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Ausgabe Nr. 47/2020 vom 17.11.2020, Foto: HEINZ-PETER BADER / REUTERS / picturedesk.com
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Die Wiener Ringstraße wurde etliche Male für einen autofreien Tag gesperrt.
Ein Tag ohne Auto
Es gab ihn schon einmal hierzulande, den sogenannten „autofreien Tag“. Das war in den 70er Jahren, um in der Ölkrise Treibstoff zu sparen. Heute rückt die Klimakrise solche Maßnahmen wieder in den Mittelpunkt. Die Meinungen gehen aber auseinander.
Leergefegte Straßen gab es am 22. September nicht. Nur wenige wissen, dass dieser Tag seit Anfang der 2000er Jahre in der EU als „autofreier Tag“ gilt, selbstverständlich auf freiwilliger Basis.

Anders war das im Jahr 1974. Als Reaktion auf die Ölkrise mussten sich die heimischen Autofahrer für einen Tag ohne Pkw entscheiden. Das Wochentagskürzel für den gewählten Tag stand auf einem Pickerl, gut sichtbar hinter der Windschutzscheibe. Der autofreie Tag währte aber nicht lange, denn nach fünf Wochen war die Ölkrise wieder vorbei.

Die Klimakrise rückt Maßnahmen wie den autofreien Tag jedoch wieder in den Mittelpunkt. Aus Sicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace macht er auch Sinn. „Hierzulande gibt es mehr als fünf Millionen Pkw. Würde jeder Autofahrer nur einen Tag pro Woche auf das Auto verzichten, könnten wir jährlich etwa 1,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das ist so viel, wie knapp 770.000 Autos pro Jahr verursachen, was mehr als allen Wiener Pkw entspricht“, erklärt der Mobilitätsexperte Herwig Schuster.

"Ein autofreier Tag gefährdet Arbeitsplätze"
Einem verpflichtenden autofreien Tag steht er dennoch skeptisch gegenüber. Schuster verweist darauf, dass der autofreie Tag in den 70ern nur wenig tatsächliche Besserungen herbeigeführt hat. „Die meisten Menschen entschieden sich für einen Tag, an dem sie ohnehin nicht gefahren wären oder borgten sich ein anderes Auto aus. So etwas ist für den Klimaschutz natürlich kaum nützlich.“

Der Experte will stattdessen Anreize für klimafreundliche Mobilität schaffen, etwa durch den Öffi-Ausbau, eine fußgänger- und fahrradfreundliche Infrastruktur und günstige Preisgestaltung von Bus und Bahn, etwa durch das angekündigte „1-2-3-Ticket“.

Skeptisch ist auch der Leiter der Interessenvertretung des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touringclubs (ÖAMTC), Bernhard Wiesinger. „Der autofreie Tag in den 70ern war eine Antwort auf Versorgungsengpässe wegen des Ölembargos der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) gegen den Westen. 2020 macht das keinen Sinn, sondern würde unserer Produktivität schaden und somit Arbeitsplätze gefährden.“

Wiesinger spricht sich stattdessen für einen bewussten Umgang mit dem Auto aus sowie für einen höheren Besetzungsgrad von Pendlerfahrzeugen. Dieser liegt derzeit bei rund 1,3 Personen pro Fahrzeug. Im Schnitt sind zwei Drittel aller Pkw nur mit dem Fahrer besetzt. „Wenn aber ein Auto von drei Personen statt nur von einer genutzt wird, bringt das eine CO2-Entlastung um ein Drittel.“

Um Fahrgemeinschaften, auch über Mobiltelefon-Apps, attraktiver zu machen, fordert Wiesinger veränderte gewerbliche und steuerliche Bedingungen. „Denn derzeit dürfen Pkw-Lenker, die eine Fahrgemeinschaft bilden, lediglich fünf Cent pro Kilometer von jedem Mitfahrenden verlangen. Wer mehr verlangt, kann Probleme mit der Finanz bekommen.“ Die sogenannte Gewerblichkeitsgrenze soll daher wegfallen. Wiesinger rechnet aber auch damit, dass der verstärkte Trend zur Heimarbeit zu einer Entspannung im Berufsverkehr beitragen wird.

