, nicht im Geringsten verärgert, sondern traurig: ‚Ist es das, was du willst?‘“

Es genügte, um das Trinken für immer sein zu lassen. „Das Werkzeug, das mir half, den Alkohol aufzugeben, war das Akzeptieren meiner Sucht“, erklärt der Schauspieler. Die Wahrheit zu erkennen und anzunehmen, sei der erste Schritt zu einem ausgeglichenen Leben. „Dann fürchte ich mich auch nicht mehr vor dem Sterben“, ist der 59jährige überzeugt.

„Ich habe diese Methode auch in meinem Leben mit Parkinson erfolgreich angewandt. Ich erkenne die Existenz der Krankheit an. Parkinson wird mein Leben bis zum Ende mit mir teilen.“
Sein Zustand habe sich nach der Tumor-Operation und dem schweren Sturz stabilisiert, meint Fox. Der Alltag ist dennoch schwer. „Mein Körper schüttelt sich. Ich falle zwei, drei Mal am Tag, manchmal noch öfter. Ich stürze aber geschickter und weniger gefährlich. Es wird zur Routine.“

Seinen Lieblingssport Golf musste er aufgeben. Auch das Spielen auf der Gitarre. „Mein Zeichnen ist ebenfalls schlecht geworden, auch mein Kurzzeit-Gedächtnis.“ Sein Medizin-Cocktail wirke aber, sagt er. Der Blutdruck sei gut und er schlafe besser. Zum Filmen reiche dies indes nicht aus.
„Ein Sessel, ein Rollstuhl oder ein Tisch zum Festhalten würden es vielleicht tun. Aber wenn ein Schauspieler seine Worte vergisst oder nicht mehr klar sprechen kann, sollte er aufhören. Mein Leben ist ruhig geworden. Ich schreibe viel, lese und kümmere mich um meine Stiftung ‚Fox Foundation‘, auch alte Filme sehe ich mir gern an, zum Beispiel Western. Die sind spannend und ich bin dabei noch nicht vom Sofa gefallen.“

Um das Sprechen nicht zu verlernen, nimmt er Sprach-
unterricht, in dem er laut schreien muss. Das bringt ihn zum Lachen.
„Das Letzte, was uns bleibt, ist die Zukunft“, meint der 59jährige in Anlehnung an seine berühmte Filmreihe, fügt allerdings noch hinzu: „Bis wir auch diese nicht mehr haben."
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