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Ausgabe Nr. 53/2020 vom 29.12.2020, Foto: Frank Wartenberg Ò Stars / Picture Press / picturedesk.com
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Gitte Haenning, geboren am 29. Juni 1946 in Aarhus (Dänemark), wurde mit „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ 1963 zu einer der beliebtesten Schlagersängerinnen. Seit den 1980er Jahren tritt sie mit Texten des Librettisten Michael Kunze als Popsängerin in Erscheinung. Ihr Repertoire umfasst weiters Blues, Jazz, Musical und dänische Volkslieder.
Haenning, die in Berlin (D) lebt, war von 1974 bis 1977 mit ihrem Manager Jo Geistler verheiratet. In den 1980ern war sie mit dem Regisseur Pit Weyrich, in den 1990ern mit dem Musical-Produzenten Friedrich Kurz liiert.
"In mir schlummert ein kleiner Rebell"
Sie besang den Cowboy, den sie als Mann wollte. An der Seite von Rex Gildo stürmte sie mit „Vom Stadtpark die Laternen“ die Hitparaden. Mit ihrem charmanten dänischen Akzent spricht die Sängerin Gitte Haenning, 74, über Applaus, Religiosität und erklärt, warum sie sich ständig schwanger fühlt.
Frau Haenning, wie sind Sie bis jetzt mit der Corona-Zeit zurechtgekommen?
Sehr gut. Aber natürlich hat Corona auch mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass meine Auftritte und Konzerte gestrichen wurden. Zum Glück kann ich damit umgehen. Schlimm trifft es jene Künstler, die enorme finanzielle Einbrüche verkraften müssen.
Sie müssen sich also keine Sorgen um Ihre Existenz machen?
Nein, das musste ich noch nie. Mir wurde eine große Freiheit geschenkt. Das Geschenk, ein unabhängiges Leben führen zu dürfen, achte ich sehr.
Sie waren schon in jungen Jahren berühmt. Durften Sie deshalb zu wenig Kind sein?
Das sehe ich nicht so eng. Ich hatte schon eine Kindheit, verbunden mit schönen Erinnerungen an mein Heimatland Dänemark. Ich denke, dass ich schneller erwachsen wurde als andere.
Wie meinen Sie das?
Ich habe im Kindesalter das Unterhaltungs-Geschäft hautnah erlebt. Dadurch war ich mittendrin in der Arbeitswelt der Erwachsenen. Damals habe ich schon gerne beobachtet und für mich gelernt, dass es besser ist, zu lachen, als zu nörgeln oder griesgrämig zu sein.
Nörgeln Sie nie?
Natürlich rege ich mich hin und wieder ganz schön auf, aber immer mit einer Prise Humor. Das gelingt mir deshalb, weil ich mich selbst nicht ernst nehme. Außerdem ist es anstrengend, sich zu ärgern. Das kostet nur Energie, die ich lieber für meinen Beruf verwende. Ich bin eben positiv gestrickt, mein Kopf ist immer noch voller Ideen.
Setzen Sie sich selber unter Druck?
Nein, wobei ich schon dazu neige. Wahrscheinlich deshalb, weil meine Mutter eine Perfektionistin war. Das Verhalten, mich nicht mit halben Sachen zufrieden zu geben, dürfte ich von ihr geerbt haben.
Es wird gemunkelt, dass Sie keine Schlager mehr singen möchten. Ist da etwas dran?
Jetzt verwende ich ausnahmsweise das Wort „Blödsinn“ und sage, was für ein Blödsinn, denn ich lehne den Schlager nicht ab. Er gehört zum Begriff „Musik“. Wie wir wissen, erreicht diese Musikrichtung ein großes Publikum. Schlager ist die leichte Muse. Was, bitte schön, ist daran zu verurteilen?
Dann bereuen Sie keines Ihrer Lieder?
Nein, meine Friseurin hat gesagt, dass Schlager-Musik durch ihre Beschwingtheit die Menschen zusammenbringt. Es ist überheblich zu sagen, dass Schlager keine echte Musik sei.
Mussten Sie sich jemals verbiegen?
Zum Glück nicht. In mir schlummert ein kleiner Rebell, ohne streitsüchtig zu sein. Ich sollte mich bei einer Veranstaltung an den Tisch eines wichtigen Politikers setzen, habe das aber dankend abgelehnt.
Warum wollten Sie das nicht?
Weil ich wusste, dass ich nicht anders konnte, als diesem Politiker meine Meinung zu sagen. Das hätte den Gästen die Stimmung verdorben. Was ich vermeiden wollte, das gebietet mir meine Erziehung.
Wie waren denn Ihre Eltern?
Sie waren für mich wundervolle Lehrer in Lebensweisheiten, haben gezeigt, was gutes Benehmen ist. Und dass es sich gehört, Respekt vor anderen Menschen zu haben. Außerdem hatte ich einen wunderbar kultivierten, älteren Gesangslehrer.
Was macht denn die Liebe? Sind Sie glücklich?
Oh, was macht die Liebe? Sie liebt. Es ist wunderbar, Liebe geben zu dürfen und Liebe zu bekommen. Ich habe Freunde und Freundinnen, mit denen mich tiefe Gefühle verbinden – losgelöst von körperlicher Liebe.
Sind Sie religiös?
Als Kind war ich äußerst religiös, was ich bis heute gut finde. Denn Kinder brauchen einen Halt, den die christliche Religion mit ihren „Zehn Geboten“ geben kann. Ich bin immer noch religiös, ich glaube an das Universum, an Freiheit, Kraft und Energie.
Sie selbst haben keine Kinder …
Nein, aber es gibt die beiden wunderbaren Kinder meiner Schwester. Auf künstlerischer Ebene habe ich viele Babys geboren. Ich fühle mich ständig schwanger mit Ideen, und zwar so lange, bis ich tot umfalle.
Womit sind Sie zur Zeit schwanger?
Ich wollte einen erotischen Liebesroman schreiben, habe mich inzwischen aber für ein anderes Thema entschieden. Eine Autobiografie wird es sicher nicht.
Obwohl die schon spannend wäre …
Ich fühle mich nicht so wichtig. Außerdem würde ich denken, dass ich die Menschen langweile. Ich stelle mich selbst noch immer in Frage. Ich bin nicht höher, größer oder besser als andere, sondern ein ganz normaler Mensch mit einer kleinen Gabe. Jeder von uns hat eine Gabe, die oft nicht gesehen wird. Applaus verdienen andere mehr als ich.
Wer denn?
Diejenigen, die Tag für Tag Großartiges leisten. Ärzte, Pflegepersonal, Mütter, die ihre kranken Kinder betreuen. Oder auch die Männer von der Müllabfuhr, die dem Gestank unserer Abfälle ausgesetzt sind, verdienen mehr Applaus als ich.
Haben sich all Ihre Träume erfüllt?
An jedem Tag verwirklicht sich für mich ein kleiner Traum, selbst wenn es „nur“ kochen ist, um dann das köstliche Essen zu genießen. Allerdings sollte ich in dieser Hinsicht etwas zurückschalten. Diese vielen, vielen Kalorien, ich nenne sie Corona-Ruhezeit-Kalorien. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Trotzdem freue ich mich auf zwei gekochte Eier mit etwas Salz und einem Butterbrot. Herrlich, das Leben ist schön.
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