Dass die Straßen Corona-bedingt leerer werden, scheint aber nicht allen recht zu sein. Ein Analyst der Deutschen Bank hat etwa angeregt, Angestellte, die in Heimarbeit sind, höher zu besteuern. Konkret fast acht Euro pro Tag, weil sich die Mitarbeiter Fahrtkosten und teureres Essen ersparen. Damit erntete er aber viel Spott, auch vor dem Hintergrund, dass die CO2-Emissionen des Verkehrs und damit die Umweltbelastung seit Jahren steigen.

Der Sprecher des Vereines Mobilität mit Zukunft (VCÖ), Christian Gratzer, plädiert dafür, möglichst oft einen autofreien Tag einzulegen. „Immerhin ist jede zehnte Autofahrt kürzer als ein Kilometer, vier von zehn Autofahrten sind kürzer als fünf Kilometer und könnten daher mit dem Fahrrad zurückgelegt werden.“

Auch Unternehmen können autofreie Tage forcieren. Die Firma Sattler Energie Consulting in Gmunden (OÖ) mit 22 Beschäftigten hat den durch Arbeits- und Dienstwege verursachten CO2-Ausstoß innerhalb von vier Jahren um mehr als die Hälfte reduziert. „Mittlerweile wurden fast 50 Prozent der Autofahrten und alle Flüge durch Bahnfahrten ersetzt. Außerdem wurde die Fahrzeugflotte durch zwei E-Autos ergänzt, mit denen heute 78 Prozent der Auto-Kilometer für Kundenbesuche zurückgelegt werden“, erklärt der Geschäftsführer Peter Sattler. Diese Vorbildwirkung hat auch andere Beschäftigte motiviert, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad ins Büro zu kommen.

Für einen autofreien Tag spricht sich auch der Verkehrsplaner und WOCHE-Kolumnist Dr. Hermann Knoflacher aus, zumal er leicht elektronisch umsetzbar wäre. Er plädiert dafür, den autofreien Tag von ein Mal pro Jahr auf ein Mal pro Monat und später auf ein Mal pro Woche auszubauen. „Damit könnten wir uns behutsam auf eine weitgehend autofreie Zukunft vorbereiten, um die wir ohnehin nicht herumkommen werden.“

"1-2-3-Öffi-Ticket" kommt 2021:
  • Ein Bundesland für einen Euro pro Tag, zwei Bundesländer für zwei Euro und das ganze Land für drei Euro. Das sind die Eckdaten des „1-2-3-Tickets“, das 2021 kommt. Es soll möglichst für alle Öffis gelten.
  • Zunächst wird es eine landesweite Jahreskarte um 1.095 Euro geben. Für Jugendliche unter 26 Jahren und Senioren über 64 kostet sie nur 820 Euro.
  • Am 13. Dezember tritt der neue Fahrplan der Österreichischen Bundesbahnen in Kraft. Es sind Ausweitungen von rund 2,3 Millionen Zugkilometern geplant. Etwa eine neue Frühverbindung von Graz (Stmk., ab 4.14 Uhr) nach Wien (an 7.02 Uhr) und eine neue Spätverbindung von Wien (ab 22.58 Uhr) nach Graz (an 01.33 Uhr).
260 Mal zum Mond und wieder zurück:
  • Rund 200 Millionen Kilometer legt die heimische Bevölkerung jeden Tag mit dem Auto zurück.
  • Das entspricht der Distanz von 260 Mal zum Mond und wieder zurück.
  • Nur 35 Millionen Kilometer werden als Mitfahrender zurückgelegt.
  • Fast elf Millionen Liter Sprit werden täglich verbrannt und fast 27 Millionen Kilo CO2 pro Tag verursacht.
  • Das entspricht in etwa dem eineinhalbfachen Gewicht des Donauturmes in Wien beziehungsweise könnten damit rund 3.400 Heißluftballone befüllt werden.
  • Der heimische Pkw-Verkehr (das sind mehr als fünf Millionen Fahrzeuge) verursacht insgesamt ein Fünftel der heimischen Treibhausgase.
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